
- Konfrontation mit psychischem Terror - Psycho ooo1 von Fotograf Gerd Altmann - pixelio.de
Für Opfer des Psychoterrors ist schon aufgrund der fortlaufenden offenen Konfrontation die Lage sehr bedrückend. Noch belastender sind jedoch unausgesprochene Erwartungen, deren Urheberschaft vom Täter geleugnet wird. Da sie ihm oft gar nicht bewusst sind.
Unbewusste Botschaften in Beziehungen
Psychologen interpretieren in diesem Zusammenhang Erwartungen, die der Täter an das Opfer hat und die ihm selbst teilweise nicht bewusst sind, als unbewusste Botschaften. Erklärbar wird dieser Zusammenhang beispielsweise in der Eltern-Kind-Beziehung. Kinder sind sehr motiviert, auch die nicht offen ausgesprochenen Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen. Aus Beobachtung und Empfindungen heraus deuten sie intuitiv, was ihre Eltern von ihnen erwarten könnten und bemühen sich, ihr Verhalten danach zu richten. Reagieren Eltern etwa mit Verstimmung auf gute Schulnoten, obwohl sie offiziell beste Schulleistungen erwarten, wird das Kind auf diese Botschaft reagieren und befindet sich in der psychologischen Zwickmühle. Wahrscheinlich wird es seine Leistungen eher verschlechtern, da nach Meinung vieler Psychologen unbewusste Botschaften eine stärkere Wirkung haben, als offen ausgesprochene Erwartungen. Die aus den verborgeneren Schichten stammenden Wünsche werden als stärkere Antriebskräfte angesehen.
Zuschreibung bestimmen den Verhaltensspielraum
Bei Zuschreibungen geht es auch um das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Innere Erwartungen können menschliches Verhalten intensiv beeinflussen, so dass sie sich schließlich bestätigen. Die Tatsache, das ein bestimmtes Ergebnis erwartet wird, kann eigenes Verhalten und Verhalten anderer unbewusst zum erwünschten Ziel führen. Erwartete Ergebnisse werden überwiegend nonverbal vermittelt, etwa indem die Mimik etwas gegensätzlich zu dem ausdrückt, was gerade gesagt wird. Auch Geschenke sind ein Mittel der Zuschreibung. Schenkt etwa eine Mutter ihrer Tochter eine viel zu große und unansehnliche Bluse, kann sich dahinter die Zuschreibung verbergen, die Tochter wäre nicht attraktiv. Auch kann dieses Geschenk unbewusste Anweisungen an die Tochter geben, nicht attraktiv sein zu sollen. Nach diesem Beispiel des Psychologen Ronald D.Laing (1927-1989) reagiert die Tochter nicht enttäuscht oder ärgerlich, sondern mit Schuld- und Schamgefühlen. Sie zieht die Bluse an, um sich dankbar zu erweisen und fühlt sich verspottet, hilflos, verzweifelt und verwirrt. Andere Zuschreibungen, wie ein “besonders guter Mensch” zu sein, bringen trotz ihrer harmlosen und freundlichen Fassade gleichfalls in Bedrängnis. So begrenzt sich der persönliche Verhaltensspielraum als Folge darauf, Forderungen und Erwartungen der Mitmenschen immer zu genügen. Nicht an sich selbst zu denken, sondern immer zuerst an die anderen. Viele Zuschreibungen sind jedoch nicht auf eine Eigenschaft beschränkt, sondern enthalten mitunter komplexe Rollenanforderungen.
Zuschreibungen verformen die Psyche
In ihrem Buch über Psychoterror beschreibt die Psychologin Dr. Claudia Szczesny-Friedmann, dass Menschen mit selbstzerstörerischem Verhalten oft enge Bezugspersonen hätten, die sie mit bösartigen Zuschreibungen antreiben, zu versagen, unglücklich oder sogar verrückt zu werden. Wenn Täter nur geschickt genug manipulieren, können sie auch gegen den Widerstand des Opfers gewünschtes Verhalten provozieren. Auch ein selbstbewusster Mensch kann zum Versager mutieren, wenn man ihn nur penetrant genug auf seine vermeintlichen Mängel anspricht und ihm aus seinem engsten Umfeld ein negatives Rollenkonzept zugeschrieben wird. Eigenschaften, die aus Zuschreibungen resultieren, bringen Menschen in bestimmte Positionen und kanalisieren ihr Verhalten. Kommen diese Zuschreibungen von Personen, zu denen eine enge emotionale Bindung besteht, haben sie die Kraft verbindlicher Anweisungen. Selbst ohne enges zwischenmenschliches Verhältnis verfehlen viele Zuschreibungen ihre Wirkung nicht. Wenn Zuschreibungen dem Selbst des Opfers stark widersprechen, findet es keine Anerkennung und Bestätigung mehr. Im Extremfall zwingen Zuschreibungen nicht nur zu einem bestimmten Verhalten, sondern sogar zu einer anderen Art des Seins. Die Identität wird demontiert und somit die Psyche Betroffener verformt.
Die Kraft von Zuschreibungen
Die Effekte von Zuschreibungen sind weitreichend. Sind sie positiv und wohlwollend ausgerichtet, können sie das Beste aus einem Menschen herausholen, Zuversicht verleihen und Lebenskraft vermitteln. Doch als Mittel des psychischen Terrors und verbunden mit dem Zweck, Macht über andere auszuüben, werden sie extrem gefährlich. Besitzen Zuschreibungen den Charakter bösartiger Verwünschungen, werden sie Ventile für Feindseligkeiten. So verkleinert sich der Handlungsspielraum des Opfers deutlich. Es kann sich nur noch anpassen und unterwerfen. Alternativ wird es von den unbewussten Verursachern abgelehnt. Vermeintlich verdient in diesem Fall das Opfer Wohlwollen und Vertrauen dieser Personen nicht. Bestehen bei Opfern enge Bindungen oder existentielle Abhängigkeitsverhältnisse gegenüber den Auslösern dieses unbewussten Psychoterrors, können sie nur verlieren.
Literaturquelle: Du machst mich verrückt, Psychoterror in Beziehungen, Claudia Szczesny-Friedmann, 1999, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 207 Seiten, ISBN 3 499 60646 1
Bildquelle: Fotokünstler Gerd Altmann, Psycho 0001, pixelio.de
