
- Rotweinpreis 2010 Ludwigsburg - Michael Allgaier
Der November ist jedes Jahr wieder der Monat der Wahrheit für die ambitionierten Winzer in Deutschland. Dann erscheinen die zwei wichtigsten Weinführer - Gault Millau und Eichelmann - und verkünden ihre Bewertung von Weinen und Winzern. Auch die Verleihung des Deutschen Rotweinpreises der Zeitschrift Vinum findet in dieser Zeit statt. Die Ergebnisse sind Honorierung der guten Arbeit von Erzeugern und gleichzeitig Orientierung für den Verbraucher. Doch gerade Letzterer reibt sich bei all den unterschiedlichen Bewertungen manchmal verwundert die Augen.
Weinbewertungen sind stets Momentaufnahmen
Nur ein Beispiel: Beim Gault Millau wird das württembergische Weingut Gerhard Aldinger aus Fellbach als beste Kollektion des Jahres ausgezeichnet, der Lemberger 2008 „Großes Gewächs“ als „der wohl beste jemals in Württemberg erzeugte Rotwein überhaupt“ bezeichnet, der als Lemberger „in neue Dimensionen strebt“. Unter den Siegern der Kategorie Lemberger des Deutschen Rotweinpreises taucht dieser Wein hingegen gar nicht auf. Doch verwunderlich ist das nur auf den ersten Blick. Weinbeurteilungen „sind nur Momentaufnahmen“, so Rudolf Knoll, Redakteur von Vinum. Weine stellen sich nicht immer gleich dar, sie sind Naturprodukte, entwickeln sich weiter und es kann durchaus Unterschiede von Flasche zu Flasche geben.
Es gibt zahlreiche Weinpreise, gerade international ist die Vielfalt sehr groß. Schnell verirrt sich da mal eine Meldung vom „besten Weißwein der Welt“ in die Medien. So hat Alexander Laible aus dem badischen Durbach einen immerhin sehr breit gefächerten Vergleich internationaler Weißweine, die Trophy „white wine of the year 2010“ bei der awc vienna für einen Chardonnay zwei Sterne trocken, Jahrgang 2009, gewonnen. Schnell war das Fernsehteam zu Besuch. Doch bester Weißwein der Welt? Ist das bei einem Preis von nur wenig über 10 € überhaupt möglich?
Viele Erzeuger machen bei Wettbewerben nicht mit
Auf die Konkurrenz kommt es hier an. Nicht die beeindruckende Zahl von über 10.000 verkosteten Weinen ist entscheidend, sondern die Zahl und Qualität der Winzer, die bei diesem Wettbewerb nicht teilgenommen haben. Hätte nur ein nennenswerter Teil der renommiertesten Weißweinerzeuger der Welt hier ihre meist sehr hochpreisigen Produkte eingeschickt, würde das Bild vermutlich ganz anders aussehen. So sympathisch der Sieger und so überzeugend der Gewinner-Wein auch ist - solche absolut formulierten Aussagen und Titel muss man immer relativieren.
Auch bei den jährlich erscheinenden Weinführern Eichelmann und Gault Millau werden Tausende von Weinen verkostet. Aber es sind natürlich nicht immer die gleichen. Schließlich müssen die Winzer ihre Weine dort erst einmal einschicken und nicht jeder ist dazu bereit. Manchmal spielen auch verletzte Eitelkeiten und das Gefühl, ungerecht beurteilt worden zu sein, eine Rolle. Mit der Folge, dass keineswegs alle Weine, die Chancen hätten zu bestehen, überhaupt wahrgenommen werden.
Hohe Bewertungen verteuern Preise
Dass Weinkritiken manchmal nicht nur Orientierungshilfen sind, wird beim Blick über den großen Teich besonders deutlich. Der Amerikaner Robert Parker ist Herausgeber des Wine Advocate und Autor zahlreicher Bücher über Wein und hat ganz unbestritten einen Einfluss auf die Preisgestaltung der Erzeuger. Produzenten, deren Weine hohe Punktzahlen von 90 Punkten und mehr bekommen, „passen“ ihre Preise oft entsprechend an. Schließlich ist die Bewertung für viele Kunden das wichtigste Kaufargument. Welch skurrile Blüten das mitunter hervorbringt, zeigt ein Blick in den aktuellen Katalog eines großen Versandhändlers. Dort wird ein Wein angeboten, der trotz einer guten Parker-Bewertung erstaunlich günstig geblieben sei. Allein aufgrund eines Schreibfehlers beim Namen des Winzers könne dieser Wein den Kunden angeboten werden, anderenfalls „wäre der Wein schon längst unterwegs nach Amerika“.
Preise und Weinführer sollten Orientierungshilfen sein, nicht mehr. Die Wahrheit sollte man nicht in solchen Büchern und Verkostungsnotizen suchen, sie liegt immer noch im Auge des Betrachters. Deshalb bleibt das Vergnügen am Naturprodukt Wein letztlich auch unkalkulierbar – und immer wieder spannend.
