Mit dem Ende des Karolingerreiches bis zum Beginn der Gregorianischen Reform (880-1046) hielt das so genannte "saeculum obscurum“ - finsteres Zeitalter Einzug in die Geschichte des Papsttums. Achtundvierzig Päpste verheizte diese dunkle Epoche. Zwei Ereignisse sind besonders in den Köpfen hängen geblieben: die Überlieferung von einer Frau auf dem Stuhl Petri, nämlich der Päpstin Johanna. Sie soll von 855 bis 857, also noch vor der benannten Periode das Pontifikat inne gehabt haben. Das andere Ereignis entspricht dagegen keiner Überlieferung, sondern beruht auf Wahrheit: das Totengericht beziehungsweise die Leichensynode über Papst Formosus (891-896). Das schaurige Ereignis gilt als moralischer Tiefpunkt in der Geschichte des Papstums. Es zeigt, dass Menschen auch damals von Machtgelüsten geleitet waren, denn nichts anderes liegt diesem Schauprozess zugrunde. Nur wie sich die Handhabe dieses Gelüstes ausdrückte, war ein Produkt des vorherrschenden Zeitgeistes.

Wie es zum Totengericht von Papst Formosus kommt

Formosus ist Bischof von Porto bei Rom und wird 891 zum Papst gewählt. Niemand erhebt Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines Pontifikats. 896 stirbt Formosus im Alter von 80 Jahren und erhält ein ehrenhaftes Begräbnis. So weit, so gut! Sein Nachfolger Bonifatius VI. stirbt nach vierzehn Tagen im Amt. Ihm folgt Stephan VI. aus dem Haus der herrschenden Partei der Spoletaner. Weil Formosus kurz vor seinem Tod Arnulf von Kärnten zum Kaiser krönte und nicht Anwärter aus dem Haus der Spoletaner, die über Rom herrschen, kommen Rachegelüste auf. Wegen angeblicher Missbräuche während des Pontifikats Formosus' lässt Stephan VI. diesen exhumieren und verurteilen.

Dreh- und Angelpunkt des anschließenden Schauprozesses ist das so genannte "Translationsgesetz“, das Bischöfen den Wechsel in ein anderes Bistum verbietet. Nur in Fällen von Notwendigkeit (necessitas) oder Nützlichkeit (utilitas) gestattet das damalige Kirchenrecht einen Wechsel. Dies wirft Stephan Formosus vor, der, wie erwähnt, Bischof von Porto war. Darüberhinaus wird Formosus angeklagt, einen Eid gebrochen zu haben, nach dem er nie wieder nach Rom hätte zurückkehren dürfen. Weiter wird er beschuldigt, seine Rückversetzung in den Laienstand durch Papst Johannes VIII. im Jahr 878 auf der Synode von Troyes missachtet zu haben.

Papst Formosus' Leiche wird exhumiert

Im Januar lässt Papst Stephan VI. die schon im Verwesen begriffene Leiche Formosus aus der Gruft holen. Man kleidet die Leiche in päpstliche Gewänder und setzt sie auf den Thron. Dann wird der verstorbene Papst, vertreten durch einen Diakon, in einem dreitägigen Prozess förmlich angeklagt und verurteilt. Die päpstlichen Gewänder werden der Leiche Formosus' wieder abgenommen und wegen des Eidbruchs der Schwurfinger der rechten Hand abgehackt. Die Leiche wird auf dem Begräbnisplatz für Ortsfremde verscharrt, erneut ausgegraben und in den Tiber geworfen. Sechs Monate nach dem makaberen Totengericht brachte ein Erdbeben die Lateran-Basilika zum Einsturz. Die Bevölkerung Roms sieht darin ein Zeichen Gottes gegen das schändliche Vorgehen gegen einen Toten. Papst Stephan VI. wird im August desselben Jahres gestürzt, in den Kerker geworfen und erdrosselt.

Rehabilitation und erneute Schändung

Stephans Nachfolger, Theodor II. ist nur zwanzig Tage auf dem Papstthron. Dennoch schafft er es, eine Synode einzuberufen im Dezember 897 und die Beschlüsse des vorangegangenen Totengerichts aufzuheben und den postum geschändeten Papst zu rehabilitieren. Sein Nachfolger, Papst Johannes IX., unternahm auf der Synode von Ravenna 898 einen weiteren Rehabilitationsversuch. Er erklärte das Pontifikat sowie die Ordination Formosus' für rechtmäßig und gültig. Doch die Machtkämpfe zwischen den Spoletanern und Anhängern Fomosus nehmen in den nachfolgenden Jahren zu und erreichen einen makaberen Höhepunkt. Mit Sergius III. kommt 904 wieder ein Anhänger der Spoletaner auf den Papstthron. Dieser verfolgt erneut die Partei Formosus'. Er lässt die Papstleiche ein weiteres Mal exhumieren, schänden und drei weitere Finger der Schwurhand abtrennen und abermals in den Tiber werfen. Leichenreste sollen sich im Netz eines Fischers verfangen haben und zurück in den Petersdom gebracht worden sein, um dort zum dritten Mal bestattet zu werden.

Die Machtkämpfe zwischen Formosusianern und Anhängern Stephans VI. spaltete den Vatikan noch weitere fünf Jahrzehnte. Machtkämpfe werden auch über tausend Jahre später, und damit in heutiger Zeit ausgetragen, in welchen Bereichen des menschlichen Miteinanders auch immer. Nur liegt diesen Machtkämpfen ein völlig anderer Zeitgeist zugrunde.

Quellenangabe: August Franzen: Kleine Kirchengeschichte - Herder