Ahnen Sie, was „granda domo" heißt? Oder vielleicht „ronda tablo"? Wenn ja, dann sind Sie gar nicht so weit davon entfernt, Esperanto sprechen zu können. Norbert Heinrich Bludau beherrscht diese Plansprache seit mehr als 30 Jahren – und kommt nicht mehr von ihr los.
Esperanto als Wahlpflichtfach
Dass der Chemielehrer an der Alten Landesschule zum Esperanto kam, ist Zufall. „Ich habe damals einen Witz über die Sprache nicht verstanden. Also habe ich mich informiert", erinnert er sich. 1976 war das. Bludau orderte ein Lernprogramm und sog die Wörter wie kiso (Kuss), rozo (Rose) oder varma (warm) in sich auf. Weitere Informationen bekam er an der Ruhr-Universität in Bochum.
Dort studierte er später auch, engagierte sich in der katholischen Hochschulgemeinde. Schließlich war er beim Erlernen der Sprache so weit gekommen, dass er mit anderen Interessierten eine Esperantogruppe gründete. Heute bietet er ein entsprechendes Wahlpflichtfach an der ALS an.
Nur eine Art, Verben zu konjugieren, nur eine Möglichkeit, Nomen zu deklinieren, und eine Lautschrift ist nötig: Esperanto legt Wert darauf, einfach erlernbar zu sein. „Wir hatten damals an der Uni einen Mitstudenten, der unbedingt mit auf eine Reise unserer Esperantogruppe nach Polen wollte", so Bludau. Nach drei Wochen konnte er sich mit uns unterhalten, nach acht Wochen beherrschte er die Sprache." Internationale Begriffe sind ins Esperanto erkennbar leicht übertragen worden. Aus dem deutschen Telefon wird zum Beispiel das telefono, aus dem Faxgerät das faxilo.
Die Sprache pflegen mit Gleichgesinnten
Bei regelmäßigen Treffen üben Bludau und viele weitere Esperantisten die Sprache, tauschen sich aus, reden über Gott und die Welt. Auf Esperanto, selbstverständlich. In der Anfangszeit fuhr der Höringhäuser oft auf Veranstaltungen, zum Beispiel der Esperanto-Sommer-Uni. Heute lädt er lieber Besuch zu sich nach Hause ein, hört Sprachangebote übers Internet. „Ich hatte schon viele Besucher aus Italien oder auch dem Kongo bei mir zu Hause." Der Kontakt kommt über einen Esperantoreiseführer, in dem Adressen von Sprachkundigen angegeben sind. „Oft sitzen wir abends beisammen und reden miteinander auf Esperanto." Als ob es die Muttersprache wäre. Gelebte Völkerverständigung also. Dieser Gedanke war es auch, der Bludau bei der Stange hielt. „Die Atmosphäre bei den Treffen war immer eine ganz eigene", schwärmt er. „Mit Esperanto steht einem sofort die ganze Welt offen. Mit Italienisch zum Beispiel nur Italien."
Bei aller Einfachheit der Sprache, manche Vokabeln kann sich auch ein Chemielehrer nicht immer merken. „Löwenzahn zum Beispiel vergesse ich immer", gibt Bludau zu. „Aber den schaffe ich auch noch", grinst er.
Esperanto ist leicht erlernbar
Esperanto ist eine im Jahr 1887 entwickelte Plansprache. Ludwig Lazarus Zamenhof veröffentlichte damals seine sechzehn Regeln der „Internationalen Sprache" samt Wörterbuch. Er war 1859 in Bialystok (Russisches Reich) geboren worden und wuchs in einer mehrsprachigen Gegend auf. Immer wieder kam es zu Ausschreitungen und Übergriffen zwischen den Volksgruppen. Der Sprachwissenschaftler, der eigentlich Augenarzt war, führte dies auf die fehlende sprachliche Verständigung zurück. Der Grundstein für Esperanto (übersetzt: ein Hoffender, ursprünglich Zamenhofs Pseudonym) war gelegt.
In über 100 Ländern bestehen Esperanto-Organisationen. Die (geschätzte) Zahl der Sprecher schwankt zwischen 500 000 und zwei Millionen, hinzukommen bis zu 2000 „Muttersprachler". Esperanto ist eine von rund 500 Plansprachen (wie etwa Interlingua oder Loglan).
Wesentlicher Grund für die weite Verbreitung von Esperanto ist die leichte Erlernbarkeit der Sprache. Alle Hauptwörter enden auf „o" (domo=Haus), die Mehrzahl wird durch ein „j" am Wortende angezeigt (Domoj=Häuser). Adjektive sind durch ein „a" erkennbar, Adverbien durch ein „e". Zudem existieren nur zwei Fälle (Nominativ, Akkusativ) und drei Zeitformen (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft).
„De kie vi venas?" bedeutet übrigens „Woher kommst Du?"
