Wie der Boden des Jahres 2010 gekürt wurde

Bodenprofil unter der ehemaligen Berliner Mauer ausgehoben

unter der Berliner Mauer - Klämt, Gundula
unter der Berliner Mauer - Klämt, Gundula
Mit einer Auftaktfestveranstaltung plus Ausstellung über Berliner "Mauer-Böden", die in die Tiefe ging, wurden Stadtböden ins Visier genommen.

Die Böden der größten Stadt Deutschlands haben die Kriegsvergangenheit noch lange nicht vergessen. Stadtböden zeigen die globale Verschiedenartigkeit urbaner Fußabdrücke von Lebens- und Bauweisen. Die Flächenversiegelung ist lokal Besorgnis erregend, das europäische Bodenschutzrecht noch lückenhaft und der Boden- steht weltweit im Kontext zum Klimaschutz.

Das Stiefkind des Umweltschutzes im Rampenlicht des urbanen Raums

„Wir treten die Erde täglich mit den Füßen, dabei müssten wir sie auf Händen tragen!“, war eine wesentliche Botschaft des Kuratoriums Boden des Jahres (BdJ) durch dessen Sprecherin Prof. Dr. Monika Frielinghaus bei der Eröffnung der Präsentationsveranstaltung. Anlässlich des Weltbodentages am 5. Dezember luden der Bundesverband Boden (BVB), die Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft (DBG) und das Umweltbundesamt (UBA) am 4. Dezember 2009 ins Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Im Rahmen eines Festprogramms präsentierten die Jury des Kuratoriums BdJ sowie namenhafte Gastredner den Stadtboden (Pararendzina Urbic Technosol) als den Boden des Jahres 2010.

Grußworte

Der Weltbodentag und die Aktion „Boden des Jahres“ wollen auf die Bedeutung und Gefährdung der nicht erneuerbaren Ressource Boden aufmerksam machen. Die Schirmherrschaft der Präsentationsveranstaltung „Boden des Jahres 2010“ hatte der regierende Bürgermeister der größten Stadt Deutschlands Klaus Wowereit (SPD) übernommen. In ihren Grußworten bekundete die gesandte Berliner Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Katrin Lompscher (DIE LINKE.) anfangs Erstaunen über die Wahl des Stadtbodens zum Boden des Jahres 2010.

Ausstellung zu Böden Berlins an der Humboldt Universität

Dabei sind die Stadtböden alles andere als langweilig. In der am Vortag eröffneten Ausstellung „Berliner Einrichtungen präsentieren Böden und Bodenschutz“ im Thaersaal der Humboldt Universität (HU) zu Berlin in der Invalidenstraße 42 rückten verschiedene Projekte und Initiativen von Schulen, Künstlern, Senatsverwaltung und Vereinen die Berliner Stadtböden ins rechte Licht.

Archiv eines Bodenprofils im ehemaligen Todesstreifen

Den Wert des Bodens als Archiv der Geschichte hob ein Studienprojekt der HU zu Untersuchungen des Bodenaufbaus im ehemaligen innerstädtischen Todesstreifen der Berliner Mauer hervor. Überreste der ab 1892 errichteten, im Zweiten Weltkrieg stark beschädigten und zu DDR-Zeiten schließlich gesprengten Versöhnungskirche, die beim Anlegen eines Bodenprofils in der Bernauer Straße gefunden wurden, waren im Thaersaal zu sehen.

Sonderbriefmarke "Pararendzina Urbic Technosol"

Einen Trümmerschuttboden zeigte auch die Sonderbriefmarke des Initiators Prof. Dr. Hans-Peter Blume, die Frau Prof. Dr. Frielinghaus den Gastrednern überreichte. „Das Motiv zeigt ein Bodenprofil vom Teufelsberg, der wohl größten Trümmerschuttansammlung weltweit.“, berichtete Prof. Dr. Gerd Wessolek vom Institut für Ökologie, Standortkunde und Bodenschutz der Technischen Universität (TU) Berlin, der den Festvortrag hielt.

Trümmerschuttböden verantwortlich für Schwefel im Grundwasser?

Die hinterlassenen 115 Mio. Tonnen Trümmerschuttböden des Zweiten Weltkrieges, die noch heute in Berlin verwittern, könnten zunehmend das oberflächennahe Grundwasser durch bedenkliche Sulfatkonzentrationen gefährden. Die Forschung vermutet, dass der schädliche Schwefel aus den Trümmerschuttböden resultiert.

