Zum ersten mal war ein Planet nicht durch Beobachtung, sondern durch mathematische Berechnung entdeckt worden – ein Triumph der Wissenschaft, ein Triumph für Le Verrier. Und eine Blamage für all jene, die zuvor die Suche abgelehnt hatten.

Am Morgen des 25. September – nach zwei Beobachtungsnächten – schickte Galle ein Telegramm an Le Verrier: „Mein Herr! Der Planet, dessen Position Sie errechnet haben, existiert tatsächlich.“ In Windeseile sprach sich die Entdeckung des achten Planeten in der wissenschaftlichen Welt herum, Galle und Le Verrier wurden auf einen Schlag berühmt.

Kleine Fehler gab es doch

Dass es doch einige kleine Ungenauigkeiten gab, war schnell vergessen. So war der Planet mit 8m rund zweieinhalb mal so hell wie angenommen, er war auch nicht 39, sondern nur 30 Astronomische Einheiten entfernt – rund 4,5 Milliarden Kilometer. Rund vier Stunden und zehn Minuten benötigt das Licht, um von der Sonne zum Neptun zu gelangen. Zum Vergleich: Die Strecke zwischen Sonne und Erde legt das Licht in 8 Minuten und 20 Sekunden zurück, zwischen Erde und Mond braucht es lediglich 1,3 Sekunden. Auch benötigt Neptun nicht 144 Jahre, um die Sonne zu umrunden, sondern 164,8 - am 12. Juli 2011 befand sich der Planet wieder exakt an der Stelle am Himmel, an er der 1846 entdeckt wurde.

Galle bleibt bescheiden - England und Frankreich liefern sich eine Schlammschlacht

Für Le Verrier wie für Galle brachte die Entdeckung einen Karriereschub – ersterer wurde Chef der Pariser Sternwarte und Professor an der Sorbonne, letzterer Direktor der Sternwarte in Breslau und Professor an der dortigen Uni. Le Verrier starb übrigens am 23. September 1877 – auf den Tag genau 31 Jahre, nachdem Galle erstmals den Neptun am Himmel gesehen hatte.

Galle blieb trotz seines Ruhmes bescheiden: Er lehnte es ab, als Entdecker des Neptuns zu gelten, sprach die Entdeckung allein Le Verrier und dessen Berechnungen zu. Dennoch ehrte ihn Google am 9. Juni zu seinem 200. Geburtstag mit einem Doodle. Anders die Engländer und Adams, sie lieferten sich eine jahrzehntelange Schlammschlacht mit den Franzosen. Adams habe die Berechnungen bereits zwei Jahre früher angestellt und sich an die Sternwarten in Cambridge und Greenwich gewandt, nur habe er dies nicht öffentlich gemacht. Nicht Galle habe den Planeten zuerst gesehen, sondern James Challis, der Direktor der Sternwarte Cambridge, und zwar am 4. und am 16. August 1846, also rund sechs Wochen zuvor. Nur habe Challis leider, leider, seine Aufzeichnungen erst später ausgewertet und erst da bemerkt, dass zwischen seinen beiden Beobachtungen ein Lichtpünktchen seinen Ort verändert habe, und dieses Pünktchen sei der Neptun gewesen. Heute hingegen weiß man, dass die Berechnungen von Adams viel zu ungenau waren und die Engländer versucht hatten, bestimmte Daten zu „begradigen“.

Die Franzosen wollten den Planeten übrigens zunächst „Le Verrier“ nennen – das hätte die Astrologen vermutlich ganz schön ins Schwitzen gebracht: sie hätten ihre Deutungen dann nicht an der Symbolik der antiken Götter orientieren können.

Die Raumsonde Voyager 2 bringt eine Fülle neuer Erkenntnisse

Nur 17 Tage nach der Entdeckung des Neptun, am 10. Oktober 1846 entdeckte William Lassel den ersten Neptunmond, Triton. Er ist etwa genauso groß wie der Erdmond und auch genauso weit von seinem Mutterplaneten entfernt. Danach wurde es erst einmal still um Neptun – er war einfach zu weit weg, die damaligen Instrumente zu schlecht, um detaillierte Beobachtungen zu machen. Volle 103 Jahre dauerte es, bis der zweite Neptunmond, Nereide, entdeckt wurde. Außerdem vermutete man seit den 1980er Jahren, dass Neptun – ähnlich wie Saturn - von Ringen umgeben sei: Immer, wenn der Planet direkt über einen Stern hinweg zog, kam es zu einem kurzen Flackern, bevor der Stern hinter Neptun verschwand und kurz nachdem er wieder auftauchte.

