
- Weißer Schatten von Deon Meyer - Aufbau Verlag
Es ist ein gewisses Risiko, einen Bodyguard mit zutiefst philosophischer Weltsicht als Protagonisten eines Krimis ins Rennen zu schicken. Deon Meyer tut dies in „Weißer Schatten“ mit seinem „Lemmer“, den er neben einem schwierigen Elternhaus auch noch mit einem Totschlag und Knastvergangenheit ausstattet. Das klingt gewagt, funktioniert aber, weil es Meyer ermöglicht, einen sehr psychologischen Blick hinter die Kulissen der südafrikanischen Gesellschaft zu werfen.
Die Story hinter „Weißer Schatten“ ist schnell erzählt. Wegen eines Angriffs auf sie engagiert Emma le Roux den Bodyguard Lemmer. Sie glaubt, dass der Angriff etwas mit dem Verschwinden ihres Bruders zwanzig Jahre zuvor zu tun hat. Bei ihren Nachforschungen im Lowveld soll Lemmer sie schützen. Da es nicht der einzige Angriff bleibt, glaubt ihr schließlich auch Lemmer und deckt eine alte Geschichte von politischen Verschwörungen, Mord, Wilderei und Waffenhandel auf, die ein eigenes Licht auf die südafrikanische Geschichte wirft. Die Thrillerhandlung, obwohl sie den Leser in Atemlosigkeit bei der Stange hält, ist es aber nicht, was diesen Roman ausmacht. Es ist Lemmers Blick auf die Menschen und seine Auseinandersetzung mit Emma über die afrikanische Gesellschaft, die ihre Nahrung aus der unterschiedlichen Herkunft der beiden bezieht.
Nebenbei bemerkt, verlieben sich Bodyguard und Mandantin natürlich ineinander, wie es ja fast schon zwangsläufig zum Genre gehört. Es schadet der Geschichte nicht, es erweitert Lemmers Persönlichkeit um einige interessante Facetten.
Weißer Schatten auf Südafrikas schwarzer Gegenwart
Emma le Roux, Lemmers Auftraggeberin, ist Afrikaans, also Burin, ebenso wie der Bodyguard selbst. Ihr Zaudern, als ehemalige Träger des Apartheitsregimes, selbst untereinander ihre Sprache zu sprechen, sich als Afrikaans zu outen, mit der Färbung zugleich die Herkunft preiszugeben, wird immer wieder thematisiert. All dies vermeiden Meyers Figuren immer wieder, indem sie Englisch miteinander reden. Noch schwieriger der Umgang mit Menschen schwarzer Hautfarbe: „Der farbige Polizist war der höherrangige der beiden (...er) befragte sie vorsichtig und mitfühlend in gutem, ordentlichen Afrikaans“.
Immer dient die Sprache, die Aussprache, die Sprachkompetenz zur Einordnung, zur Wertung. An anderer Stelle wieder – das Englische oder eine afrikanische Sprache - , um sich dahinter zu verstecken.
Meyer verleiht seinem Lemmer die Fähigkeit aufgrund einiger weniger Indizien und der Sprache seiner Gegenüber, ihre ganze, immer typisch südafrikanische Lebensgeschichte herzuleiten. Aus diesen Lemmerschen Einordnungen fügt sich ein Bild der südafrikanischen Gesellschaft, das natürlich einseitig, weil aus der Sicht eines burischen Underdog gesehen, aber doch facettenreich, die immer noch gelebten Verletzungen innerhalb dieser Gesellschaft dokumentiert.
Die Rolle der Gewalt in „Weißer Schatten“
Meyer beschreibt Lemmer als eine Person, die ihr innewohnendes Gewaltpotential mit Mühe und Professionalität unter Kontrolle hält. Die Szene in der Lemmer beschreibt, wie er seinen Totschlag begangen hat, ist von beängstigender Klarheit. Lemmer erlebt diesen Macht- und Gewaltrausch – er ist provoziert worden und hat sich an einer bestimmten Stelle nicht mehr unter Kontrolle – als eine große Freiheit, als einen Zustand, in dem, weil alle Regeln außer Kraft gesetzt sind, auch keine Beschränkungen mehr zu spüren sind. Ein seltsames Gefühl für den Leser, wenn dieses Potential beim „guten“ Protagonisten beschrieben wird, der an anderer Stelle ein schlechtes Gewissen hat, weil er eine angreifende Schlange so „würdelos“ massakriert hat.
Deon Meyers Personenzeichnung in „Weißer Schatten“
Die eine oder andere Personenzeichnung in „Weißer Schatten“ fällt etwas holzschnittartig aus, insbesondere wenn sie aus Lemmers Blickwinkel geschildert wird, was aber wieder einen besonders intensiven Blick in dessen Innenleben zulässt. Bei den Hauptprotagonisten Lemmer, Emma oder auch dem ermittelnden Polizeibeamten Phatudi, nimmt Meyer den Leser mit in eine Gefühlsachterbahn, die lebendiger kaum geschrieben werden kann.
Den Ballast, den jede dieser Figuren aus der Vergangenheit mitschleppt, macht deutlich, wie schwierig es ist, in kurzer Zeit so etwas wie eine neue Gesellschaft zu erschaffen. Auch wenn viele Personen als guten Willens beschrieben werden, eine solche Veränderung mitzutragen, so werden sie doch von ihren Erfahrungen und ihrer Herkunft her so stark geprägt, dass ihnen eine auch nur einigermaßen objektive Sichtweise verstellt ist.
Deon Meyer gelingt es für vielerlei Sichtweisen der Dinge, Verständnis beim Leser auszulösen. Um so verwirrender seine Beschreibung der komplexen Zusammenhänge zwischen alten Rechten der verschiedenen Volksgruppen und den Erfordernissen einer modernen Gesellschaft. Meyer stellt sich auf keine Seite, er stellt die Berechtigung widerstrebender Interessen glaubhaft nebeneinander und lässt den Leser in der Verwirrung zurück, die auch die südafrikanische Gesellschaft prägt. Kein Gut – Böse, kein Schwarz – Weiß wird dem Leser angeboten, nur die Graustufen einer um Menschlichkeit und Fortschritt kämpfenden Gesellschaft. Kein Krimi, kein Thriller oder jedenfalls nicht nur das: „Weißer Schatten“ ist ein Gesellschaftsroman.
Deon Meyer: Weißer Schatten. Aufbau Verlag, 2010. Taschenbuch, 421 Seiten, Euro 9,95
