
- Remstal - Wengerterhütte - M. Allgaier
Wie viele andere Weinregionen auch, hat sich der Weinbau im Remstal seit den 80er Jahren stark verändert – und damit auch die überregionale Wahrnehmung. Das Bild vom Land der dünnen Trollinger, das sich auf ganz Württemberg bezog, ist nicht nur im Remstal längst überholt. Denn dieser muss sich seinen Platz längst nicht nur mit Riesling, Lemberger und Spätburgunder teilen, sondern auch mit einer Vielzahl neuer Rebsorten. Doch das ist nur ein Aspekt des Wandels, den diese Gegend östlich von Stuttgart - die etwa von Fellbach bis nach Schorndorf reicht - seit einiger Zeit erlebt.
Junge Winzer setzen auf Qualität
Hier kommt immer mehr eine junge Winzergeneration ans Ruder, die nicht nur gut ausgebildet ist, sondern auch der Qualität einen viel höheren Stellenwert gibt, als das früher bisweilen der Fall war. Ertragsbeschränkung und intensivere Weinbergsarbeit sind nur ein Aspekt für bessere Weinqualität, langsame Maischegärung bei den Rotweinen ein anderer. Was andernorts eine Selbstverständlichkeit ist, setzt sich hier eher langsam durch. Es sind halt nach wie vor gefällige und unkomplizierte Viertelesweine, die sich gut verkaufen lassen und die bekommen mittels Maischeerhitzung vor allem von den Genossenschaften ihren schlichten Charakter aufgeprägt.
Neue Rebsorten werden im Remstal heimisch
Aber – und das ist neu - wenn man vom Wein aus dem Remstal spricht, meint man zunehmend die Einzelerzeuger, die einen anderen Weg gehen. Das Qualitätsstreben führt nicht nur dazu, dass seit den letzten 20 Jahren extraktreichere Weine erzeugt werden, sondern auch, dass mit neuen Rebsorten experimentiert wird, die im Zuge des Klimawandels immer besser in die Gegend passen. Wenn die Vegetationsphase länger wird, haben - bei allen neuen Risiken - Rebsorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah eine Chance auszureifen und bringen zunehmend gute Ergebnisse. Ebenso wie Cabernet-Neuzüchtungen und die Zweigeltrebe.
Den Sauvignon Blanc gab es hier als Muscatsylvaner
Doch hier zeigt sich auch ein anderer Aspekt des Wandels: eine Bewegung zurück zu alten Wurzeln. Zum Beispiel, wenn eine ehemals verbreitete Rebsorte in Vergessenheit gerät und viele Jahrzehnte später unter neuem (und international gängigem) Namen wieder fest zum Repertoire der heimischen Winzer gehört. Die Rede ist vom Sauvignon Blanc, der im Remstal bereits vor 150 Jahren als Muscatsylvaner bekannt war und der hier erstaunlich charaktervolle Weine hervorbringt.
Die Individualisten unter den Winzern ernten Anerkennung
Für Veränderungen braucht es immer Pioniere und eigenwillige Köpfe. Einige sind über die Grenzen des Schwabenlandes hinaus bekannt geworden:Jürgen Ellwanger etwa, der den Zweigelt und das Barriquefass im Remstal einführte. Ein anderer ist Albrecht Schwegler, der im Hauptberuf ein Unternehmen führt und daneben Rotweincuvées erzeugt, deren beste ganz weit oben in Europa mitspielen können. Jochen Beurer setzt im vom Rotwein dominierten Seitental des Neckars überwiegend auf ökologisch produzierten Riesling, der teilweise nach unterschiedlichen Bodentypen getrennt ausgebaut und spontan vergoren wird. Die vielfach ausgezeichneten Weingüter Aldinger und Schnaitmann werden zunehmend international wahrgenommen und den Deutschen Rotweinpreis hat nicht nur Markus Heid aus Fellbach ins Remstal gebracht.
Genossenschaften denken um
Dennoch sind die Individualisten hier immer noch eine Minderheit. Von den 1000 Hektar bewirtschaftet allein die Remstalkellerei 650. Das Genossenschaftssystem bringt aber auch ein grundsätzliches Problem mit sich. So sind die besten Lagen oft überwiegend im Besitz von Nebenerwerbswinzern, die ihr Traubenmaterial an die Genossenschaften liefern und von diesen nur nach Menge und Mostgewicht bezahlt werden. Faules Lesegut findet so schon mal den Weg in die Gärtanks und die weit verbreitete Maischeerhitzung tut ein übriges um viele Wein dünn und austauschbar zu machen. Doch auch hier findet allmählich ein Umdenken statt. Ambitioniertere Weine werden mittlerweile auch von einigen Genossenschaften produziert. Das zeigt, dass Qualität inzwischen einfach ein starker Trend ist.
Beim Weintreff lässt sich die Vielfalt der Remstalweine erkunden
Von der Qualität der Weine kann man sich übrigens jedes Jahr im Februar beim Weintreff in Fellbach selbst ein differenziertes Bild machen. Nämlich wenn, wie in 2011, 53 Weingüter aus dem Remstal und Stuttgart etwa 300 Weine zum Verkosten anbieten. Auf wenigen Metern ist hier ein intensiver Rundgang durch die Weinvielfalt garantiert – und der Beweis, wie weit sich das Remstal vom alten Trollingerklischee befreit hat.
