Westerwälder lieben Zotteltiere

Französische Rinder im deutschen Mittelgebirge

Wie können im Mittelgebirge Rinder gewinnbringend gehalten werden, auch wenn die Preise für Milch und Fleisch sinken? Ein Besuch Gießener Uni-Biologen im Westerwald.

Friedrich Wagner ist hellauf begeistert. Das läßt er deutlich spüren. "Wenn das Gras schon gelb ist, fressen die immer noch, das ist unglaublich", sagt er und zeigt auf seine französischen Aubrac-Rinder. Die haben es dem Nebenerwerbslandwirt angetan. Deren Fleisch schmeckt besonders gut. Und rund um Norken bei Rennerod ist genug Platz für die Tiere. "Sie finden hier auf 200 Hektar 60 Tiere, also 60 Großvieheinheiten. Mehr sind das nicht", erklärt Wagner. Das ist nicht viel. Doch bei einer solchen extensiven Viehhaltung üblich.

Tiere aus dem Stall geholt: besseres Fleisch, geringere Kosten

Vor einigen Jahren bereits hat Nebenerwerbslandwirt Wagner seine Rinderhaltung umgestellt, hat die Tier raus aus dem Stall geholt. Jetzt stehen sie das ganze Jahr auf der Weide. "Und dann habe ich gesehen, dass die Tiere gesünder gelebt haben als im Stall", erinnert sich. "Im Stall war der Tierarzt immer da. Entweder hat eine Kalb den Durchfall oder Lungenentzündung." Auf der Weide ist das anders. Kälber werden sogar ohne Tierarzt geboren. Das Honorar kann sich Wagner schon mal sparen. "Und das Fleisch ist wesentlich besser, das wird ihnen jeder Kunde bestätigen."

Ganzjährige Freilandhaltung

Für Wilhelm von Opitz, Biologie-Professor an der Universität Gießen, liegt in der ganzjährigen Freilandhaltung eine große Chance gerade für Mittelgebirgslandschaften. Weil sich die teure Milchvieh-Haltung immer weniger lohne, mache es für viele Bauern Sinn, auf Fleischrinder umstellen - wenn die Voraussetzungen stimmten: "Man muß große Flächen kostengünstig haben und man muß auf Ställe verzichten", rät der Hochschullehrer. Stallplätze sind nämlich teuer, auch die darin verbaute Technik." Die Rinder sind stattdessen das ganze Jahr draußen - bei Wind und Wetter. Und das will im rauen Westerwald etwas heißen.

Doch dort, das hat auch Bauer Wagner festgestellt, entwickeln die Tiere weitaus mehr Appetit als im Stall. Futter muß also in ausreichender Menge vorhanden sein - und nur in den harten Wintermonaten sollte zugefüttert werden. Ansonsten läßt er die Tiere in Ruhe, auch wenn sie kalben. "Ich kriege das immer nur mit, wenn die Kälber da sind", sagt er. "Hier da muß man über ne Stunde suchen, wenn man mal ein Kalb suchen will, aber der Verlust ist ganz gering. Man geht in die Herde rein und zählt die Mutterkühe und die Kälber. Wenn die Anzahl übereinstimmt, dann ist das Management gut, dann passt es. Eine ganz einfache Sache."

Offene Haltung macht Tiere wilder

Dass die Tiere aber auf der Weide durchaus etwas wilder und eigensinniger werden, hat Bauer Wagner am eigenen Leib erfahren. Ein Rind hatte ihn einmal beinahe zwischen Hörner und Traktor eingeklemmt. "Dann habe ich den an der Zunge gepackt, an der Nase, an den Augen hat alles nicht geholfen", erinnert sich. Nur weil ein Helfer dabei war, der mit einem Hammer laut auf das Blech des Traktors schlug, ließ die Kuh schließlich los. Wagner weiter: "Und dann bin ich da raus gefallen und dann bin ich unter den Traktor und habe mich da versteckt. Aber das ist einmal passiert. Die macht jetzt nichts mehr..."

Seltene Vorfälle

Für Professor Opitz, der mit Biologen und Landwirten des Deutschen Grünlandverbandes die Weiden von Bauer Wagner besuchte, sind solche Abenteuer eher selten. Seiner Auffassung nach kommt die Weidehaltung dem natürlichen Herden-Leben der Tiere am nächsten. Und auch die Wiesen und Weiden haben ihren Nutzen. Opitz: "Sie erreichen artenreiche Pflanzenbestände bis hin zu den Orchideen, die dann wieder auf dem Grünland hervorkommen. Auf der anderen Seite hat man Futter, was von der Zusammensetzung für die Tiere kaum Wünsche offen läßt. Daß das so ist, kann man auch belegen."

Zum Lebensunterhalt reicht's nicht

Für Nebenerwerbslandwirt Wagner bleibt die Rinderhaltung dennoch ein Hobby: "So schön, wie diese extensive Haltung hier aussieht. Wäre ich nur auf die Erlöse aus dieser Wirtschaftsweise angewiesen, könnte meine Familie nicht davon leben. Das steht einfwandfrei fest. Wollte ich extensiv arbeiten und davon leben, geht das nur mit Zuschüssen und viel Fläche. Diese Fläche würde also nicht ausreichen."

Klaus Martin Höfer, Robert Frie

Klaus Martin Höfer - Freier Rundfunk-, Print- und Online-Journalist. Ich beschäftige mich mit Hochschul-, Bildungs-, Wissenschafts- und ...

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