Welche Folgen haben Selbstzweifel?

Selbstzweifel erzeugen Ängste und Unsicherheit - Gerd Altmann by pixelio.de
Selbstzweifel erzeugen Ängste und Unsicherheit - Gerd Altmann by pixelio.de
So wie man ist, sollte es O.K. sein. Hat man jedoch eine geringe Selbstachtung, fehlt die Fähigkeit, sich liebenswert zu finden.

Viele Menschen halten sich nach Erfahrungen des Psychotherapeuten Dr. Rolf Merkle für wenig liebenswert. Ihre innere Einstellung würde ihnen das Gefühl vermitteln, wie verkehrt, unzulänglich oder auch minderwertig sie wären. Eine Art der inneren Stimme, die sehr belehrend, kontrollierend und vorwurfsvoll mit dem eigenen Selbst umginge. Merkle nennt diese Stimme den “inneren Kritiker”, der kaum ein gutes Wort übrig hat.

Der innere Kritiker als größter Feind des Selbst

Alle seelischen und viele körperlichen Probleme seien nach Ansicht des Psychotherapeuten auf die vernichtenden Urteile solch eines inneren Kritikers zurückzuführen. Aus vielen Gesprächen mit seinen Patienten weiß Dr. Merkle, wie sehr diese negativen inneren Stimmen die Befindlichkeit beeinträchtigen. Nach seiner Ansicht sei es die wirksamste Methode, anstatt des inneren Kritikers eine aufbauende, warmherzige und verständnisvolle Stimme zu setzen. So könne wirklich jeder Mensch für sich erkennen, dass an ihm nichts verkehrt sei. Auch wenn man das Gefühl hätte, etwas würde nicht am Selbst stimmen. Merkle betont, wie sehr die Fähigkeit, sich annehmen und akzeptieren zu können, die Voraussetzung für ein zufriedenes und erfülltes Leben ist.

Eine geringe Selbstachtung hat schwerwiegende Folgen

Selbstablehnung oder Selbsthass würden das gesamte Verhaltensspektrum eines Menschen verändern. Nicht nur die Gefühle für die Selbstwahrnehmung wären belastet. Die Auswirkungen geringer Selbstachtung würden alle Bereiche des Menschen, sein körperliches Befinden und seine zwischenmenschlichen Kontakte negativ beeinflussen. Selbstablehnung könne vielfältige Ängste auslösen. Angst vor Ablehnung, Kritik, vor Misserfolg oder Fehlern wären darunter. Soziale Ängste entstehen. Das Gefühl zu versagen und nicht gut genug zu sein, verstärkt sich zunehmend. Verlustangst verunsichert fundamental. Geringe Selbstachtung verursacht eine Art Spirale, die in Depressionen enden kann. Wer denkt, er sei wertlos und zu hart mit sich umgeht, sieht auch bald keine Chancen mehr. Hoffnungslosigkeit und Schuldgefühle treiben Schritt für Schritt in eine emotionale Grauzone, die immer mehr deprimierte Gefühle entstehen lässt.

Selbstzweifel machen überempfindlich und verletzlich

Wer schlecht von sich denkt, würde viel zu viel von dem, was andere Menschen tun oder sagen, als Ablehnung oder Kritik verstehen. Menschen, die sich selbst nicht lieben, können sich auch nicht als liebenswert empfinden. Selbstzweifel bringen Menschen dazu, sich ständig bedroht, in Gefahr, angegriffen oder verletzt zu fühlen. Darunter leidet auch die Fähigkeit, selbstbewusst auftreten zu können. Ohne Selbstachtung fällt es Menschen schwer, ein klares Nein zu sagen oder deutlich auszudrücken, was sie möchten. So halten sie sich lieber im Hintergrund und verhalten sich schüchtern. Ärger wird nicht offen gezeigt, sondern staut sich und kann gelegentlich aggressiv, sarkastisch oder gewalttätig zum Ausdruck kommen. Nach solchen Ventilsituationen reagieren sich selbst verachtende Menschen mit noch stärkerer Verunsicherung, da ihre Überzeugung wächst, dass etwas nicht mit ihnen in Ordnung sei. Passive Aggressivität entsteht, die in klammerndem Verhalten, Eifersucht oder intriganter Herabsetzung anderer ihren Ausdruck findet. Alternativ treten Menschen mit geringem Selbstwert betont selbstsicher auf, um anderen vorzuspiegeln, eine starke Persönlichkeit zu sein. Sie bauen auf eine Fassade, die schnell bröckeln kann.

