"Cash" oder: Wenn in New York ein Verbrechen geschieht

Cash ist das neue Buch von Richard Price - (c) S. Fischer Verlag
Cash ist das neue Buch von Richard Price - (c) S. Fischer Verlag
Eine Rezension zu dem neuen Roman von Richard Price, der zugleich ein spannender Krimi und ein großartiger Roman über die heutige Gesellschaft ist.

New York, Lower East Side. Drei Bekannte ziehen nachts um die Häuser und werden auf der Straße von zwei farbigen, bewaffneten Jugendlichen überfallen: Steven Boulware fällt betrunken um, Eric Cash gibt einfach sein Geld und Ike Marcus wehrt sich übermütig mit dem Satz „Heute nicht, mein Freund.“ Daraufhin drückt Tristan ab – und Detective Matty Clarke hat einen neuen Fall.

"Cash" ist kein typischer Kriminalroman

Von Anfang an stehen die Täter fest, in Richard Prices „Cash“ gibt es keine Whodunit-Spannung und das Buch ist kein klassischer Kriminalroman. Dazu gehört auch, dass Matty Clark nicht daran glaubt, die Täter durch akribisch-analytische Arbeit zu enttarnen, sondern auf ein wenig Glück hofft: vielleicht verplappern sich die Täter und geben mit der Tat an. Dann verhaftet die Polizei irgendjemanden, der etwas gehört hat, und es den Cops steckt, um selbst mit einer geringeren Strafe davon zu kommen. Denn so läuft es normalerweise in der Lower East Side, jenem Viertel, in dem arme asiatische Einwanderer, tendenziell gewaltbereite Farbige und hippe Weiße nebeneinander wohnen. Gentrifizierung nennt sich der Vorgang, bei dem durch den Zuzug neuer Bewohnerschaften ein Wohngebiet aufgewertet wird. Anfangs ziehen Studenten und Künstler wegen der niedrigen Mietpreise in sozial schwache Stadtteile und setzen einen Segregationsprozess in Gang: die Studenten finden gut bezahlte Jobs, Künstler etablieren sich und die Stadtteile werden für Investoren interessant. Erste Häuser werden saniert, Clubs und Szenelokale entstehen. Das Viertel wird attraktiver, die Mietpreise steigen, so dass Studenten und Künstler abwandern, stattdessen siedelt sich eine wohlhabende Klientel in dem nun angesagten Stadtteil an. Dieser Vorgang fand unter anderem in SoHo in Manhattan statt, aber auch in Deutschland vollzieht er sich beispielsweise in der Dresdener Neustadt, im Bremer Osttorviertel oder in Berlin-Kreuzberg. Im Verlauf dieser Yuppisierung wohnen die verschiedenen sozialen und ethnischen Milieus Tür an Tür, ohne sich jemals zu vermischen oder wirklich zu begegnen.

Die Folgen der Gentrifizierung der Lower East Side

Schon vor einiger Zeit hat die Gentrifizierung in der Lower East Side begonnen, mittlerweile leben die verschiedensten Personengruppen nebeneinander. Sie haben keine Berührungspunkte, nehmen sich kaum war – bis sich ihre Lebenswelten in einem Verbrechen überschneiden. In Richard Price Roman ist Eric Cash einer der Studenten, die einst in das Viertel zogen. Noch immer träumt Eric von seinem Durchbruch als Künstler – wie fast jeder Weiße in der Lower East Side. Aber bis es so weit ist, arbeitet Cash als Restaurantleiter im „Berkman’s“, einem angesagten Restaurant. Hier hat er auch den angehenden Schauspieler Ike Marcus kennengelernt und hier nahm jener verhängnisvolle Abend seinen Anfang. Zugleich zeigt Richard Price an Erics Beispiel, wie der Einbruch von Gewalt ein Leben verändern kann. Eric wird vom Opfer zum Hauptverdächtigen und dann zum wichtigen Zeugen, seine Umgebung bemitleidet ihn, verdächtigt ihn und begegnet ihm mit Abneigung. Letztendlich gibt es für Eric nur den Ausweg, aus New York wegzuziehen. Sein Leben wurde durch das Verbrechen für immer verändert.

Matty Clark als Vertreter der Polizisten von New York

Detective Matty Clark steht für die zweite wichtige Personengruppe der Lower East Side: die Polizisten. Sie versuchen, den Drogen und der Gewalt Herr zu werden, dabei repräsentiert Matty Clark jenen New Yorker Cop, der zwar an die Wahrheit glaubt, aber am System verzweifelt. Am Ende des Romans wird deutlich, dass der Fall Ike Marcus nur einer unter vielen war. Und der Roman hätte ebenso gut auch von dem Mord handeln können, der am Ende der Geschichte geschieht. Gewalttaten sind Alltag für Matty Clark und seine Kollegen – im gleichen Maße wie politischer Druck, knappe Ressourcen und Schlampereien.

Gewalt als Normalität

Das dritte soziale Milieu wird im Roman vor allem von Tristan, Little und Big Dap vertreten. Sie leben in der Lemlich-Siedlung, mehreren Sozialbauten, aus denen eigentlich kein Weg hinaus führt. Eines Tages werden sie den hinzuziehenden wohlhabenden Bewohnern und ihren Eigentumswohnungen weichen müssen. Big Dap ist bereits im Drogengeschäft, sein kleiner Bruder Little Dap eifert ihm nach und überfällt mit Tristan die drei Männer. Am meisten erfährt der Leser über Tristan, dessen trostloses Leben aus einem prügelndem Stiefvater und dem Kampf um Anerkennung auf der Straße besteht. Tristans Gleichgültigkeit ist erschreckend – weil sie so realistisch wirkt und mit lakonischer Gelassenheit geschildert wird.

Der große amerikanische Roman - und einfach ein spannendes Buch

Richard Prices Roman wurde bei seinem Erscheinen in den USA als „great american novel“ gefeiert, vor allem weil Richard Price den Stimmungen und Eigenheiten der Milieus der Lower East Side genau nachgespürt und in Worte gefasst hat. Durch die Übersetzung ins Deutsche gehen sicherlich einige Nuancen verloren, aber die Sprache ist nur eine herausragende Eigenschaft des Romans. Darüber hinaus überzeugt „Cash“ mit filmischer Erzählweise, pointierten Dialogen und schnellen Ortswechseln. Anfangs fordert der Roman viel Aufmerksamkeit, manchmal merkt der Leser erst am Ende eines Absatzes, wer dort eigentlich spricht. Aber man liest sich sehr schnell ein und wird so in die Welt der Lower East Side gezogen, die Richard Price temporeich und mit wenigen Worten in bester hardboiled-Tradition schildert. Selbst die kleinsten Nebenfiguren wirken ungeheuer lebendig und Richard Price hat ein herausragendes Gespür für den kleinen, den leisen Moment. Dadurch fügt sich in seinem Roman alles zusammen – und auch im Deutschen ist „Cash“ immer noch ein überdurchschnittlich intelligenter und unterhaltsamer Schmöker!

Richard Price: Cash. S. Fischer 2010. Gebundene Ausgabe. 522 Seiten. Euro 19,95.

Sonja Hartl - Als freie Kritikerin, Autorin und Redakteurin lese, arbeite und lebe ich in Bonn.

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