Welches Haus ist schiefer als der Turm in Pisa?

Der schiefste Turm der Welt steht nicht in Pisa, sondern bei Emden

Schiefer Turm in Suurhusen - Heiko Reints
Schiefer Turm in Suurhusen - Heiko Reints
Bis vor einigen Jahren galt der schiefe Turm von Pisa in Italien als das schiefste Gebäude der Welt. Jetzt wurde er von einem Gebäude in Suurhusen/Ostfriesland, abgelöst.

Autofahrer, die von Emden über die Neutorstraße in Richtung Georgsheil, Norden oder Aurich fahren, kommen unterwegs an der Ortschaft Suurhusen vorbei. Ob sie wollen oder nicht, saugt ihr Blick sich an einer ungewöhnlichen Kirche fest, deren Turm bedrohlich schief steht. Oft wird der schiefe Turm von Suurhusen von Urlaubern mit dem weltberühmten schiefen Turm von Pisa verglichen. Seit Januar 2007 zeigen Messungen am Turm für das Guinnessbuch der Rekorde, dass dieser sich um 5,19 Grad neigt. Der Turm in Pisa ist zwar mit 55 Metern höher als der in Suurhusen mit 27,37 Metern, aber die Neigung beträgt nur 3,97 Grad. Nach dieser Berechnung steht der schiefste Turm der Welt nicht in Pisa, sondern in Suurhusen.

Die Ortschaft Suurhusen früher und heute

In der ostfriesischen Chronik wird Suurhusen (Syderhusen) erstmals im Jahr 1255 urkundlich erwähnt. Ein im alten Kirchturm vorgefundener Stein, von 1006 lässt vermuten, dass das Dorf älter ist. Damals wurde Ostfriesland von Häuptlingen wie Habbe tho Sutherhusen, tom Brook, Allena oder Cyrksena, regiert. Suurhusen war früher nicht eingedeicht. Ein Zeugnis vom gefahrvollen Kampf der Ostfriesen mit dem Meer gibt ein an der Nordwestecke des Turmes eingemauerter Stein mit einer Flutmarke von +4,40 m NN (Normal Null) – der Allerheiligen Flut aus dem Jahre 1570. In der Weihnachtsflut 1717 stand das Wasser noch zwei hannoveranische Fuß (59,4 cm) höher. Ein großes Schiff wurde von der Flut auf das Kirchengelände gespült, blieb nach dem Ablaufen des Wassers liegen und wurde zwei Wochen später, als die Kirche wieder vom Hochwasser eingeschlossen wurde, in das Fahrwasser der Ems geschleppt.

Seit 1972 gehört die Ortschaft Suurhusen, mit einer Fläche von 900 Hektar, einigen Einzelhandelsgeschäften, Ferienwohnungen, Gaststätten und etwa 1200 Einwohnern, zu der Gemeinde Hinte im Südbrookmerland. Im "Landarbeiterhaus Suurhusen" kann Geschichtswissen über das Leben der Landarbeiter ab 1900 erworben werden. Das nahe gelegenen Binnengewässer „Großes Meer“ und die nahe Leybucht mit dem durch „Poldern“ gewonnenen Land in der Krummhörn, wird heute vom Störtebeckerdeich geschützt.

Die Geschichte der Kirche von Suurhusen

Die Kirche in Suurhusen, wurde ursprünglich als Apsissaal ohne Turm, als Schutzstätte auf einer Warft (Anhöhe) gebaut. Die Lage, die Schießscharten, wie auch der massive Bau der Kirche, erinnern an alte Festungskirchen jener Zeit. Untersuchungen haben ergeben, dass das zwei Meter starke Fundament des außerhalb der Warft erbauten Turms auf Eichenbohlen steht. Er hat ein Gewicht von etwa 2.116 Tonnen.

Die Eichenbohlen brechen weg – der Turm neigt sich einseitig

Ein Überhang des Turmes wurde erstmalig 1885 festgestellt. Messungen 1925 ergaben einen Überhang von 1,13 Metern.

Obwohl der Dachreiter, trotz massivem Widerspruch der Bevölkerung, 1926 zur Entlastung entfernt wurde, neigt sich der Turm bis zum Jahr 1929 um zwei weitere Zentimeter.

Nach zehn Jahren (1939) betrug der Überhang schon 1,74 Meter und Laien konnten mit bloßem Auge sehen, dass etwas mit der Statik nicht in Ordnung war.

Im Jahr 1975, als der Überhang 2,16 Meter betrug, wurde der Gottesdienstbetrieb eingestellt.

Erst 1980, bei einem Turmüberhang von mehr als 2,19 Metern, wurde ein Gutachter beauftragt, der herausfinden sollte, warum die Kirche absackte und was die Fachleute dagegen unternehmen können.

Erste Sicherungsmaßnahmen und die Einweihung der Kirche

1982 hatte der Turm einen Überhang von 2,34 Metern. Elf Pfähle, acht außen und drei innen, wurden im Turmbereich zur Stützung der Fundamente in 12 bis 14 Meter tiefe, miteinander verzahnte Bohrlöcher eingelassen.

Bis dahin wurde der beschauliche Ort Suurhusen von Urlaubern nicht weiter beachtet. Sie fuhren möglichst schnell vorbei, um zur Nordseeküste zu gelangen. Nach der ersten Sanierungsmaßnahme änderte sich das. Suurhusen hatte nun ein Wahrzeichen. Es bildet sich ein örtlicher Förderverein, der die Kirche erhalten wollte. Ihm gelang es Spenden und Fördergelder zu erhalten um erfahrene Statiker, Baufachleute und Spezialfirmen beauftragen zu können. Mit einem Festgottesdienst wurde am 14.10.1985, nach über zehnjähriger Schließung, die Kirche wieder eingeweiht.

Zu früh gefreut? Ein Stahlkorsett muss her!

Ein örtlicher Baustatiker hatte sich von den positiven Messergebnissen langjährig nicht täuschen lassen. Er warnte immer wieder vor dem unberechenbaren Untergrund. Herab fallende Steinbrocken und weitere Gutachter bestätigten, dass die überhängende Giebelspitze um fünf bis zehn Millimeter aus ihrer Lage gedrückt wurde und der Giebel des Turms, trotz der Sanierungsmaßnahmen von 1982, ein zustürzen drohte. Daraufhin wurden das Dach, die Holzsparren und der vordere Giebel abgetragen und der hintere Giebel mit Stahlträgern und einem Stahlkorsett verstärkt. Bei einer Neigung von 2,43 Metern wurde 1996, ein weiteres Absacken des Turmes gestoppt.

Die Kirche bietet heute,bei einer wetterbedingten Gefahr, keine Zuflucht mehr, macht aber die örtliche Geschichte erlebbar. Gottesdienste finden an vorher angekündigten Terminen statt.

Kirchenführungen sind vom 01. April bis 31. Oktober täglich von 10.30 - 13.00 Uhr und 15.30 - 18.00 Uhr. Gruppen- und Busreisende können die Kirche nach einer vorherigen Vereinbarung besichtigen.

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Online-Redakteurin, Gerlinde Ahrend, Gerlinde Ahrend

Gerlinde Ahrend - Ich bin Journalistin, Online-Redakteurin und Autorin, mit eigenem Journalistenbüro In der Vorbereitung meiner Ausbildung zur ...

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