Polizeigewerkschaft und Teilnehmer erhoben schwere Vorwürfe gegenüber den Verantwortlichen der Stadt Duisburg und den Veranstaltern der Loveparade. Am Samstag, den 24. Juli 2010 kamen 16 Menschen direkt an der Rampe einer Autobahnunterquerung an der Karl-Lehr-Straße ums Leben; drei weitere Verletzte starben im Laufe der Nacht zum Sonntag in den Krankenhäusern. Um vom Hauptbahnhof Duisburg auf das Partygelände des ehemaligen Güterbahnhofes zu gelangen, mussten die Raver grundsätzlich durch den Tunnel. Dort kam es an einer Treppe zu der Katastrophe, die das mediale Geschehen des 25. Juli 2010 in Nordrhein-Westfalen beherrschte.

Tote und Massenpanik auf der Loveparade 2010: Dazu der WDR am Sonntagabend

Der WDR brachte am Abend des 25. Juli 2010 eine Sonderausgabe seiner Reihe "Aktuelle Stunde“ und zeichnete darin ein Bild dessen, was am Tage nach der Katastrophe in den Menschen vorging, sammelte Informationen und Stimmen. Darunter beispielsweise eine Reportage von Jessika Westen, die bereits unmittelbar nach dem Eintreten der Katastrophe vom 24. Juli 2010 durch kompetete Berichterstattung vom Partygelände zu fesseln wusste. Sie berichtete von Nachfragen, die sie am Tag vor dem Unglück Verantwortlichen stellte, weil sie Zweifel daran hatte, dass die Loveparade für das enge Gelände eine Nummer zu groß sei.

Menschen liegen sich trauernd in den Armen

Im Rahmen der Sendung Aktuelle Stunde war Jessika Westen an einer von den Bürgern improvisierten Gedenkstätte zu sehen. Sie berichtete von den Reaktionen der Menschen dort, die zwar wieder in großer Zahl, dennoch aber andächtig und sehr ruhig versuchten, das Geschehene zu begreifen. Ein Geistlicher spendete den Anwesenden Trost; stimmungsvolle, anrührende Musik wurde von Musikern beigesteuert. Kerzen wurden aufgestellt. Der Oberbürgermeister Duisburgs, Adolf Sommerfeld, erlitt eine Niederlage an diesem Ort, weil er von den Anwesenden beim Niederlegen von Blumen heftig ausgebuht worden ist.

Tote und Massenpanik auf der Loveparade 2010: Stimmen aus der "Aktuellen Stunde“

Die Reporter des WDR waren auch in den Krankenhäusern unterwegs und befragten Augenzeugen. Der Duisburger Chirurg Dr. Christian Schöpp berichtete der Kamera gegenüber von Brüchen, Schädel-Hirn-Traumata, Prellungen und Quetschungen, die die Patienten erlitten hätten. Diese wären zu ihm gekommen in einem Aussehen, als wären sie unter Tage gewesen: Dreckig und zerrissen, sagte der Arzt sinngemäß. Voller Angst und psychisch stark angeschlagen seien die Patienten gewesen, als sie in der Klinik eingetroffen seien. Kein Wunder, denn eine Augenzeugin sprach in der "Aktuelle Stunde“ davon, dass ihr der Boden weggezogen worden und sie machtlos in den Tunnel an der Karl-Lehr-Straße hineingezogen worden sei.

Ein Polizist, der von der Redaktionsleitung der "Aktuelle Stunde“ anonymisiert worden ist, sprach am Tag nach der Katastrophe von Befürchtungen, die in Bezug auf das Gefahrenpotenzial an diesem Nadelöhr schon morgens vor dem Unglück zwischen den Kollegen ausgetauscht wurden: „Eine Menschenmasse wie diese kann man nicht steuern, sondern nur hoffen, dass alles gutgeht.“ In seiner Dienstzeit, so der Beamte, habe er es nie erlebt, wie so vielen Menschen – auch gestandenen Polizisten – angesichts des Geschehenen die Tränen in den Augen gestanden haben. Andererseits sprach Augenzeuge Thomas Kraus in der Sendung davon, dass Polizisten ihn zunächst weggeschickt hätten, als er einem am Boden liegenden Opfer helfen und ihm Wasser zukommen lassen wollte.

