Wie leben Menschen mit Wildtieren in der Stadt?

Problemlösungen für den Umgang miteinander

Wildschweine - © Derk Ehlert / djv
Wildschweine - © Derk Ehlert / djv
Wildschwein, Reh und Marder suchen Unterkunft und Verpflegung in der Stadt. Wie müssen sich die Großstädter verhalten und was tun die Jäger zum Schutz der Einwohner?

Einwohnern von Berlin, Hamburg und Köln stellen immer öfter fest, dass Wildtiere ihre Gärten heimsuchen. Einesteils können die Menschen interessante Tierbeobachtungen machen, andererseits gefährden die Tiere ihr eigenes und das Leben der Menschen. Sie überqueren bei der Suche nach Nahrung, Straßen und verursachen dabei jährlich, nach Auskunft des ADAC, etwa 20 000 Wildunfälle.

Warum erobern Wildtiere die Städte?

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts raubte die Industrialisierung, die Intensivierung der Landwirtschaft, die Trockenlegung von Mooren und Auen, zahllosen Wildtieren und -pflanzen den Lebensraum und die Nahrungsgrundlage.

Die exzessive Anwendung von Kunstdünger, Pestiziden und Fungiziden in der Landwirtschaft und im Wald begünstigten, dass Wildschweine, Füchse, Marder, Wildkaninchen und Waschbären Zuflucht in menschlichen Siedlungen suchten. Sie haben, im „befriedeten Gebiet“ in dem sie nicht abgeschossen werden dürfen, vielfach die Scheu vor dem Menschen verloren und richten Wühlschäden in Gärten an. Einige vermeintliche Tierliebhaber festigen zusätzlich, durch die verbotene Handfütterung, den für Mensch und Tier gefährlichen Aufenthalt und riskieren dabei eine Ordnungsstrafe.

Den ungebetenen Gästen den Kampf ansagen

Wer Wildtiere im Garten vertreiben will hat nur eingeschränkte Möglichkeiten: Jeder Haus- und Grundstückseigentümer muss die Tiere selbst auf sanfte Art vertreiben, weil Wildtiere keinen Besitzer haben der für sie rechtlich haftet. Derk Ehlert, der Jagdreferent der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Berlin, sieht keinen Grund zur Panik. Mit Attacken der Tiere sei nur dann zu rechnen, wenn sich diese bedroht fühlten. Er ist der Meinung, dass die Jagd, nach oft langjähriger Duldung der Tiere, keine Methode sei um den Bestand zu reduzieren. Immerhin wurden im Jahr 2008 in Berlin etwa 2 000 Wildschweine geschossen und mehr sei, aufgrund der begrenzten Waldflächen, rechtlich nicht möglich.

Markus Bouwman ist Leiter der Forstverwaltung der Stadt Köln und dort für Wildtiere zuständig. Er mahnt:“ Nur bei wirklicher Gefahr darf ein Tier erlegt werden, denn Städte sind in der Regel sogenannte „befriedete Gebiete“ in denen nicht gejagt werden darf. Ausnahmen werden nur gewährt, wenn von dem Tier eine Gefahr ausgeht.“ Er gibt an, dass das nur äußerst selten vor kommt.

Wie reagieren Menschen optimal auf eine Begegnung mit Wildschweinen

„Von Natur aus sind Wildschweine nicht aggressiv“, sagt auch Ehlert. Dennoch sollte man ihnen Respekt entgegenbringen: „Es sind und bleiben Wildtiere, die bei Gefahr nicht so reagieren, wie wir es wollen.“ Wer in Wohngebieten auf eine Gruppe von Tieren stoße, solle sie weder erschrecken noch in die Enge treiben, sondern durch lautes Sprechen auf sich aufmerksam machen. Dann registrierten die Stadtschweine den Menschen und trollten sich in der Regel von allein, sagt der Jagdreferent. Auf keinen Fall solle man versuchen, nach einem Wildunfall ein verletztes Schwein zu berühren oder Tiere nachts vom Waldrand aus zu verfolgen. Werde ein Borstentier bedrängt oder verspüre es gar Todesangst, sei jede Annäherung lebensgefährlich. Gartenbesitzer sollten die Tiere durch feste Gitterzäune oder lückenlos in den Boden eingelassene Gitter auf Abstand halten.

