
- Sergej Lukianenko: Weltengänger - Heyne-Verlag
Kirill fällt aus allen Wolken, als er eines Abends nach Hause kommt und eine ihm völlig fremde Frau in seiner Wohnung antrifft. Sie behauptet nicht nur, bereits seit Jahren dort zu wohnen. Nein, auch die gesamte Wohnung ist umgestaltet. Selbst Telefon und Bankkonto Kirills laufen plötzlich auf den Namen der Unbekannten. Freunde, Nachbarn und Kollegen erinnern sich nicht an den jungen Russen. Ja, sogar die eigenen Eltern erkennen ihn nicht gleich am Telefon. Kirill, so scheint es, existiert nicht mehr wirklich und hat für seine Umgebung auch nie existiert.
Türen zu neuen Welten
Doch der Moskauer findet sich damit nicht ab. Er kämpft darum, sein Leben zurückzugewinnen. Mit Hilfe seines Freundes Kotja (Lukianenko-Fans aufgepasst: In den Wächter-Romanen hieß bereits Antons Vampirfreund so) geht er der Sache auf den Grund. Doch er ahnt nicht, dass sich ihm bei seiner Suche Türen zu ganz neuen Welten öffnen werden – Welten, die mal mehr und mal weniger der Erde gleichen.
Auserwählte Funktionale und Hintermänner
Was wie ein klassischer Science-Fiction-Roman losgeht, mit Fragen nach der Existenz und dem Reisen in andere Welten, entwickelt sich in der zweiten Hälfte zu einer Abenteuergeschichte. Wie schon in den vier Wächter-Romanen („Wächter der Nacht“, „Wächter des Tages“, „Wächter des Zwielichts“ und „Wächter der Ewigkeit“) gibt es Menschen mit besonderen Fähigkeiten und großer Macht. Diese können sie sehr verantwortungsvoll einsetzen oder missbrauchen. Doch auch die Auserwählten (die Funktionale) sind nicht frei in ihren Entscheidungen, denn mächtigere Menschen stehen in der Hierarchie über ihnen und ziehen im Hintergrund die Fäden. Das erfährt auch Kirill am eigenen Leibe, als er gegen die Regeln verstößt und sich mit den Hinternmännern anlegt. Wie der Konflikt ausgeht, gibt der Autor in der die Dilogie abschließenden Fortsetzung „Weltenträumer“ preis.
Verweise auf russische Autoren der Phantastik
Der Kasache Lukianenko hat in „Weltengänger“ sichtlich Spaß daran, mit dem Leser zu spielen. Am deutlichsten wird das im Kapitel beim Schriftsteller Dmittri Melnikow (einem Alter Ego Lukianenkos), von dem Kirill wissen will, wieso er scheinbar nicht mehr existiert. Genüsslich legt ihm Melnikow dar, wie bekannte russische Autoren der Phantastik die Geschichte fortgesetzt hätten. Unter anderem tauchen die Namen von Boris Strugazki und Wadim Ochotnikow auf; Oleg Diwow wird als Tschudow getarnt und das Autorenehepaar Djatschenko heißt in „Weltengänger“ Inotschenko. Spätestens bei dieser Szene fängt der Leser an, auf die intertextuellen Verweise zu achten. Bei Jules Verne und Star Wars fällt das noch leicht. Die Verweise auf russische Bücher und Filme hat die Übersetzerin Christiane Pöhlmann meist kenntlich gemacht, um dem in der russischen Literatur nicht so bewanderten Leser das Verständnis zu erleichtern. Doch auch wenn man die Metaebene nicht beachtet, bleibt das Lesen dieses Science-Fiction-Romans ein einziges Vergnügen.
Sergej Lukianenko: Weltengänger. Heyne-Verlag 2007. Taschenbuch, 592 Seiten. Euro 15,00 (Österreich 15,50).
