
- Alte Synagoge in Rhodos - Gerd Wittka, Pixelio
Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde einer deutschen Großstadt schrieb in einer Wochenzeitung über die falschen Wahrnehmungen, die viele Deutsche über Juden hätten. Manche meinten gar, alle Juden seien israelische Staatsbürger.
Es werden da, der Mann hat recht, Äpfel mit Birnen verglichen. Die israelische Staatsbürgerschaft hat nichts zu tun mit dem Bekenntnis zur jüdischen Religion. Religionsangehörigkeit und Staatszugehörigkeit sind zwei Paar Schuhe. Am Ende seines Artikels erklärt er dann, es hätten bereits Juden in Deutschland gelebt, als mancher germanische Stamm sich auf der Völkerwanderung noch tief im Osten befunden habe.
Aber halt - vergleicht er da nicht gerade selbst Äpfel mit Birnen? Jüdische Religionsangehörige mit germanischen Stammesgenossen? Wir werden uns die Sache etwas genauer betrachten müssen.
Juden, ein Volk ohne Heimat
Die landläufige Meinung ist, die Juden seien im Jahre 70 von dem römischen Kaiser Titus aus ihrem Land vertrieben worden und 19 Jahrhunderte lang heimatlos durch die Welt geirrt.
Der jüdische Historiker Shlomo Sand meldet in seinem umstrittenen Buch The Invention of the Jewish People* Zweifel an dieser Version der Geschichte an. Seiner Ansicht nach hätten die Römer für eine derartige Aktion gar nicht die logistischen Fähigkeiten und Ressourcen gehabt. Die meisten Juden seien still und unauffällig im Lande geblieben. Noch einen Schritt weiter ging Elie Wiesel, als er schrieb: "Alle heute lebenden Juden sind Nachfahren von Proselyten."
Jüdische Bevölkerung zur Zeit von Kaiser Titus und der ersten Apostel
Zur Zeit des römischen Reiches lebten deutlich mehr Juden außerhalb der römischen Provinz Judäa als darin. In Babylonien lebte eine Million Juden, in Kleinasien vier Millionen, und für Palästina schwanken die Angaben zwischen einer halben und zwei Millionen - abhängig vielleicht davon, ob man vor oder nach den beiden römisch-jüdischen Kriegen mit ihren hunderttausenden von Todesopfern zählt.
Dabei waren die vielen Juden in Kleinasien nicht etwa alle ausgewandert. Zeitgenössische Autoren lassen sich über die eifrige Missionstätigkeit des Judentums aus; sowohl im christlichen Neuen Testament als auch bei römischen Historikern dieser Zeit finden sich dazu Anmerkungen. Offenbar hatte sich die bunte Götterwelt Kleinasiens überlebt und die Menschen empfanden den strengen Monotheismus des Judentums als sehr anziehend. Sie traten massenhaft dem Judentum bei. Es wurden in vielen Städten neue Synagogen gebaut mit Extra-Räumen für die Konvertiten, die zum Judentum übergetreten waren, die rituellen Reinheitsgebote aber noch nicht einhielten.
An diese Menschen wendet sich die Mission des aufkommenden jungen Christentums. Paulus nennt sie "Judengenossen", und nach dem Apostelkonzil in Jerusalem waren sie die hauptsächlichen Adressaten seiner Missionspredigten. Bei ihnen fand die christliche Mission einen fruchtbaren Boden: Vom Monotheismus waren sie bereits überzeugt, und die Einhaltung der Reinheitsgebote mag ihnen nicht sehr verlockend erschienen sein. Paulus bot ihnen eine Art "Judentum light".
Das mag uns heute ein wenig schofel erscheinen. Aber die ersten Christen hielten sich vermutlich nicht für eine Konkurrenzreligion, sondern für eine jüdische Erneuerungsbewegung.
Und als der alten Götterglaube vollends aus der Mode kam und all seine mit Menschenfrauen gezeugten Göttersöhne, da lag es nahe, das Christentum als ein halbherziges Sowohl-als-auch zu empfinden und sich gleich für den konsequenten Monotheismus des Judentums zu entscheiden.
