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Wertewandel in Deutschland

Wertewandel - Stefan Dassler
Wertewandel - Stefan Dassler
Sozialstrukturen können unter anderem durch soziale Milieus beschrieben werden. Diese Milieus sind durch verschiedene Wertorientierungen gekennzeichnet.

Wenn sich die Sozialstrukturen eines Landes ändern, spricht man von gesellschaftlichem Wandel. Gesellschaftliche Werte wandeln sich im Verlauf der Zeit – beispielsweise von Pflicht- und Akzeptanzwerten zu Selbstentfaltungswerten.

Was sind Werte?

Werte sind Richtlinien oder Zielvorstellungen in einer Gesellschaft. Jede Kultur hat ihr eigenes Wertesystem. In unserer Kultur stehen die Werte „Ordnung“, „Sicherheit“ und „Privateigentum“ sehr hoch. Man teilt oftmals in äußere Werte (beispielsweise Geld) und innere Werte (beispielsweise Gerechtigkeit, Pflichterfüllung) ein. Weiterhin können materielle Werte (beispielsweise ein Immobilienbesitz) von immateriellen Werten (beispielsweise Selbstverwirklichung) abgegrenzt werden. Werte können persönliche Werte (beispielsweise Vertrauenswürdigkeit), materielle Werte (beispielsweise Geld), geistige Werte (beispielsweise Weisheit), religiöse Werte (beispielsweise Glaubensfestigkeit) oder sittliche Werte (beispielsweise Treue) sein.

Der Wertewandel

Wenn sich Wertsysteme und individuelle Wertorientierungen verändern, spricht man von Wertewandel. Diese Veränderungen werden durch gesellschaftlich einflussreiche Gruppen, aber auch charismatische Persönlichkeiten oft gezielt vorangetrieben.

In den 1970er Jahren untersuchte der amerikanische Politikwissenschaftler Ronald F. Inglehart den Wertewandel. Dazu befragte er 1970 in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft und 1973 in der erweiterten Gemeinschaft (dazu gehörten Großbritannien, Irland, Dänemark) und den USA Personen zum Thema „Werte“. Mit den Wahlmöglichkeiten A, C, E, F, I und J für die Befragten erfasste er materialistische Ziele. Postmaterialistische Ziele wurden durch die Wahlmöglichkeiten B, D, G, H, K und L erkennbar. Dabei wurde unter „postmaterialistisch“ das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und nach intellektueller und ästhetischer Befriedigung verstanden.

  • A: Aufrechterhaltung der Ordnung im Land
  • B: Verstärkte Mitsprache des Volkes bei den Entscheidungen der Regierung
  • C: Bekämpfung der Preissteigerung
  • D: Schutz der freien Meinungsäußerung
  • E: Wirtschaftliches Wachstum
  • F: Sicherung der Verteidigungsstärke des Landes
  • G: Mehr Mitspracherecht der Menschen an ihrem Arbeitsplatz und in der Gemeinde
  • H: Verschönerung unserer Städte und unserer Landschaften
  • I: Eine stabile Wirtschaft
  • J: Verbrechensbekämpfung
  • K: Eine Gesellschaft, die freundlicher und weniger unpersönlich ist
  • L: Eine Gesellschaft, in der Ideen mehr zählen als Geld

Inglehart fand in den 1970er Jahren eine eindeutige Verschiebung von materialistischen zu postmaterialistischen Werten heraus. Besonders gehäuft wurden postmaterialistische Wertorientierungen von jungen Leuten mit einem hohen Bildungsniveau vertreten. Er ging davon aus, dass über kurz oder lang die gesamte Bevölkerung von diesem Wertewandel erfasst wird.

Von den 1950er bis zu den 1990er Jahren stellte Helmut Klages einen Wandel von Pflicht- und Akzeptanzwerten zu Selbstentfaltungswerten fest. Dafür wertete er Daten des Meinungsforschungsinstituts Emnid von 1951 bis 1995 aus. Eltern wurden befragt, auf welche Eigenschaften die Erziehung der Kinder in erster Linie hinzielen sollte. Als Erziehungsziele wurden betrachtet Ordnungsliebe und Fleiß, Gehorsam und Unterordnung, Selbstständigkeit und freier Wille.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bedeutung von Werten wie „Gehorsam und Unterordnung“ deutlich zurückgeht. Werte wie „Selbstständigkeit und freier Wille“ werden höher bewertet. Gleichzeitig hält sich die Zustimmung zu Werten, wie „Ordnungsliebe und Fleiß“ auf konstantem, relativ hohem Niveau. So wendet Klages gegenüber Inglehart kritisch ein, dass der Wertewandel nicht komplett in eine Richtung gehe.

Werteverfall seit 1968

Im Gegensatz zu Inglehart vertritt Elisabeth Noelle-Neumann die These von einem seit 1968 kontinuierlich fortschreitenden Werteverfall. Dies zeige sich unter anderem durch Bindungsverluste an Religion und Kirche, allgemeine Infragestellung von Autoritäten, Bedeutungsverlust von Leistungs-, Pflicht-, Ordnungs- und Kollektivwerten, inflationäres Anspruchsdenken sowie sinkende Bereitschaft zu politischem Engagement.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass von den 1950er bis zu den 1990er Jahren eine zunehmende Individualisierung und Pluralisierung erkennbar ist. Viele Lebensbereiche wurden demokratisiert. Der Trend zu individualistischen Selbstentfaltungswerten zeichnet sich vor allem bei der jüngeren Generation ab.

  • 1950er Jahre. Traditionelle Werte: „Aufbauen und Erhalten“: Recht, Ordnung, Leistung, Disziplin, Pflichtgefühl.
  • 1960er Jahre. Materielle Werte: „Haben und Zeigen“: Materieller Wohlstand, Soziale Sicherheit, Konsumieren.
  • 1970er Jahre Postmaterielle Werte„Sein und Selbstbestimmung“: Selbstverwirklichung, alternative Lebenswege, Konsumkritik
  • 1980er Jahre. Postmaterielle und postmoderne Werte: „Genießen und Exponieren“: Ich-Bezogenheit, Erlebnisorientierung, Oberflächlichkeit.
  • 1990er Jahre. Postmoderne Werte: „Sein, Haben und Genießen“: Individualismus; Leistung, Flexibilität.

(vergleiche.: Gesellschaft für innovative Marktforschung: Delphi-Studie Future Values. Heidelberg, 2001. S.4)

Literatur:

  • Koch, A.: Wertewandel nur ein Schlagwort? Oder Innovationskraft des 21. Jahrhunderts. Europäischer Hochschulverlag 2011. Fachbuch. 160 Seiten. Euro 29,90.
  • Petersen, T./ Mayer, T.: Der Wert der Freiheit. Deutschland vor einem neuen Wertewandel. Verlag Herder 2005. Fachbuch. 152 Seiten. Euro 15,00.
Stefan Dassler, Dipl.-Handelslehrer, Stefan Dassler

Stefan Dassler - Dipl.-Handelslehrer (Studium der Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt Organisationspsychologie an der Universität ...

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