Welternährung: FAO Studie über Verschwendung von Lebensmitteln

Verlust und Verschwendung von Lebensmitteln - (c) Günter Havlena / pixelio.de
Verlust und Verschwendung von Lebensmitteln - (c) Günter Havlena / pixelio.de
Es ist der größte Lebensmittelskandal in der Geschichte: Der Studie der FAO zufolge gehen ein Drittel aller Lebensmittel verloren oder werden verschwendet.

Folgt man dem Welthungerindex 2010, gibt es kleine Fortschritte im Kampf gegen den Welthunger. Doch die Lage bleibt alarmierend: Immer noch leiden rund eine Milliarde Menschen auf unserem Planeten Hunger, alle 15 Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Und angesichts einer rasant wachsenden Weltbevölkerung, Klimawandel, Umweltzerstörung sowie künftiger Konflikte um Rohstoffe dürfte sich die Situation in den kommenden Jahrzehnten eher verschlimmern. Die Studie "Global Food Losses and Food Waste" der FAO benennt einen weiteren Faktor: Die schlechte Verwertung von Ressourcen. Viele Lebensmittel werden nicht verspeist, sondern gehen auf dem Weg zum Verbraucher verloren oder werden schlicht verschwendet.

Die Welternährungsorganisation FAO

FAO? Das ist die 1945 gegründete Food and Agriculture Organisation of the United Nations, auf deutsch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen – als Forum für Politiker, als Informations- und Wissensnetzwerk, als beratende Institution sowie durch zahlreiche konkrete Projekte. Sitz der 192 Mitgliedstaaten (2009) zählenden Organisation ist Rom.

Im Mai 2011 fand im Rahmen der Verpackungsmesse Interpack in Düsseldorf der Internationale Kongress "Save Food" statt. Dort stellten Autoren der FAO erschreckende Zahlen vor: Die Studie "Verlust und Verschwendung von Nahrungsmitteln" beziffert, was an Essen wie und wo verloren geht.

Verlust und Verschwendung von Nahrungsmitteln

1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel wandern jährlich am menschlichen Magen vorbei – das ist ein Drittel der jährlich für den Verzehr produzierten Menge. Ursache sind der Verlust und die Verschwendung von Lebensmitteln.

Tatort Deutschland: Hier werden geschätzt 20 Millionen Tonnen Nahrung per anno einfach weggeworfen. Während in Europa und den USA jährlich 95 bis 115 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf verschwendet werden, sind es in Afrika und Südostasien nur 6 bis 11 Kilogramm. Allerdings geht hier mehr Nahrung durch schlechte Erntetechnik, Lagerhaltung und Transport verloren. Fazit der Autoren: In Ländern mit mittlerem und hohem Einkommen werden Lebensmittel im großen Stil verschwendet. In Ländern mit niedrigem Einkommen geht sehr viel Nahrung auf den Stationen von der Ernte bis zur Verarbeitung verloren.

Global Food Losses and Food Waste

Die Studie beziffert den Verlust verschiedener Kategorien von Lebensmitteln wie Milch oder Getreide. Dabei wird der gesamte Weg des Lebensmittels betrachtet: Angefangen bei der Produktion, dann Transport und Lagerung, die Verarbeitung, der Verkauf – bis hin zum Konsumenten.

Konkretes Beispiel Fisch und Meeresfrüchte: In Europa gehen durch Ausschuss beim Fang 9,4 Prozent verloren, bei Transport und Lagerung 0,5 Prozent. In der Verarbeitung beträgt der Verlust 6, beim Verkauf 9 und beim Konsumenten (= Verschwendung) nochmals 11 Prozent. Die Zahlen für Nordamerika und Ozeanien sind ähnlich – allerdings landet hier ein ganzes Drittel im häuslichen Mülleimer und insgesamt nur jeder zweite Fisch im Magen. Anders sieht es in Süd- und Südostasien aus: Hier sind es 8,2 Prozent beim Fischen. Der größte Verlust entsteht mit 6,9 Prozent und 15 Prozent auf dem Weg zum Verbraucher. Dort wird allerdings nur wenig verschwendet – lediglich 2 Prozent.

Maßnahmen gegen Lebensmittelverlust und -verschwendung

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine Verringerung von Verlust und Verschwendung von Lebensmitteln zweier unterschiedlicher Strategien bedarf: In ärmeren Ländern kann vor allem beim Produzenten angesetzt werden, beispielsweise durch bessere Erntemethoden und Lagerung. In Industrienationen hingegen besteht das größte Einsparungspotential beim Verbraucher – hier können Aufklärungskampagnen ein besseres Bewusstsein schaffen.

Sie nennt aber auch einige konkrete Ursachen für den Verlust von Lebensmitteln – und liefert Vorschläge, wie diesen begegnet werden kann. Beispielsweise werden in Supermärkten viele Nahrungsmittel weggeworfen, weil sie nicht gewissen Normen bezüglich Gewicht, Größe und Aussehen entsprechen. Hier könnten Konsumentenumfragen und ein breiteres Angebot eine Veränderung bewirken. Eine weitere Alternative – regionale Vermarktung in Form von Hofläden oder Bauernmärkten

Wie können Milliarden von Menschen ernährt werden?

Die im Auftrag von WWF und Heinrich Böll Stiftung durchgeführte Studie "How to feed the world´s growing billions" kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Produktionssteigerung allein ist kein adäquates Rezept, die Welternährung zu sichern. Ebenso notwendig sind eine Reduzierung von Nachernteverlusten in Entwicklungs- und Schwellenländern, ein Stopp der Wegwerfmentalität und die Verringerung des Fleischkonsums in den Industrieländern.

Film zum Thema – Taste the Waste

Übrigens: Seit 8. September 2011 ist ein Film zum Thema in den Kinos. "Taste the Waste" von Valentin Thurn zeigt erschreckende Bilder, wie in unserer industrialisierten Welt mit Lebensmitteln umgegangen wird. Dabei wird deutlich: Hinter der Verschwendung steckt auch System - schließlich spült sie Milliardengewinne in die Taschen von Ernährungsindustrie und Handel.

Studien und Film hinterlassen einen üblen Nachgeschmack. Wer einmal über den eigenen Tellerrand geblickt hat, der kommt an einer Erkenntnis nicht vorbei: Ein anderer Umgang mit Lebensmitteln ist unumgänglich. Hier sind Konsument, Wirtschaft und Politik gleichermaßen gefragt. Denn die fetten Jahre sind vorbei: Die Welternährung zu sichern und gleichzeitig die Zerstörung der Natur und die Ausbeutung von Produzenten in der Dritten Welt zu bekämpfen – das ist die zentrale Herausforderung der Zukunft.

Quellen:

Bildquellen:

  • pixelio.de
  • (c) Günter Havlena / pixelio.de
  • (c) Hartmut910 / pixelio.de
Thomas Sedlmeyr, Thomas Sedlmeyr

Thomas Sedlmeyr - Studium der Deutschen Literaturwissenschaft, Geschichte und Ethnologie in Augsburg. Seit 2008 arbeite ich als freier Autor und ...

rss