
- Skikjöring - andy mettler/swiss image
Normalerweise hält sich das internationale Interesse am Schweizer Pferderennsport in engen Grenzen. Die Ausnahme bilden die White Turf-Veranstaltungen in St. Moritz. Das faszinierende Erlebnis von Rennpferden, die auf einer Schneepiste über den gefrorenen See galoppieren und traben, zieht regelmässig mehr als 10 000 Zuschauer und Dutzende von Journalisten, Fotografen und Fernsehteams in seinen Bann.
Über 100 Jahre White Turf
Als Geburtsstunde der St. Moritzer Pferderennen gilt der 1. März 1906. Damals trafen sich auf dem Postplatz dreizehn abenteuerlustige Männer, um mit ihren Pferden ein Wettrennen zu veranstalten.
Spezialität Skikjöring
Die knapp zehn Kilometer lange Strecke ins benachbarte Champfèr sollte aber nicht im Sattel, auch nicht in einem Wagen oder Schlitten absolviert werden. Die verwegenen Männer standen auf Skiern, in der Hand eine Leine, die sie mit den im Galopp dahinpreschenden Rössern verband. Eine damals im winterlichen St. Moritz nicht unübliche Fortbewegungsart, blieb doch das Autofahren im Kanton Graubünden bis 1925 verboten.
In Anlehnung an das norwegische Snörekjöring (Schnur-Fahren) erhielt die neue Disziplin den Namen Skikjöring. Sie ist heute noch ein wichtiger und äusserst populärer Bestandteil jedes Renntags in St. Moritz. Der Gesamtsieger der in drei Rennen über 2700 Meter ausgefahrenen Skikjöring-Trophy kann sich jeweils ein Jahr lang mit dem Titel "König des Engadins" schmücken. Während der Titel während Jahrzehnten fest in der Hand einheimischer Skilehrer blieb, avancierte in der ersten Dekade des neuen Millenniums mit dem Zürcher Jakob Broger ein Flachländer zum neuen Seriensieger.
Die Belastbarkeit des Eises
Eigentlich hatte man bereits das Rennen vom 1. März 1906 auf dem gefrorenen St. Moritzer See austragen wollen. Da nicht alle der Tragfähigkeit des Eises vertrauten und zusätzlich noch Tauwetter einsetzte, verlagerte man schliesslich die Wettfahrt aufs feste Land. 1907 war es dann jedoch soweit. Nachdem ein Professor der ETH Zürich berechnet hatte, dass sich auch eine halbe Million Menschen auf dem See versammeln könnten, ohne dass eine Gefahr des Einbrechens bestünde, veranstaltete der neu gegründete Rennverein St. Moritz auf dem See eine Skikjöring-Prüfung und ein Trabfahren mit Rennschlitten. 1908 fanden auf dem See sechs Rennen statt, auf die erstmals auch gewettet werden konnte und 1910 kamen bereits drei vollständige Renntage zur Austragung. Dabei ist es abgesehen von zwei Unterbrechungen zurzeit der Weltkriege bis heute geblieben.
In St. Moritz wird nicht gekleckert
Klotzen nicht kleckern, lautete von Anfang an das Motto in St. Moritz, das sich zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg von einem 200-Seelen-Berglerdorf zu einem 3000 Einwohner zählenden Ferienort der Haute Volée entwickelt hatte. Noch vor dem Ersten Weltkrieg veranstaltete man einen Grossen Traberpreis, der mit der für damalige Verhältnisse exorbitant hohen Dotation von 10 000 Franken ausgestattet war. 1925 schrieb man für 25 000 Franken einen Grossen Preis für Galopper aus, der Vollblüter aus den wichtigsten Turf-Metropolen Europas auf den zugefrorenen See im Oberengadin lockte. Als 1928 die Olympischen Winterspiele in St. Moritz stattfanden, wurden die Rennen auf dem See als Demonstrationswettbewerb ins Programm aufgenommen.
Auch heute noch ist der 2010 zum 71. Mal ausgetragene Grosse Preis von St. Moritz das bestdotierte Rennen der Schweiz. Während das Swiss Derby in Frauenfeld und der Jockey Club in Zürich-Dielsdorf mit 100 000 Franken ausgestattet sind, gibt es im St. Moritzer Hauptereignis seit einigen Jahren 121 121 Franken zu verdienen
Die Aera Fopp
Die Neuzeit der St. Moritzer Pferderennen begann Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts. 1992 wurde Rudolf Fopp, der sich vom Starthelfer und Skikjöring-Fahrer zum Rennleiter hoch gedient hatte, neuer Präsident des Rennvereins. In der Folge schuf er mit der White Turf Racing Association (WTRA) eine neue Struktur und liess sich zum CEO wählen. Fopp bettete die Rennen in einen Rahmen mit Musikveranstaltungen, Kunstausstellungen und allerlei VIP-Aktivitäten ein, präsentierte sowohl einen von Nick Heidfeldt gesteuerten Formel-1-Boliden wie auch Rentiere oder Araberpferde auf der Rennbahn. Aus dem Zeltdörfchen entlang der Zielgeraden der Rennbahn ist mittlerweile eine veritable Zeltstadt geworden.
Nach einer Phase des starken quantitativen Wachstums will man in Zukunft vermehrt auf ein qualitatives Wachstum setzen. Dazu hat man einige ökologische Akzente gesetzt. Dank dem Einsatz neu entwickelter Verfahren konnte man den Energieaufwand für das Heizen der Zeltstadt um rund 40 Prozent reduzieren und um den See vor Emissionen zu schützen, durften die Autos 2010 erstmals nicht mehr auf seiner Eisdecke parkiert werden.
