
- WG Casting - © 2011 STUTTGARTER ZEITUNG online
Welcher Student kennt es nicht – das ewig lange Suchen nach der perfekten Wohngemeinschaft. Mittlerweile müssen sogar Studenten eines Wohnheims oftmals selbst nach ihren Mitbewohnern oder Nachmietern suchen. Dies erweist sich als keine leichte Aufgabe, sowohl für den Bewohner als natürlich auch für den Neueinzügling. Wenn dann möglicherweise auf ein Zimmer rund 15 Bewerber fallen, gleicht die Angelegenheit einem Aussiebungsverfahren, im Sinne eines Castings.
Die Kontaktaufnahme
Bevor das eigentliche Aufeinandertreffen stattfindet, muss man es planen. Wenn man als Interessent durch eine Internetanzeige auf die WG aufmerksam wird, hat man die Möglichkeit bequem eine E-Mail zu verschicken. Dennoch sollte man darauf achten, ob die Gemeinschaft einen kurzen Vorstellungstext bevorzugt oder nicht. Verkehrt ist so ein Text auf keinen Fall, denn wer ist nicht neugierig darauf, schon etwas im Voraus über das Frischfleisch zu erfahren?
Falls zudem eine Telefonnummer vorliegt, empfiehlt es sich, gleich anzurufen. Das erfordert selbstverständlich Mut. Man erfährt jedoch, wie sich der andere anhört und gibt den Eindruck, kein Mensch von halben Sachen zu sein – im Gegenteil! Ein Telefonat räumt anfängliche Unsicherheiten aus dem Weg und erleichtert das Aufeinandertreffen im Nachhinein ungemein.
Das Treffen – der Rundgang
Das Unbehaglichste eines WG-Castings ist zweifellos das erste Treffen. Der Gedanke, dass man einer von vielen ist, löst Unruhe aus. Das andauernde Streben danach, der „Beste“ zu sein, birgt also die Gefahr, sich von Grund auf zu verstellen. Die Begrüßung fällt meist zurückhaltend und freundlich aus. Man trifft auf fremde Menschen, die einen Einblick in ihr Zuhause gewähren – ihre Privatsphäre.
Gelegentlicher Augenkontakt und dem anderen zu spüren geben, dass einem an der „Führung“ viel liegt, erweist sich als positiv. Dem oder den Bewohner(n) wird klar, wie viel es dem Bewerber bedeutet, in der Wohngemeinschaft Anschluss zu finden.
Um zu verhindern, dass das Ganze ein monotones Erzählen wird, bietet es sich an, Fragen zu stellen – über die Wohnung und gegebenenfalls über die Bewohner selbst. Das lockert auf und bietet Gelegenheit auch nach dem Rundgang noch auf einem Kaffee zusammenzusitzen und sich näher kennenzulernen.
Ende des Rundgangs – Vorstellungsrunde
In den meisten Fällen findet nach dem obligatorischen Rundgang eine Vorstellungsrunde statt. Hier empfiehlt es sich, abzuwarten, jedoch keineswegs schüchtern zu sein. Nehmen wir an, der oder die Bewohner stellt/stellen sich vor, erzählen über ihr Studium oder ihre Hobbies, dann erwarten sie das auch vom Besucher.
Der Bewerber hat im Anschluss die Möglichkeit über sich zu berichten. Es ist keineswegs verboten, auch mal über das „Geschäftliche“ hinaus zu gehen und die Runde zu belustigen. Erzählt der potentielle Bewohner nur von seinen Stärken und Talenten, könnte es überheblich wirken. Keine Wohngemeinschaft ist perfekt und niemand möchte sich für besondere Eigenschaften des Neulings verändern müssen. Wenn der Bewerber also einen außerordentlichen Putzfimmel hat und die WG strenge Hygiene eher belächelt, könnte es in der Zukunft zu Disputen kommen – was nicht bedeutet, dass Gegensätze stets zu Disharmonie führen.
Das beste Rezept fürs erste Treffen bleibt also schlussendlich eine große Portion Aufgeschlossenheit, Neugier, auch was den/die neuen Mitbewohner anbelangt, sowie ein klein wenig Humor. Denn wie Erich Kästner schon sagte: „Der Humor ist der Regenschirm der Weisen.“