Tote und Massenpanik auf der Loveparade 2010: Augenzeuge Thomas Kraus in der "Aktuelle Stunde“

Der junge Mann äußerte sich in der "Aktuelle Stunde“ auch dahingehend, dass zuerst nur ein Rettungswagen an dem Teil des Unglücksorts gewesen sei, an dem er sich aufgehalten habe. Dessen Besatzung schien angesichts der 20 Verletzten und am Boden liegenden Toten vollkommen überfordert gewesen zu sein. In der Tat hatten die Rettungskräfte zunächst Probleme, wegen der Menschenmassen zum Einsatzort gelangen zu können. Seine Oma – besorgt angesichts der Nachrichten – versuchte ihn über das Handy und die Notrufhotline vergeblich zu erreichen; alle Leitungen waren zusammengebrochen. Erst Sonntagmorgen um 7:00 Uhr war Kraus wieder zu Hause.

Tote und Massenpanik auf der Loveparade 2010: Aufmarsch der Politiker

Die "Aktuelle Stunde“ ging auch auf die Anteilnahme durch die Politik ein. Nicht nur Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, sondern auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, der Chef des Bundeskanzleramtes Ronald Pofalla und NRW-Innenminister Ralf Jäger kamen zum St. Anna Krankenhaus nach Duisburg. Sie sprachen auch mit Patienten. Kraft gab den wartenden Journalisten gegenüber kein Statement ab. Hilfreicher war wohl das Wirken der Angestellten aus der Bahnhofsmission in der Nacht nach der Katastophe, die sich der teilweise herumirrenden Jugendlichen hilfreich annahm, Brötchen schmierte und Tipps zur Heimreise vermittelte.

Tote und Massenpanik auf der Loveparade 2010: Warnungen wurden missachtet

Wilfried von Albishausen vom Bund deutscher Polizeibeamter äußerte sich ebenfalls dahingehend, dass die Loveparade auf diesem Gelände nicht hätte stattfinden dürfen. Die Polizei wurde aber mit der Entscheidung, dass die Loveparade dort stattfinden werde, vor vollendete Tatsachen gestellt. Auch Rainer Wendt von der Polizeigewerkschaft berichtete davon, dass den Bedenken der Polizeibehörde nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden sei. Auch von einer Vorschrift war die Rede, dass auf zwei Besucher ein Quadratmeter Fläche kalkuliert werden müsse. Eine Rechnung, die nicht aufging, denn danach wären für die 1,2 bis 1,4 Millionen Besucher 600.000 bis 700.000 Quadratmeter nötig gewesen. Tatsächlich waren es nur rund 300.000 Quadratmeter, die das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes zu bieten hatte.

Tote und Massenpanik auf der Loveparade: Eine Erklärung zur Tunnelsituation

Wer zum Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes und damit zur Loveparade wollte, musste sowohl vom Hauptbahnhof aus als auch von der Innenstadt kommend in die Karl-Lehr-Straße gehen. Aus beiden Richtungen eintreffend, trafen die Menschen in der Mitte und vor einer Rampe aufeinander. Diese Rampe – im Winkel von 90 Grad zur Karl-Lehr-Straße abgehend – mussten beide Gruppen begehen, um nach oben auf das Partygelände gelangen zu können. Schon der Tunnel wurde zum Engpass; doch richtig eng wurde es auf der Rampe, die zeitweise regulierend gesperrt gewesen sein soll. Ein Tunnel mit seinen beengten Verhältnissen und dem oft schummrigen Licht ist die denkbar beste Ausgangslage für eine solche Katastrophe, sagten Fachleute in der Sendung des WDR; einer Sendung, in der auch Ausschnitte aus der Pressekonferenz von Sonntagmittag wiederholt wurden.