Westkurs der 100-Schlösser-Route: Von Raesfeld bis Schloss Anholt

Die Wasserburg Schloss Anholt - Judith Weibrecht
Die Wasserburg Schloss Anholt - Judith Weibrecht
Der 2. Abschnitt des Radwegs 100-Schlösser-Route führt per Fahrrad tief in den Westen des Münsterlandes und bis an die niederländische Grenze nach Anholt.

Nachdem man den ersten Teil der 100-Schlösser-Route auf dem Westkurs hinter sich gebracht hat, lockt nun im zweiten Abschnitt zunächst ein Abstecher nach Raesfeld-Erle, wo man ein weiteres der Münsterländer Genussmittel kennen lernen kann: Korn in der Brennerei Joh. Böckenhoff seit 1832. Ein Familienbetrieb, der bereits in der 6. Generation existiert. Die Besitzerin ist selbst passionierte Radfahrerin, weshalb sie uns den besten Weg zum Schloss Raesfeld erklären kann. Um den dortigen Sterndeuterturm und die Wasserburg gruppieren sich idyllische kleine Häuschen, in denen allerlei Kunst und Handwerk angeboten wird. Raben flattern um den Turm der Vorburg mit seinen rot-gelb bemalten Fensterläden. Darin hatte sich der kaiserliche Feldmarschall Alexander II. von Velen eine Sternwarte eingerichtet, was ihm den Spitznamen „Westfälischer Wallenstein“ einbrachte.

Die Wasserburg Schloss Raesfeld mit Haupt- und Vorburg wurde im 14. bis 17. Jahrhundert erbaut und beherbergt heute die Akademie des Handwerks Nordrhein-Westfalens und das Europäische Zentrum für Denkmalpflege. Das Hämmern nebenan kommt von einem Steinmetz, doch werden viele Handwerker ausgebildet: Schreiner, Schlosser, Maler. Im Rittersaal finden auch heute noch Konzerte und Lesungen statt, und dort lässt es sich vortrefflich speisen. Ums Schloss ziehen sich Wasserläufe und Weiher. An einer Trauerweide fühlt sich ein schwarzer Schwan gestört und greift an, Enten quaken, Amseln singen Abendlieder, Tauben gurren auf der Mauer. Ein Schloss-Idyll.

Industriekultur hautnah und essbare Heizerschaufeln - Entdeckungen per Fahrrad im Münsterland

Die Bocholter Aa entlang geht’s bis zum Aasee, wo sich eine Badestelle befindet, die sicher bei Hitze ins Wasser lockt. Die Radfahrer jedoch radeln weiter durch feinen Münsterländer Landregen, der alles seltsam verhangen und verwunschen aussehen lässt. Im scheinbaren Nebel tauchen immer wieder Pferde auf, eine Schafherde grast friedlich, als würde ihr die ganze Nässe nichts ausmachen. Raben hüpfen munter auf Ackerschollen, ein Hofhund schüttelt sich die Tropfen aus dem Fell. So flüchtet man ins Bocholter Textilmuseum, das direkt am Radweg liegt, und wird trocken und außerdem überrascht: Herr Hüls führt im blauen Arbeitsmantel und erklärt alles. Früher selbst einmal Weber in Rhede gewesen, arbeitet er heute für den Wachdienst des Hauses. Industriekultur hautnah. Besucher schleichen zwischen den Dampf- und Webmaschinen umher. Eine, die Brokat herstellt und immer noch in Betrieb ist, erweckt besonderes Interesse. „Ja“, sagt Herr Hüls, „Spezialanfertigungen werden auch heute noch gemacht. Dafür brauch’n Se aber n dicket Bankkonto!“ Daher begnügt man sich vielleicht mit einem Abtrockentuch, auf dem „Küchenheldin“ eingewebt zu lesen steht. Man lernt auch, wofür das „Schiffchen“ in der Weberei zuständig ist, für die Schussfäden nämlich, und im angeschlossenen Museumsrestaurant „Schiffchen“ kann man Speisen aus der Arbeiterküche probieren, zum Beispiel die Westfälische Schlachtplatte „Heizerschaufel“. Schmeckt „guet“!

Die Wasserburg Schloss Anholt an der 100-Schlösser-Route

Weiter führt der Weg die Bocholter Aa entlang durch städtische und ländliche Gebiete, bis man abbiegt und sich die Wasserburg Schloss Anholt im niederländischen Barockstil mit ihrem dicken Rundturm eindrucksvoll ins Blickfeld schiebt. Dunkelrot leuchtet sie in der Abendsonne, neben dem Weiher im Schlosspark brütet ein blütenweißer Schwan und versteckt seinen Kopf im Gefieder. Fast kann man ihn auch während des Abendessens im Wasserpavillon des Schlossrestaurants durch die Scheiben beobachten. Krähen fliegen auf und formieren sich neu. Ein monströser Baum mit weit verzweigten Ästen wirft lange Schatten. Ein Reiher stakt und sucht nach Fröschen. Radeln wie ein König, speisen wie ein König: Das Menü ist formidabel. Und übernachten wie ein König kann man direkt hier im Schloss. Im angeschlossenen Museum sind Gemälde von Meistern wie Rembrandt, J. Breughel d.J., Murillo zu bestaunen.

Nach einer königlichen Nacht im Schloss geht es weiter auf dem 3. Abschnitt des Westkurses der 100-Schlösser-Route.

Judith Weibrecht, Judith Weibrecht

Judith Weibrecht - Judith Weibrecht wurde in Fürth/Franken geboren. Schon früh sagte man ihr übertriebene Reiselust nach (angeblich von der ...

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