Wellness statt Wirbel: Wenn Rockstars leise werden

Kasabian: Keine Zeit mehr für LSD - c www.kasabian.co.uk
Kasabian: Keine Zeit mehr für LSD - c www.kasabian.co.uk
Drogenexzesse, Orgien, John Bonham, der auf einem Motorrad den Hotelflur hinunterrast - Vergangenheit. Heute regiert auch im Rockgeschäft der Pragmatismus.

Rock’n’Roll gibt es nun schon seit 50 Jahren – und damit ist Rock’n’Roll bereits zu einem historischen Phänomen geworden und nicht mehr die zeitgenössische Modeerscheinung, als die er damals gesehen wurde. Die Musik hat ihren festen Platz im kulturellen Archiv, und was Rockstars auf Tournee so anstellen, ebenfalls. Legendär sind die Geschichten über Bands wie die Rolling Stones, Led Zeppelin, Motörhead oder Oasis, die mit ihren Exzessen maßgeblich zur Stilisierung und Imagepflege des „bösen, ungehobelten Rockers“ beitrugen: Drogenexzesse, (manchmal minderjährige) Mädchen, actionreiche Eskapaden im Drogenrausch – wie zum Beispiel Hotelzimmer zertrümmern, Unruhe im Flugzeug stiften (Liam Gallagher von Oasis wurde auf Lebenszeit von einer amerikanischen Fluglinie verbannt) oder im Hotelflur mit dem Motorrad herumdüsen (John Bonham von Led Zeppelin).

Von der Party zu Pragmatik und Professionalismus

Aber die Zeiten ändern sich, auch im Rock’n’Roll. Eine zunehmende Professionalisierung macht sich bemerkbar, eine pragmatische, mehr Business-orientierte Einstellung. In den „goldenen Zeiten“ des Rock’n’Roll in den Sechziger und Siebziger Jahren regierte noch das Chaos: Die Party stand an erster Stelle. Heute müssen zwangsweise andere Prioritäten gesetzt werden – es steht schlecht um das Musikbusiness, und Plattenfirmen können und wollen sich die Eskapaden ihrer Schützlinge nicht länger leisten. Überall wird der Sparstift angesetzt: Man fliegt nun Economy Class und reduziert die Anzahl des Tourpersonals.

Dizzee Rascal in der Sauna, allergiefreie Kissen für Keane

Heutzutage benutzen die meisten Rockstars ihre Hotels nicht mehr unbedingt als Partyraum oder Drogenhöhle, sondern als Rückzugs- und Erholungsgebiet. Man legt Wert auf ein ruhiges Zimmer, auf zusätzliche Vorhänge und die Möglichkeit eines späteren Check Out (um tagsüber länger schlafen zu können), sowie einen sicheren Parkplatz für den Tourbus (mit dem teuren Equipment). Wenn Keane touren, müssen es im Hotel Kissen ohne Federn sein (man ist allergisch). Manch einer nimmt auch gern den Wellnessbereich in Anspruch (zum Beispiel Rapper Dizzee Rascal in der Hotelsauna – nicht unbedingt ein Ort, an dem man einen Rapper zuerst vermuten würde).

Sergio Pizzorno hat keine Zeit mehr für LSD

In den Sechziger Jahren war es normal, unter LSD-Einfluss Konzerte zu spielen – man denke z.B. an Santanas drogengetränkten Auftritt in Woodstock. Sergio Pizzorno, Gitarrist von Kasabian, sagte einmal, dass es heutzutage im Terminplan kaum mehr Raum für so etwas gebe: „Dafür habe ich heute keine Zeit mehr. Man muss sich für einen Trip mindestens eine Woche Zeit lassen, sonst bringt’s nichts, oder man kann sich nicht recht erholen“. Das wussten die Beatles bereits in den Sechziger Jahren: Sie nahmen zumindest LSD weder im Studio noch vor Konzerten, weil es sie bei der Arbeit behinderte.

Glen Matlock und Dave Gahan gehen es ruhiger an

Die wilden Kerle von damals – und es sind meist Männer – sind in die Jahre gekommen und leben auf Tournee schon etwas ruhiger. Man trinkt backstage Kräutertee statt Schnaps (Glen Matlock von den Sex Pistols) oder fährt gleich nach dem Konzert ins Hotel und telefoniert mit der Familie (Dave Gahan von Depeche Mode). Das heißt natürlich nicht, dass es keine Rock’n’Roll-Exzesse mehr gibt – so manche Band lebt das Klischee auch heute noch, nur interessiert es niemanden mehr. Viele Bands von heute finden derartiges Verhalten sogar langweilig. Zudem ist der einhellige Tenor, dass man es sich heute kaum mehr leisten kann, massenhaft Drogen einzuwerfen und Gigs zu versäumen – das wird als unprofessionell und sogar uncool betrachtet.

Fans verzeihen Konzertabsagen nicht so gern: Man denke an Englands Enfant Terrible Peter Doherty, der durch seine meist drogenbedingte Unzuverlässigkeit wiederholt den Zorn der Fans auf sich gezogen hat und sich von Musikerkollegen sagen lassen muss, dass man nur so viele Drogen einwerfen soll, wie man auch vertragen kann.

Quellen:

  • www.guardian.co.uk
  • Musikexpress, Juli 2009
  • Musikexpress, März 2011
  • Carl Barat: Threepenny Memoir. The Lives of a Libertine. Fourth Estate, London 2010

Elisabeth Vock - Geboren 1978 in Wien, wuchs ich am Land auf, zwischen Musikinstrumenten und Pferden. Bereits im Grundschulalter begann ich, Geschichten zu ...

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