
- Lukianenko: Weltenträumer - Heyne-Verlag
Kirill Maximow hat seine Funktion verloren. Er ist zu einem Ausgestoßenen geworden. Die anderen so genannten Funktionale machen Jagd auf ihn – selbst aus der hermetisch abgeschlossenen Parallelwelt Arkan sind Polizisten und Soldaten gekommen, um Kirill auszuschalten. Der ehemalige Zöllner ist zu einer Gefahr für das System der Funktionale geworden. Denn obwohl seine Funktion zerstört wurde, verfügt er immer noch über die gewaltige Kraft und das Wissen, wie sonst nur die Auserwählten. Scheinbar ist Kirill zum Teil noch immer Funktional – doch zu seinem Pech kann er seine Kräfte und Kenntnisse nicht immer einsetzen. Und so beginnt eine Hetzjagd, auf der Kirill weitere Parallelwelten auf der Suche nach Verbündeten durchquert. Wie jedes Wesen, das in die Enge getrieben wird, geht er jedoch irgendwann selbst zum Angriff über. Er sucht den obersten Funktional, um mit ihm das gesamte System auszuschalten. Denn der junge Russe möchte selbst sein Schicksal bestimmen und ist bereit, fast jeden Preis dafür zu zahlen.
Roman ist Fortsetzung von "Weltengänger"
Mit „Weltenträumer“ setzt der russische Erfolgsautor Sergej Lukianenko (bekannt geworden durch seine „Wächter-Romane“) die in „Weltengänger“ begonnene Geschichte um Kirill Maximow fort. Im Zentrum der Dilogie steht die Frage nach Macht, Herrschaft und der Freiheit des Individuums. Lukianenko hat das Thema schön verpackt in eine Abenteuergeschichte, in der der Held neue Welten kennenlernt, die alle eine Variation unserer Erde sind. Allerdings gibt es wichtige Unterschiede: In einer Welt fehlt das Erdöl, in einer anderen regiert die Kirche, in wieder anderen ist das Klima so verändert, dass nur wenige Lebewesen überleben können. Doch wie konnte die Entwicklung dieser Welten gesteuert werden? Reichte ein anderer Lebenslauf von Cäsar? Welchen Einfluss hat die Literatur? Mit diesen Möglichkeiten spielt Lukianenko, ohne aber am Ende eine komplette Lösung zu bieten. Lieber zitiert er, wie schon in „Weltengänger“, die Werke bekannter Autoren aus dem westlichen und russischen Kulturkreis, baut Szenen aus Filmen ein und spielt mit seiner Rolle als Schriftsteller, in dem er auf sein Alter Ego verweist, den Autoren Melnikow, der im ersten Band einen kleinen Gastauftritt hatte.
Ironische Bemerkungen steigern das Lesevergnügen
Stellenweise ist das Buch sehr humorvoll geschrieben, vor allem wenn der Ich-Erzähler seine eigenen Handlungen selbstironisch kommentiert. Doch leider unterbricht Lukianenko immer wieder den Lesefluss. Am Anfang eines jeden Kapitels und größerer Absätze konfrontiert er den Leser mit Alltagsphilosophischen Fragen, bei denen er vom Abstrakten zum Konkreten kommt. So leitet er das dritte Kapitel mit einer Betrachtung über Landestraditionen ein, die zum Klischee wurden und nur mehr von Touristen gesucht werden. Als Beispiel nennt der Erzähler Schottland, wo Touristen Kilts kaufen, während Schotten im Alltag jedoch Hosen tragen. Mit einem Schlenker über russische Traditionen kommt er schließlich zum Samowar, der für die Geschichte dadurch relevant wird, dass Kirill Tee aus einem Samowar eingeschenkt bekommt.
Mit „Weltenträumer“ endet die Geschichte
Zwar hatte Lukianenko diese umständlichen Kapiteleinleitungen bereits im ersten Band eingesetzt, doch in „Weltenträumer“ stören sie, weil dadurch beständig das Erzähltempo rausgenommen und eine Verdichtung der Ereignisse verhindert wird. Es fehlt ein Spannungsbogen, der zum Finale führt. Anstelle seiner Alltagsbetrachtungen hätte Lukianenko lieber die Parallelwelten genauer beschreiben und vorstellen sollen. So kommen leider die Unterschiede dieser Welten zu wenig heraus, ihre Erfolge und Misserfolge zu kurz, wenn alles auf die Frage nach Macht und Herrschaft reduziert wird. So aber verschenkt Lukianenko ein wenig das Potenzial seiner Geschichte.
Sergej Lukianenko: Weltenträumer. Heyne-Verlag 2008. Taschenbuch, 496 Seiten. Euro 14,00 (Österreich 14,40).
