Wer einen Orden will, muss sich einer Lustration unterziehen

Wer Orden will, muss sich durchleuchten lassen - U. Herbert / pixelio.de
Wer Orden will, muss sich durchleuchten lassen - U. Herbert / pixelio.de
Polen hat eine neue Auszeichnung und eine Diskussion darüber, wem man sie verleihen darf oder nicht.

Das Freiheits- und Solidaritätskreuz gehört zu den neuesten polnischen Auszeichnungen, das für Verfolgte und Oppositionelle aus den Zeiten des kommunistischen Polens vorgesehen ist. Für seine Einführung setzte sich unter anderem der im April 2010 in der Katastrophe bei Smolensk umgekommene ehemalige Präsident Lech Kaczynski. Das polnische Parlament (Sejm) stimmte im August 2010 dem Gesetz über das Kreuz zu. Zum ersten Mal wurde das Kreuz im Juni 2011 vom Präsidenten Bronislaw Komorowski verliehen. Als Anlass diente der Jahrestag von Ereignissen in Radom 1976. Vorschläge stammten vom Institut für Nationales Gedenken. Das Institut verschickte Fragebögen an die Personen, die in Betracht kommen könnten und fragte, ob sie das Kreuz annehmen wollen. Die Briefe weckten bei einigen Angeschriebenen viel Aufregung: Wer das Kreuz wolle, hieß darin, solle sich bitte einer Lustration unterziehen. Jene würde anhand vom Material, das die Akte der SB (polnische Stasi) liefert, durchgeführt.

Strickt nach Vorschriften

Wir handeln nach den Vorschriften – verlautbart unterdessen das Institut. Die Auszeichnung dürfe nur den „Lustrierten“ verliehen werden. Man brauche jedoch ihre Einwilligung. Kein Kreuz also ohne Lustration und keine Lustration ohne Einverständnis des Interessenten. Das Gesetz über das Freiheits- und Solidaritätskreuz schreibe folgendes vor: Eine Person, über die im Archiv des Instituts eine Akte über eine Zusammenarbeit mit polnischer Stasi als Informant existiert, darf das Kreuz nicht erhalten. Dies bedeutet, dass diejenigen, die vorm Gericht gegen Vorwürfe erfolgreich klagten, trotzdem leer ausgehen werden. In der ersten Version des Gesetzes lautete die entsprechende Vorschrift weniger streng: Das Kreuz sollte demnach nur in dem Falle verweigert werden, wenn das Gericht entschied, dass es sich um einen bewussten Mitarbeiter der SB handelt. Im Nachhinein wollen sich einige Abgeordnete dafür einsetzen, dass die ungerechte Änderung zurückgenommen wird.

Der Anlass: Radom 1976

Die Auszeichnung erinnert an die Ereignisse, die vor 35 Jahren in Radom anfingen. Am 25. Juni 1976 verließen die Arbeiter der Metallwerke ihre Arbeitsplätze, um gegen die drastische Erhöhung der Preise von Lebensmitteln zu protestieren. Das Fleisch sollte zum Beispiel um fast 70 Prozent, Käse und Butter um 50 und Zucker um 100 Prozent teurer werden. Die Regierung versprach zwar Entschädigungen, aber die Ärmsten sollten am wenigsten erhalten.

Dem Protest schlossen sich Menschen aus anderen Fabriken an. Vor dem Komitee der kommunistischen Partei (PZPR) erschienen dann ein paar Tausend Menschen, die die Rücknahme der Erhöhung von Preisen verlangten. Es kam zur Auseinandersetzung mit der Miliz und den verhassten ZOMO (Motorisierte Reserven der Bürgermiliz). Am Abend nahm die Regierung die Erhöhung doch zurück. Die Miliz und Stasi begannen eine brutale Pazifikation. Die Protestierenden wurden verhaftet, schwer misshandelt und für Jahre ins Gefängnis gesteckt. Eine berüchtigte Berühmtheit erlangten die so genannten Trimm-dich-Pfade: Die Verhafteten mussten zwischen den Spalieren der Milizen laufen, die auf sie hart eingeschlagen haben.

Quelle: Online-Ausgabe von „Gazeta Wyborcza“

Bildnachweis: U. Herbert / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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