
- Die Gefahr eines Haiangriffs ist äußerst gering - Corwin von Kuhwede
Obwohl jährlich etwa 200.000.000 Haie von Menschen getötet werden und viele Haiarten bereits auf der roten Liste der bedrohten Arte stehen, sind es meistens Sensationsmeldungen über Haiangriffe, Aggressivität von Haien und die Beißkraft von Haien, die durch die Presse gehen. Angesichts der prekären Situation für die Haie ist dies fatal. Die Angst der Menschen vor dem großen Fleischfresser im Meer wird immer neu geschürt. Angeblich haben es Haie bevorzugt auf Menschen abgesehen, beißen in alles was sich bewegt und drehen bei einem winzigen Tropfen Blut im Meer völlig durch. Aber wie gefährlich sind Haie wirklich?
Wie wahrscheinlich sind Haiangriffe auf Menschen?
Haiunfälle passieren. Das ist eine Tatsache. Jährlich werden etwa 100 Fälle von Haiangriffen im Global Shark Attack File registriert. Inklusive der Fälle, die sich noch im 19. Jahrhundert oder früher ereignet haben, hat die Liste bis heute etwa 14.560 Einträge (Stand September 2009). Wissen sollte man aber dazu, dass heute jeder, der einen Internetzugang hat, direkt online einen Angriff melden kann. Demjenigen muss nicht immer gleich ein Bein abhanden gekommen sein. Vielmehr wird bereits eine Berührung durch einen Hai wie etwa ein Entlangstreifen am Bein, bei dem die raue Haut der Haie leicht Schürfwunden verursachen kann, als Angriff gewertet. Selbst wenn sich jemand bei der bloßen Sichtung eines Hais zu Tode erschreckt hat, kann er das als Attacke melden. Das Resultat ist, dass nicht nur wirkliche Bisse in der Datenbank erfasst sind, sondern auch harmlose Schürfwunden oder angestupste Surfboards. Selbst dem Walhai, der sich als Filtrierer von Plankton, Fischlarven und anderen Kleinstlebewesen des Ozeans ernährt, werden Angriffe zugeordnet.
Jährlich enden im Durchschnitt 10 Haibegegnungen tödlich, das heißt also 10% der Unfälle. Den Verlust von Extremitäten haben circa 3% der Fälle zur Folge, ernsthafte Fleischwunden gibt es bei gut einem Drittel. Den 100 Angriffen pro Jahr stehen etwa 30 Milliarden Wassersportvorgänge vom Schwimmen über das Surfen und Tauchen bis hin zum Fischen gegenüber. Daraus resultiert ein Risiko, von einem Hai verletzt zu werden, von etwa 1:2 Millionen, die Chance von einem Hai getötet zu werden bei 1:2 Milliarden. Dagegen wird die Wahrscheinlichkeit bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen mit 1:3 Millionen angegeben.
Wo passieren die meisten Haiunfälle?
In fast 200 Ländern und Meeresregionen sind Haibegegnungen registriert worden. Annähernd 1.600 der 14.560 erfassten Angriffe werden den USA zugeordnet, über die Hälfte davon allein dem Bundesstaat Florida. Weitere 900 Fälle betreffen Australien, etwa 500 Südafrika, einem bevorzugten Jagdgebiet des Weißen Hais.
In Europa wurden bis heute unter anderem 40 Angriffe in Italien gemeldet, 9 in Kroatien,7 in Spanien, je 4 in Malta und Schottland. Der Großteil dieser Begegnungen verlief ohne nennenswerte Verletzungen. Auch ist zu erwähnen, dass die meisten der registrierten Fälle mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Aus Deutschland, Dänemark oder den Niederlanden wurde noch nie ein Fall erfasst. Die Dorn- und Katzenhaie der Ostsee sind demnach wohl genauso wenig angriffslustig wie die Blauhaie und Weißen Haie, die bisweilen in der Nordsee patrouillieren.
Muss man Angst vor Haiattacken haben?
Die Zahlen allein sprechen schon in deutlicher Sprache davon, dass schon eine ungeheure Portion Pech dazu gehört, wirklich von einem Hai verletzt zu werden. Meldungen vom Sperren ganzer Strandabschnitte wenn auch nur ein Hai gesichtet wird, und das selbst in Ländern wie Spanien, wo der letzte tödliche Angriff auf einen Menschen vom Jahr 1862 datiert, zeugen von der Hysterie, die das Tier Hai nach wie vor überall auslöst. Dennoch konnte bis heute keine besondere Angriffslust auf Menschen nachgewiesen werden. So können bestimmte Haiarten zwar Blut im Wasser noch in einer Verdünnung von 1:25 Millionen und mehr wahrnehmen, jedoch konnte bis heute nicht nachgewiesen werden, dass sie davon in besonderer Weise angelockt werden oder gar in einen kaum kontrollierbaren Blutrausch verfallen. Stattdessen stützen neue Forschungsergebnisse eher die These, dass Säugetierblut und damit auch das des Menschen, für Haie nicht sonderlich interessant ist.
Auch die beliebte Theorie, dass Surfer von Haien mit Robben verwechselt und demnach attackiert werden, konnte bis heute nicht bewiesen werden. Schwerwiegende Folgen haben diese Begegnungen auch äußerst selten im Vergleich zur boomenden Surfaktivität weltweit, nämlich nur ein- bis zweimal jährlich.
Wer sich also beim Schwimmen immer wieder Gedanken um irgendwelche Zähne macht, die ihm gleich ein paar Zehen amputieren könnten, folgt der unnötigen Panikmache moderner Medien. Haie haben ihren schlechten Ruf nicht verdient. Für das Ökosystem Meer sind sie unverzichtbar. Es wird Zeit, dass sich die Einstellung der Menschen gegenüber den urzeitlichen Knorpelfischen ändert.
Lesen Sie auch zu den Haiangriffen in Ägypten Ende 2010. Lesen Sie außerdem warum wir solche Angst vor Haien haben.
Quellen:
Global Shark Attack File: www.sharkattackfile.net/
Haischutzorganisation Sharkproject: www.sharkproject.org
