Wie leiden Kinder unter den seelischen Schäden ihrer Eltern?

Psychoterror in Familien gefährdet Kinder - Gerd Altmann, AllSilhouettes.com, by pixelio.de
Psychoterror in Familien gefährdet Kinder - Gerd Altmann, AllSilhouettes.com, by pixelio.de
Werden Kinder zur Bewältigung psychischer Krisen benutzt, entsteht ein Leidensdruck. Ihre Psyche ist akut gefährdet: Psychoterror als Familienerbstück.

Um psychische Spannungszustände zu bewältigen, wählen Menschen nach Erkenntnissen der Therapeutin Szezesny-Friedmann nicht immer faire Wege. Sie nehmen auch gern den Umweg über andere, um das eigene seelische Gleichgewicht zu halten. Oft geht es dabei um die Bewältigung früherer Krisen. Wenn seelischer Ballast in Familien entladen wird, ist die seelische Gesundheit von Kindern gefährdet.

Die Entlastung von Spannungen aus der Vergangenheit

Die Autorin Szezesny-Friedmann beschreibt in ihrem Buch, wie Personen lange angestaute Wut, die eigentlich einem gefürchteten Objekt der Vergangenheit gilt, an einem Dritten ausgelassen würden. Das Opfer solcher Entlastung würde nicht nur mit einer anderen, lebensgeschichtlich wichtigen Person verwechselt. Es würde sogar dazu gebracht werden, sich wie jene Person zu verhalten. In solchen Zusammenhängen finden Mittel der Zuschreibung und Entwertung ihre Anwendung. Ein Beispiel wäre, wie ein Herr A es zu seinem seelischen Wohlbefinden nötig hätte, seinen Sohn mit seinem Vater zu verwechseln, um so seinen Vater stellvertretend endlich einmal in die Schranken zu verweisen und sich als erwachsener Mann fühlen zu können. Es genügt Herrn A nicht, nur etwas in seinen Sohn hinein zu interpretieren. Deshalb verleitet er den Sohn, die gewünschten Verhaltensweisen zu zeigen und ihn häufig zu kritisieren. Er versucht, jede noch so beiläufige Bemerkung seines Sohnes als Kritik aufzufassen, um endlich in gerechten Zorn geraten zu dürfen. Schon ein Stirnrunzeln seines Sohnes genügt, um einen Wutanfall auszulösen. Es besteht kein Verhältnis mehr zwischen Anlass und Reaktion. Für den Sohn bedeutet das psychischer Terror.

Kinder als Opfer der Vergangenheitsbewältigung

Das Abladen von seelischen Belastungen funktioniert nicht nur, wenn Kinder in die Rolle einer wichtigen Bezugsperson aus der Vergangenheit gedrängt werden. Ihre Eltern übertragen ihnen hierbei zumeist unbewusst auch die Rolle ihrer eigenen früheren Selbstwahrnehmung. Ursache solcher psychologischen Entlastungsprozesse ist nach Erfahrungen der Therapeutin Szezesny-Friedmann die Unfähigkeit der Eltern zu hassen, wo man eigentlich hassen sollte und somit denjenigen anzugreifen, der einen tatsächlich verletzt hat. So werden unschuldige Dritte attackiert. Kinder sind oft betroffen, da von ihnen die geringste Gegenwehr zu erwarten ist. Ein Beispiel wäre etwa, wie eine Mutter B ihrem kleinen Kind immer wieder schlimmste Schauergeschichten erzählt, die es mit schreckensweiten Augen aufnimmt. So fühlt sie sich stark und mächtig. So leicht kann man ihr keine Angst mehr einjagen. Schließlich beruhigt sie das Kind und tröstet es. Wieder fühlt sie sich aufgewertet, da sie ihrem Kind Schutz und Beruhigung bei vermeintlicher Gefahr vermittelt. Tatsächlich behandelt sie ihr Kind nur so, wie sie selbst als Kind behandelt wurde. Sie macht ihrem Kind ständig Angst.