Selbstzweifel und das Streben nach Perfektion

Gerade Menschen mit sehr geringer Selbstachtung würden besonders stark beweisen wollen, nicht minderwertig zu sein. Häufig bemühen sie sich sehr betont darum, Fehler zu vermeiden und als Perfektionisten zu gelten. Erfolg würden solche Menschen um jeden Preis wollen, jedoch sind sie nie mit dem Erreichten wirklich zufrieden. Das Gefühl, nicht genügend geschafft zu haben, bleibt ständig erhalten. In diesem Zusammenhang entsteht auch die Verhaltensweise der Rechthaberei. So versucht man auf andere herabzuschauen und andere geringschätzig zu behandeln, um sich so besser zu fühlen. Sich für etwas Besseres zu halten und arrogant zu sein wären nach Ansicht des Psychotherapeuten Merkle sehr deutliche Anzeichen für Menschen mit ausgeprägten Selbstzweifeln und selbstverachtenden Einstellungen.

Selbstzweifel und die Sucht nach Schönheit

Immer mehr Menschen in Deutschland hätten Probleme mit ihrem Äußeren. Der Blick in den Spiegel gibt dem inneren Kritiker Gelegenheit, das Selbst zu quälen. Vermeintlich wahrgenommene Problemzonen erzeugen Selbsthass. Der eigene Körper wird abgelehnt. Menschen mit geringer Selbstachtung gelingt es oft nicht, ihren Alterungsprozess zu akzeptieren. Sie würden sich einreden, nur durch ein frisches und jugendliches Auftreten sozial funktionieren zu können. Eine gesellschaftliche Tendenz besteht darin, dass immer mehr Menschen ihren Selbstwert nur noch an ihrem Äußeren orientieren. Ängste und Selbstzweifel, aus der die Schönheitsoperateure und die Kosmetikindustrie dankbar Profit schlägt. Jedoch könne keine Operation oder Salbe ein angeschlagenes Selbstwertgefühl dauerhaft kurieren. Vielmehr würde sich schnell ein Suchtverhalten kultivieren, da diesen Menschen ständig die Angst im Nacken sitzt, eines Tages doch noch ihre Attraktivität einbüßen zu müssen und somit vermeintlich nichts mehr wert zu sein.

Menschen mit geringer Selbstachtung würden es nach Ansicht von Dr. Merkle entweder sehr weit bringen oder deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben. Manche kämpfen verbissen um Erfolg und werden nicht selten ausgeprägte Workaholics. Andere nehmen aufgrund ihrer vielen Ängste kaum je eine Herausforderung an. Selbstzweifel wirken massiv destruktiv auf alle Lebensbereiche. In Beziehungen führen sie aufgrund der inneren Unsicherheiten oft zu Vorwürfen, Streitereien und Bindungsängsten. Kein Urteil hätte weitreichendere Folgen, als welches man über sich selbst fällen würde.

Literaturquelle: So gewinnen sie mehr Selbstvertrauen, Dr. Rolf Merkle, Mannheim, 2011, PAL Verlagsgesellschaft, 144 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 978-3-923614-34-9

Astrid Treumann, Astrid Treumann

Astrid Treumann - 1967 in Berlin geboren, habe ich dort als berufliche Grundlage Kunst und Germanistik studiert (Hochschulabschluss 1991). Meine berufliche ...

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