Was für ein Planet: 13 Monde, 5 Ringe, 2 Nord- und 2 Südpole und einen inneren Ofen

Das änderte sich erst mit der Raumsonde Voyager 2, dem Hubble-Teleskop und mit der Entwicklung neuer rechnergestützter Optiken. Voyager 2 startete am 20. August 1977 von Cap Canaveral aus, am 26. August 1989 flog sie in nur 5000 km Entfernung an Neptun vorbei. Die Instrumente der Sonde lieferte eine unglaubliche Menge neuer Erkenntnisse: Auf Anhieb fand sie gleich sechs neue Monde, fünf weitere wurden 2002 und 2003 vom Weltraumteleskop Hubble oder mit neuartigen Instrumenten von der Erde aus entdeckt – damit stieg die Zahl der Neptunmonde auf stolze 13 an. Auch die bereits vermuteten Ringe – fünf an der Zahl – bestätigten sich, sie sind nach den an der Neptun-Entdeckung beteiligten Astronomen benannt: Galle, Le Verrier, Adams, Lassel, der fünfte Ring ist unbenannt.

Durch den Gehalt von Methan ist der Planet tiefblau gefärbt. Erstmals konnte auch der genaue Durchmesser des Planeten – 49.000 Kilometer – und die Dauer des Neptuntages – 16 Stunden – bestimmt werden. Auf dem Planeten herrschen Temperaturen von – 200° C, auf seinem Mond Triton gar von –236° C. Gewaltige Stürme von bis zu 2.000 Stundenkilometer brausen über ihn hinweg.

Wegen der Neigung der Bahnachse gibt es auf Neptun auch Jahreszeiten – die dauern allerdings, weil er so lange braucht, um die Sonne zu umrunden, rund 40 Jahre. Noch unglaublicher: Neptun hat ein Magnetfeld mit zwei Nord- und zwei Südpolen, ein sogenanntes Quadrupolfeld. Außerdem besitzt er einen inneren Ofen – er strahlt zweieinhalb mal mehr Energie ab, als er von der Sonne empfängt. Grund dafür dürften radioaktive Prozesse sein, die in seinem Kern ablaufen.

Kann man als Laie den Neptun beobachten? Aber ja!

Wer jetzt neugierig geworden ist und Neptun einmal selbst beobachten möchte – kein Problem, die Zeit ist jetzt besonders günstig. Denn am 24. August 2012 steht Neptun in Opposition zur Sonne – Neptun und Erde befinden sich dann, von der Sonne aus gesehen, in einer Linie. Zu diesem Zeitpunkt ist der Planet etwas heller als sonst, er erreicht etwa die Größe 7,8m. Außerdem ist er dann die ganze Nacht über sichtbar.

Was sie brauchen, ist ein gutes Fernglas, das aber unbedingt auf einem Stativ sein sollte, und eine Sternkarte, sonst wird’s mit dem Suchen schwierig. Sie finden ihn im Sternbild Wassermann an der Grenze zum Steinbock ganz in der Nähe jener Kurve, die auf der Sternkarte mit „Ekliptik“ bezeichnet ist. Am besten lassen Sie sich von einem Amateurastronomen helfen oder fragen einfach bei der nächsten Volkssternwarte nach, dort gibt es häufig Führungen.

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Quellen:

Tom Standage: Die Akte Neptun. Die abenteuerliche Geschichte der Entdeckung des 8. Planeten, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2000, ISBN 978-3593366760

Morton Grosser: Entdeckung des Planeten Neptun. Suhrkamp, Frankfurt a. Main 1970.

Kosmos Himmelsjahr – Sonne Mond und Sterne im Jahreslauf, Franck-Kosmos, Stuttgart, verschiedene Bände

The Case of the Pilfered Planet - Did the British steal Neptune?

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