Als Beispiel für die Interpretation in zwölf Schritten soll ein bekanntes Gedicht von Goethe dienen, an dem die einzelnen Fragestellungen verdeutlicht werden.

Ein Gleiches

Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vöglein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du auch.

1. Erster Eindruck: Lesen Sie das Gedicht. Konzentrieren Sie sich nur darauf, was Sie dabei empfinden. Lesen Sie es noch einmal, markieren Sie Stellen, die Ihnen irgendwie auffallen. Formulieren Sie eine Vermutung, worum es hier geht.

Beispiel: Klingt schön, traurig. Vielleicht ein alter Mensch, der ans Ende denkt, ans Sterben.

2. Überschrift: Nehmen Sie den Titel ins Visier: Was verrät er über das Thema? Erkennen Sie einen Zusammenhang zwischen Titel und Text? Hilft der Titel jetzt nicht weiter, stellen Sie ihn zurück bis zum Schluss.

Beispiel: „Ein Gleiches“ sagt mir nichts. Vielleicht ging ein ähnliches Gedicht voraus?

3. Gattung: Gehört das Gedicht einer formalen Gattung an, die Sie kennen? Ist es ein Sonett, ein Lied, eine Elegie… oder ist keine poetische Tradition zu erkennen? Ist es ein Natur- oder Liebesgedicht, ein politisches Gedicht? Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Inhalt/Thema und Gattung?

Beispiel: Das ist ein sehr kurzes gereimtes Gedicht; es klingt wie ein Lied. Naturgedicht.

4. Gliederung: Analysieren Sie nun: Wie steht es mit Strophen/Einschnitten, Metrum und Reimen? Gibt es Bruchstellen oder fließt alles ineinander? Wie verhält sich die Form zum Inhalt/Thema?

Beispiel: Es ist nur eine Strophe. Zuerst fließt es regelmäßig (Kreuzreim). Aber nach „Hauch“ ist ein deutlicher Einschnitt. Wie wenn der Sprecher in diesem Moment lauscht und sich etwas bewusst macht.

5. Klang: Nach Möglichkeit lesen Sie laut: Wie wirken die Klangfarbe der Laute und die Sprachmelodie? Beziehen Sie auch dies wieder auf Inhalt/Thema.

Beispiel: Die langen Vokale fallen auf: „Ruh“, „Spürest du“; dann das doppelte „au“. Feierlich wirken die zweisilbigen Wörter „Walde“ statt Wald und „balde“ statt bald. In der letzten Zeile noch mal u – u – au: klingt nach Ruhe und Stillstand.

6. Sprache: Analysieren Sie weiter: Sind die Sätze kurz oder lang? Ist die Sprache einfach oder komplex? Entspricht sie dem normalen Sprachgebrauch oder weicht sie davon ab? Gibt es Wortschöpfungen, die Sie so nicht kennen? Versuchen sie, diese zu verstehen. Gibt es Auslassungen oder Wiederholungen?

Beispiel: Die Sprache ist sehr einfach: drei Feststellungen, dann eine Voraussage. Auffällig ist der Imperativ: „Warte nur“.

7. Lyrisches Ich: Lässt sich feststellen, wer hier spricht? Wenn es ein „Ich“ gibt – in welcher Situation ist es? Äußert es sich sachlich oder gefühlvoll, aufgeregt oder gelassen? Ist die Stimmung friedlich, aggressiv, nachdenklich, traurig, euphorisch …?

Beispiel: Ein Mensch, der nachts durch einen Wald wandert, spricht mit sich selbst. Die Stimmung ist friedlich, nachdenklich. Bald wird er auch ausruhen. Freut er sich auf sein Bett oder meint „ruhen“ hier sterben?

8. Anrede: Wird ein „Du“ angesprochen? Was wird dem Du mitgeteilt? Und: Welche Wirkungsabsicht auf sein reales Publikum könnte der Dichter gehabt haben?

Beispiel: In Zeile 4 und 8 wird ein Du angesprochen. Es scheint, dass der Sprecher mit sich selber redet. Zu sich selbst sagt er auch „Warte nur“. Aber der Leser fühlt sich mit angesprochen.

9. Bilder: Nehmen Sie sich die sprachlichen Bilder vor: Gibt es Metaphern oder Symbole, die auf etwas hinweisen? Aus welchen Bereichen stammen sie? Wie passen sie zum Thema? Gibt es wiederkehrende Motive?

Beispiel: Keine Metaphern/Symbole. Höchstens die gesamte Szene ist ein Bild für den Lebensweg eines Menschen.

10. Zeit und Raum: Welche Rolle spielen sie? Handelt es sich um einen Moment oder vergeht viel Zeit zwischen Anfang und Ende? Können Sie sich den Ort vorstellen? Gibt es eine Handlung oder werden vorwiegend Gedanken/Gefühle mitgeteilt?

Beispiel: Die Wanderung durch den dunklen Wald könnte die Wanderung durchs Leben meinen. Es ist schon spät, das Ende nah. Es entsteht aber keine Panik, nur die Gewissheit, dass es bald zu Ende ist. Wie die Natur – so der Mensch. Das Thema ist zeitlos.

11. Biografie: Wenn Sie etwas über das Leben des Autors und seine Zeit wissen: Lässt sich das Gedicht einer bestimmten Lebensphase oder historischen Tatsachen zuordnen? Wirft das ein neues Licht auf den Text?

Beispiel: Wenn man nachschlägt, findet man heraus, dass Goethe zuvor ein Gedicht mit dem Titel „Wandrers Nachtlied“ geschrieben hat. Darin sagt er, er sei „des Treibens müde“ und möchte endlich Frieden finden. Jetzt ist klar, dass der Titel „Ein Gleiches“ ein Gedicht mit dem gleichen Thema meint. Und dass der Sprecher buchstäblich ein bisschen lebensmüde ist.

12. Wertung: Was gefällt Ihnen an dem Gedicht, was nicht? Gibt es abgegriffene Formulierungen, kitschige Bilder? Formulieren Sie Ihre Kritik. Spricht der Inhalt Sie an, berührt er Sie oder lässt er Sie kalt? Hat das Gedicht mit Ihrer eigenen Situation etwas zu tun?

Beispiel: Mir gefällt das Gedicht als Ganzes, weil es sehr kurz und einfach ist und irgendwie „hängen bleibt“. Es hat etwas Melancholisches, das ich auch manchmal empfinde. Mit wenig Worten wird viel gesagt. Die Natur kommt zur Ruhe, der Mensch auch, egal, ob ein Nachtlager oder der Tod gemeint ist.

Überprüfen Sie zum Schluss Ihre anfängliche Vermutung. Eventuell müssen Sie sie korrigieren oder ergänzen? Tun Sie das. Sie haben nun genug Argumente gesammelt, um Ihre Deutung zu stützen und können die Interpretation schreiben. Probieren Sie dann die 12 Tipps an einem anderen Gedicht Ihrer Wahl aus. Viel Erfolg! Hier geht es zur Interpretation eines Eichendorff-Gedichts.