Zerstörung des Tempels und Vertreibung der Juden
Als Kaiser Titus im Jahr 70 den Tempel in Jerusalem schleifen ließ, hatte das auf die jüdische Bevölkerung in der Provinz kaum Einfluss. Nur wenige wanderten aus. Und als die Römer dann nach dem Aufstand des Bar Kochba 137 das Land endgültig eroberten und Jerusalem zerstörten, vertrieben sie nicht etwa alle Juden aus der gesamten Provinz, sondern nur diejenigen in der Stadt - in Jerusalem selbst durfte sich kein Jude mehr ansiedeln. Mehr noch: Alle Beschnittenen durften die Stadt nur noch an einem Tag im Jahr betreten, am 9. Ab.
Im Land ringsumher lebten Juden weiter unbehelligt. Es entstanden große Rabbinerschulen in Palästina, denen das Judentum die ersten Schichten des Talmud verdankt. Es gab nach wie vor den Großen Sanhedrin - von Luther übersetzt als "der Hohe Rat" - von 70 Rabbinern, die grundlegende Entscheidungen trafen.
Juden lebten unbehelligt in Palästina über Jahrhunderte hinweg, und auch nach der Eroberung Palästinas durch muslimische Herrscher wurden sie nicht vertrieben. Sie mussten lediglich, wie die Christen auch, den doppelten Steuersatz bezahlen. Das führte bei beiden Religionen dazu, dass die Zahlen ihrer Angehörigen sich rapide verminderten. Die jüdischen Gemeinden konnten ihre Existenz unter muslimischer Herrschaft ebenso wenig aufrecht erhalten wie die großen christlichen Kirchen. Nur in Kleinasien hielt sich die christliche Vorherrschaft mit ihren jüdischen Gemeinden bis zur Jahrtausendwende. Und erst durch das Schwert der Kreuzfahrer wurden tatsächlich Juden aus Palästina vertrieben.
Die ersten Juden in Deutschland
Die erste Familie jüdischer Fernhändler, die nach Deutschland kam, stammte aus Griechenland. Ihr Name fängt mit "Kalli" an und hört mit "os" auf. Zu dieser Zeit, als die ersten jüdischen Griechen ins spätere Deutschland kamen, war mancher heidnische gemanische Stamm noch weit im Osten.
Wie es zu dieser Zeit üblich war, waren mit dem Land, das sie kauften, auch die zugehörigen leibeigenen Landarbeiter verbunden. Und diese hatten selbstverständlich die selbe Religion wie ihre Besitzer. Anders hätten die ersten Juden in Deutschland auch nicht an koscheres Essen kommen können. Weil dieses Prinzip noch für Jahrhunderte gültig blieb, hat es die Kirche ihren Schäfchen immer wieder verboten, bei Juden Arbeit anzunehmen. Ein Verbot, das nicht so häufig hätte wiederholt werden müssen, wenn es befolgt worden wäre.
Natürlich kann eine griechisch-stämmige Familie auf hundert germanische Blondschöpfe zu kleinen Veränderungen im Aussehen führen; schwarze Haare vererben sich nun mal dominant. Aber das "typisch jüdische" Aussehen, das oft propagiert wurde, gibt es nicht. Weswegen auch nach der Erfindung der Fotografie davon kaum noch die Rede war. Und die heutigen Einwanderer im Staate Israel sehen aus wie Menschen ihres Herkunftslandes, ob sie Juden sind oder nicht.
Insofern hat Shlomo Sand unzweifelhaft recht mit seinem Buch. Anderes, wie etwa das Volk der Chazaren, von dem er schreibt, ist historisch noch umstritten.
Aufregung in Israel um Shlomo Sand
Die Behauptung, die Zionisten hätten ein jüdisches Volk konstruiert, hat natürlich in Israel zu heller Aufregung geführt. Schließlich könnte es so ausgelegt werden, dass den Israelis ihr Land gar nicht zustehe. Außerdem kann man aus den Thesen Sands den Schluss ziehen, wo sich die damals nicht vertriebenen Juden heute befinden: nämlich in den Flüchtlingslagern der Palästinenser. Seit Jahrzehnten und unter jämmerlichen Bedingungen.
Shlomo Sand ist 1946 als Sohn von Holocaust-Überlebenden geboren worden. Ihm liegt nichts ferner, als die Existenzberechtigung des Staates Israel in Frage stellen zu wollen. Aber er möchte, dass die Wahrheit in den Schulbüchern steht - und dass die Vertreibung der Palästinenser einen nationalen Trauertag bekommt.
Interview mit Shlomo Sand in der Zeitschrift BOOKS
* Die Erfindung des jüdischen Volkes, erscheint April 2010 im Propyläen-Verlag, französische Übersetzung: Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?
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