Wenn Weihnachten Kummer macht

Eine Fröhliche Weihnacht ist nicht jedem vergönnt - BettinaF/pixelio.de
Eine Fröhliche Weihnacht ist nicht jedem vergönnt - BettinaF/pixelio.de
Glückliche Familien feiern Weihnachten, dieser Vorstellung hält die Realität oft nicht stand. Besonders bitter ist das für viele Kinder.

„Fröhliche Weihnacht überall“, heißt es in einem Weihnachtslied. Dass dies nicht stimmt, weiß jeder und der Ärger beginnt oft schon in der Vorweihnachtszeit. Die Ehefrau und Mutter ist gestresst, weil alles an ihr hängt, die Kinder sind knatschig, weil ihre Wünsche nicht alle erfüllt werden und an den Feiertagen sind alle genervt, weil sie tagelang aufeinander hocken. Doch auch wenn es manchmal zu Streitereien kommt, reißen sich bald alle wieder zusammen und es gelingt den meisten, einigermaßen friedliche Weihnachten zu feiern. Anders sieht es in Familien aus, die das ganze Jahr über problembelastet sind. Bei ihnen stellt auch das Weihnachtsfest oft eine große Belastung dar und nicht immer ist Hilfe von außen so einfach möglich.

Nummer gegen Kummer: Zuhören ist wichtig

Die Eltern sind gestresst und machen sich nichts aus Weihnachten und den Weihnachtsvorbereitungen, die Kinder sind traurig, weil sie das gemeinsame vorweihnachtliche Basteln und Backen in der Familie oder weihnachtlich geschmückte Räume vermissen. Anrufe solcher Art bekommen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Organisation "Nummer gegen Kummer", an die sich Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern mit ihren Sorgen wenden können, häufiger. Beate Friese ist die Pressesprecherin der Einrichtung und sie erklärt, dass es den jungen Anrufern oft schon hilft, wenn sie ihren Kummer jemandem anvertrauen können, der geduldig zuhört. Vor Weihnachten drehen sich die Probleme der Kinder häufig um das bevorstehende Fest, das so gerne als heiles Familienfest dargestellt wird und das viele Kinder so nicht erleben.

Ein glückliches Familienfest schenken können die Berater den Kindern nicht, aber manchmal hilft es schon, wenn sie ausloten, ob sich Kleinigkeiten verändern lassen, etwa ob ein Kind eine Freundin besuchen kann, mit der es bastelt oder ob es ein eigenes Zimmer hat, das es weihnachtlich dekorieren möchte. Bei Kindern aus Hartz-IV-Familien überlegen die Mitarbeiter gemeinsam mit ihnen, ob es eine Einrichtung in ihrer Nähe, beispielsweise die Kirche gibt, die für arme Familien ein gemeinsames Fest veranstaltet. Oft, so Beate Friese, sind dann „die Geschenke gar nicht mehr so wichtig“. Ohnehin geht es, wenn solche Kinder anrufen, häufig gar nicht darum, dass sie bestimmte Dinge nicht haben, sondern darum, dass sie nicht mit den anderen mithalten können und sich ausgeschlossen fühlen. Ein gemeinsames Weihnachtsfest kann da helfen. Dafür, dass wenigstens ein kleiner Wunsch erfüllt wird, sorgen manchmal Unternehmen mit Spenden oder auch Ideen wie „Weihnachten im Schuhkarton“.