Festvortrag von Prof. Dr. Gerd Wessolek, TU Berlin

Der Titel des Festvortrags von Prof. Wessolek hieß „Wie viel Boden braucht die Stadt?“ und befasste sich einerseits mit der geringen Wertschätzung urbaner Böden durch die Gesellschaft als auch andererseits mit der Bewertung, Sanierung, Entsiegelung, Begrünung und Landschaftsgestaltung verschiedenster städtischer Standortpotentiale hinsichtlich ihres Einflusses auf den urbanen Wasser- und Wärmehaushalt in Zusammenhang mit der Infrastruktur von Städten. „Der Designwert so mancher Architektur ist aus ökologischer Sicht fragwürdig.“, sagte Prof. Dr. Gerd Wessolek.

Stadtböden noch zu wenig in der Planung beachtet

Typisch für Böden städtischer und industrieller Verdichtungsräume ist, dass sie Merkmale aufweisen, die nicht durch ursprüngliche Prozesse an dem Ort entstanden sind. Die Bodenkunde spielte bei urbanen Böden in der Planung oft eine nur untergeordnete Rolle. In Berlin werden derzeit Wohnsiedlungen im Rahmen des Quatiersmanagement grüner umgestaltet. Ein sogenanntes Hemerobienkonzept sieht die Bewahrung von Lebensräumen, speziell für Pflanzen vor und bewertet Zeit hinsichtlich der Naturnähe, ähnlich wie im Naturschutz. Die Zukunft wird zeigen, ob dieses Konzept in urbanen Räumen angenommen wird.

Berlin, New York, Nanjing, Mexico City

Prof. Wessoleks Theorien schloss sich ein mit beeindruckenden Fotos untermalter Vergleich der Metropolen Berlin, New York City, Nanjing (China) und Mexico City an. Fläche, Einwohnerzahl, Bauweisen und Lebensbedingungen prägten in ihrer Verschiedenartigkeit entsprechende Bodeneigenschaften. Berlin schnitt beim Grünflächenanteil am besten ab. Da viele Großstadtbewohner entweder nicht die Zeit oder nicht die Möglichkeiten haben, hinaus zu fahren, kommt den Parks und Stadtwäldern die Aufgabe zu, Erholungsräume zu schaffen.

Flächenverbrauch zu hoch

Bei fasst allen Rednern kam die Besorgnis über den allgemein zu hohen Flächenverbrauch sowohl durch Flächeninanspruchnahme als auch durch Flächenversiegelung zum Ausdruck. Zweifel an der Zielerreichung der Reduzierung des Flächenverbrauches auf 30 Hektar pro Tag machten sich breit.

Im Bodenschutzrecht gibt es noch viel zu tun

Die Vielfältigkeit der Böden in Deutschland, Europa und der Welt betonte auch der Vorredner Dr. Ulrich Irmer vom Umweltbundesamt (UBA). Allerdings waren seine Statements vorwiegend öffentlich-rechtlicher Natur. Er umriss die Problematik einer qualifizierten Minderheit, die gegen eine Bodenschutzrichtlinie sei. Das UBA hingegen setze sich für eine Weiterentwicklung der Bodenschutzrechtsmaterie ein.

Darüber hinaus meinte Dr. Ulrich Irmer, gebe es noch viel zu tun, denn schließlich hätten einige EU-Mitglieder noch keine Landesbodenschutzgesetzgebung. Einen großen Raum nehmen beim UBA der Gewässerschutz, Klimaschutz und die Biodiversität ein. Der Bodenschutz wurde in die Diskussion der Klimadebatte und somit in die „deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ eingebracht.

Schlussworte: Bodenbewusstsein im Klimawandel stärken

Auch die Schlussworte von Prof. Dr. Thomas Scholten von der Universität Tübigen griffen den Kontext zum Klimaschutz auf. So haben globale Vernetzungen und Verhaltensweisen regionale Auswirkungen, was sich auf die Sichtweise in punkto Bodenschutz niederschlagen sollte. Die Wahrnehmung des Bodens in der Gesellschaft muss gestärkt werden. Wie beim Klima ist das Wissen über den Boden schon enorm, aber nicht selten noch nicht ausreichend. Es gibt zahlreiche unbeantwortete Fragen und damit Forschungsbedarf.

Gundula Klaemt - Liebe Leserinnen und Leser, als universitärer Master of Science (M.Sc., früher Dipl.-Ing.) in "Umweltschutz" interessieren ...

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