Im friedlichen Wendeprozess 1989/90 nahmen die Kirchen eine entscheidende Rolle ein. Innerhalb der Gotteshäuser und in ihrem Umfeld wurde der politische Umbruch wesentlich mit vorbereitet. In deren „Schutzraum“ konnte oppositionelles Handeln 1989 geplant und später in den Massendemonstrationen weiterentwickelt werden. Ein Vorteil der Kirchen bestand darin, dass sie in der DDR nahezu flächendeckend präsent waren und die Menschen in allen Regionen erreichten.
Evangelische und katholische Kirche
Die evangelische Kirche der DDR nahm die Führungsposition innerhalb der Kirchen bei der friedlichen Revolution von 1989 ein. Die einzigen Vertreter einer bürgerlichen Gegenelite stammten nicht zufällig aus den Kreisen der evangelischen Kirchen, aus Pfarrhäusern und Oberkirchenräten, aus Präsidialkanzleien und evangelischen Akademien. Pfarrer waren trotz enger Verflechtung zwischen Kirche und Staat, Menschen, mit denen frei gesprochen werden konnte. Von Kirchen und Gemeindesälen gingen die ersten großen Demonstrationen aus. Viele Politiker der ersten Stunde waren Pfarrer. Der ersten frei gewählten Volkskammer brachte dies auch den Titel „Pastoren-Parlament“ ein. In der späteren Friedensbewegung 2003 im Kontext des Irak-Kriegs nahmen die Kirchen wieder eine führende Rolle ein. Die katholische Kirche der DDR beteiligte sich ebenfalls an der friedlichen Revolution, hatte aber im Vergleich zur Evangelischen aufgrund der geringeren Präsenz keinen großen Einfluss. Die beiden großen Kirchen in der DDR arbeiteten nicht kontraproduktiv – im Gegenteil. Sie gingen, wenn es möglich war, häufig gemeinsam auf die Straßen.
Friedensgebete und Demonstrationen
In vielen ostdeutschen Städten spielten die Friedensgebete im Herbst 1989 eine bedeutende Rolle für die Entwicklung im politischen Umbruchprozess. Sie stellten neben den Friedensandachten und anderen kirchlichen Veranstaltungen einen Kristallisierungspunkt dar und bildeten häufig den Ausgangspunkt von Demonstrationen. In Leipzig versammelten sich beispielsweise nach Beendigung der Friedensgebete hunderte Menschen auf dem Platz vor der Nikolaikirche - das war der Beginn der Montagsdemonstrationen in Leipzig. Sie bildeten mit weiteren Schaulustigen die protestierende Menschenmenge. Bei den spontanen Demonstrationen ging es nicht nur allein um den Kampf auf der Straße, sondern auch um die Legitimität dieser Zusammenkünfte.
Wegbereiter für die friedliche Revolution
Die Kirchen der DDR waren ein wichtiger Wegbereiter für die friedliche Revolution im Wendeprozess 1989/90. Der Aufruf zur Gewaltfreiheit und die oft unter Kerzenschein stattfindenden friedlichen Demonstrationen legten die Hemmschwelle für die zu diesem Zeitpunkt nicht auszuschließende Gewaltanwendung des SED-Regimes erheblich höher. Gleichermaßen nutzten die Menschen die Symbolkraft religiöser Riten. Sie nahmen an Friedensgebeten teil, zündeten Kerzen an oder gingen zu Gottesdiensten, egal ob sie Gläubige oder Atheisten waren. Der gesellschaftliche Grundkonsens einigte fast alle DDR-Bürger. Während der Herbsttage 1989 entwickelte sich so in Ostdeutschland ein starkes Gemeinschaftsgefühl, dessen Grundpfeiler „Freiheit“, „Menschenwürde“, „Rechtstaatlichkeit“ und später „Einigkeit“ waren.