Verhaltensregeln um eine Konfrontation mit Wildtieren zu vermeiden

Niemand, so sagt das Tierschutzgesetz, darf einem Wirbeltier Schaden zufügen. Eine Abschusserlaubnis darf nur die Polizei geben, wenn wirklich Gefahr für Menschen besteht. Oft sind es nur Schreck und Unwissenheit die zu einer Reizung der Tiere und zu gefährlichen Situationen führen. Darum sei es wichtig, so Markus Bouwman, einige Verhaltensregeln zu befolgen

  • Wildtiere nie bedrängen
  • Ihnen einen Fluchtweg ermöglichen
  • Sie nicht streicheln oder füttern
  • Wildtieren grundsätzlich aus dem Weg gehen
  • Ruhe bewahren
  • Einen großen Bogen um Wildsäue mit Frischlingen und um verletzte Tiere machen
  • Hilfe bei Naturschutzbehörden, Forstbehörden oder Naturschutzverbänd wie BUND oder NABU, erfragen

Wie wird dem Zuzug von Wildtieren Einhalt geboten?

„Wir Jäger können mit der Büchse zwar nicht die Folgen des Klimawandels und der sehr Wildschwein freundlichen Raumplanung ungeschehen machen. Wohl aber effektiv in die Bestände eingreifen“, sagte DJV-Präsident Jochen Borchert.

Der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) gab Ende 2009 bekannt, dass die Jäger in Deutschland zwischen April 2008 und März 2009 über 640.000 Wildschweine erlegten. Mit dieser Rekordstrecke haben die Jäger die Wildschweinbestände kräftig reduziert. Ohne Jagd könnten sich, nach DJV-Angaben, die Wildschweinbestände regional, dank Nahrung im Überfluss und milden Wintern innerhalb eines Jahres im ungünstigsten Fall verdreifachen. Im Herbst 2009 gab es bundesweit eine rekordverdächtige Eichen- und Buchenmast. Auch in Gärten und auf Feldern sorgt der Mensch dafür, dass der Allesfresser Wildschwein wohlgenährt ist: Um Schweinepest und übermäßige Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen zu vermeiden, müssten, trotz der Rekordstrecke, weiterhin Wildschweine, besonders Frischlinge und Jungtiere, intensiv bejagt werden“, betonte Borchert.

Naturschutzverbände favorisieren eine wildtierfreundliche Verkehrswegeplanung

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) haben die Bundesregierung aufgefordert, die im Konjunkturpaket zugesagten Gelder für eine wildtierfreundliche Verkehrswegeplanung zu nutzen. „Die Förderung der Wirtschaft durch Infrastrukturmaßnahmen steht nicht im Gegensatz zu Arten- und Naturschutz“, betonten der BUND-Vorsitzende Professor Hubert Weiger sowie die Verbandspräsidenten Jochen Borchert (DJV) und Olaf Tschimpke (NABU). Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV), die Schleswig-Holsteinischen Landesforsten und der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr arbeiten gemeinsam am Vorhaben „Holsteiner Lebensraumkorridore“.

In einem ergänzenden Artikel wird berichtet wie junge, deutsche Tierschützer in Mexiko helfen. und grundsätzliches über der Mönchengladbacher Tierfilmer Heinz Sielmann.

Online-Redakteurin, Gerlinde Ahrend, Gerlinde Ahrend

Gerlinde Ahrend - Ich bin Journalistin, Online-Redakteurin und Autorin, mit eigenem Journalistenbüro In der Vorbereitung meiner Ausbildung zur ...

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