Psychischer Terror gegen Kinder als Familienerbstück

Begleichen Eltern auf Kosten ihrer Kinder alte Rechnungen, so ist dieses Verhalten nicht selten ein unschönes Familienerbstück. Oft waren sie selbst als Kind psychologischen Attacken ihrer Eltern ausgesetzt, die sie nicht durchschauten und gegen die sie sich nicht wehren konnten. So übernehmen sie im späteren Erwachsenenleben die gleichen Techniken der Desorientierung, Demoralisierung und Entwertung gegenüber ihren Kindern, denen sie selbst einmal ausgeliefert waren. Die ursprünglich passive Rolle würde in eine aktive Rolle wechseln. Szezesny-Friedmann beschreibt solches Elternverhalten als oft unbewusst. Es fehlen ihnen die Worte, um ihre eigenen Kindheitserfahrungen zu bewältigen. Doch sie erzählen indirekt durch ihr Verhalten gegenüber ihren Kindern, was ihnen selbst einmal widerfahren ist.

Die Therapeutin verweist in diesem Zusammenhang auf massive Persönlichkeitsstörungen, die Kinder durch solche Familiendynamik erleiden können. So käme es bei therapeutischen Behandlungen von derartigen Störungen vor, dass Patienten ihren Therapeuten erst extrem idealisieren und zu einem späteren Zeitpunkt massiv abwerten. Beides hätte nichts mit dem Therapeuten selbst zu tun, sondern sind wiederholte Verhaltensmuster des Patienten aus seiner Kindheit. Patienten wären beispielsweise früher einer sehr launischen Mutter ausgesetzt gewesen, die sie unkalkulierbar behandelte. Mal als erklärten Liebling, mal als besonders abstoßend und enttäuschend. So dient später der Therapeut als Projektionsfläche für dieses Verhalten.

Die Folgen für Kinder als seelische Entlastungsopfer

Kinder können in extremen Fällen für den seelischen Schaden ihrer Eltern sogar mit dem vollständigen Verlust ihrer eigenen seelischen Gesundheit bezahlen. Einige Eltern würden tatsächlich versuchen, ihre Kinder verrückt zu machen, um nicht selbst verrückt zu werden. Nach Ansicht und aufgrund klinischer Erfahrungen verschiedener Psychiater stünden psychisch schwer gestörte Menschen häufig unter dem Einfluss einer seelisch kranken Bezugsperson. Jemandem, der seine eigene Verrücktheit auf diese Weise kontrollieren könne.

So wird etwa die familiäre Symptomneurose so beschrieben, dass ein Teil der Familie ein Mitglied krank macht und als Fall organisiert. Man übt auf dieses Familienmitglied so lange überlastenden Druck aus, bis es seelisch zusammenbricht und medizinische Symptome psychischer Erkrankung entwickelt. Durch das provozierte Scheitern dieses Opfers verschafft sich die restliche Familie seelische Entlastung. Dieses geopferte Familienmitglied ist zumeist ein Kind. Sobald dieses Kind erkrankt oder sozial versagt, scheint sich die angespannte Familiensituation merkwürdig schnell zu beruhigen. Nach Erfahrungswerten wäre das Familienmitglied, von dem der größte Druck auf das angegriffene Kind ausgeht, am ausgeglichensten. So würde der eigentliche Verursacher einer neurotischen Familiensituation häufig normal wirken und sich auch selbst für völlig normal halten.

Literaturquelle: Du machst mich verrückt, Psychoterror in Beziehungen, Claudia Szczesny-Friedmann, 1999, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 207 Seiten, ISBN 3 499 60646 1

Bildquelle: Fotograf Gerd Altmann by pixelio.de

Astrid Treumann, Astrid Treumann

Astrid Treumann - 1967 in Berlin geboren, habe ich dort als berufliche Grundlage Kunst und Germanistik studiert (Hochschulabschluss 1991). Meine berufliche ...

rss