Hilfe zur Selbsthilfe

Grundsätzlich gilt bei "Nummer gegen Kummer" auch das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe, nicht weil man die Kinder im Stich lassen will und sie sich letztlich doch wieder selbst helfen sollen, sondern weil es ihr Selbstvertrauen stärkt und ihnen zeigt, dass sie nicht so machtlos sind, wie sie glauben. Was den Kindern und Jugendlichen hilft, ist die Möglichkeit, anonym zu bleiben, denn sie sind häufig in einem Loyalitätskonflikt. „Kinder möchten nicht gerne ihre Eltern verraten“, erklärt Beate Friese. Das heißt natürlich auch, dass die Berater nicht einfach das zuständige Jugendamt auf die Familie aufmerksam machen können, wenn in der Familie Gewalt oder Vernachlässigung herrschen. In solchen Fällen überlegen sie gemeinsam mit den Kindern mögliche Fluchtwege für die Feiertage. Sie klären etwa ab, ob vertrauensvolle Personen, beispielsweise Verwandte, in der Nähe wohnen, mit denen die Kinder einen möglichen Besuch im Notfall absprechen können. Jeder Berater hat außerdem in seinem Computer die Institutionen, die in solchen Fällen Hilfe leisten nach Regionen gespeichert, damit er dem Kind konkrete Stellen nennen kann. „Dies ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit“, sagt Beate Friese.

Ohne den jungen Anrufern das Gefühl zu geben, sie seien diejenigen die Streit oder Gewalt provozieren, versuchen die Berater auch gemeinsam mit ihnen herauszufinden, in welchen Situationen es in der Familie zu solchen Problemen kommt und wie sie sich vielleicht vermeiden lassen. Die Kinder − mitunter sind es auch ältere Geschwister, die sich um die kleineren sorgen – erfahren auch, dass es Möglichkeiten wie betreute Wohngemeinschaften gibt, denn oft hilft auch „das Wissen um eine Alternative“, so Friese. Gelegentlich aber, bei ganz problematischen Familien, müssen sie den Hilfesuchenden auch erklären, dass sie die Polizei rufen können. Wichtig ist in allen Fällen, ihnen zu versichern, dass diese Institutionen für solche Zwecke da sind und dass sie das Recht haben, sich dorthin zu wenden.

Die Sorgen der Eltern

Manchmal aber, gestehen sich auch die Eltern ein, dass ihr Verhalten falsch ist und dass sie Hilfe brauchen. Solche Anrufe kennt Beate Friese auch, denn "Nummer gegen Kummer" unterhält auch ein Elterntelefon. Dabei erfordert es besonderen Mut, darüber zu sprechen, dass man sein Kind schlägt. Auch in diesen Fällen loten die Berater aus, wie sie den Familien helfen können. Nicht immer muss es jedoch um Gewalt gehen, so kann es auch vorkommen, dass sich eine Mutter meldet, die seit der Trennung von ihrem Mann an Weihnachten stets trinkt. Gemeinsam überlegen sie in solchen Fällen, ob die Kinder die Feiertage beispielsweise bei den Großeltern verbringen können. Häufig möchten erstere jedoch nicht, dass die Mutter dann alleine zu Hause ist, weil sie sich für sie verantwortlich fühlen. So klären die Berater mit ihr auch ab, dass im Notfall jemand für sie da ist, damit der Nachwuchs unbesorgt gehen kann.

Für Kinder ist es in solchen Fällen oft wichtig, zu wissen, dass die Trennung der Eltern nicht ihre Schuld ist. Sie sorgen sich ohnehin häufig, dass sie an den Feiertagen nicht zum anderen Elternteil dürfen, sei es weil sie befürchten bei dessen neuem Partner nicht willkommen zu sein oder weil der erziehende Elternteil das Kind für sich möchte. „Dann erklären wir ihnen, dass sie klar sagen dürfen, dass sie auch zum anderen Elternteil möchten“, erklärt Friese. „Die Eltern müssen das akzeptieren.“ Nicht alle werden dies können, so wie nicht alle Eltern in der Lage sind, stets für ihre Kinder Sorge zu tragen. Immer unverzichtbar sein, werden deshalb wohl gemeinnützige Organisationen, die helfen Probleme zu lindern - an Weihnachten und auch das ganze Jahr über.

Quellen: nummergegenkummer.de, geschenke-der-hoffnung.org, eigene Recherche.

Angela Fehr - Geboren und aufgewachsen im "Ländle", zog ich später nach München, wo ich eine schöne Zeit verbrachte und an der LMU ...

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