Wie reisten Jesu Eltern nach Bethlehem?

Die historischen Wegebeziehungen im Heiligen Land

Geburtskirche - Margot Sander
Geburtskirche - Margot Sander
Der Kaufmännische Direktor des St. Adolf-Stiftes in Reinbek hat über die Reisemöglichkeiten zur Zeitenwende reizvolle Überlegungen angestellt.

„Und du, Bethlehem Ephratha, der du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Augang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“, so weissagt der Prophet Micha den Geburtsort Christi. Damit das vorhergesagte göttliche Wunder geschehen konnte, musste der Zimmermann Josef umständlich durch ganz Judäa aus Nazareth anreisen. Darüber hat sich Lothar Obst, Kaufmännischer Direktor des gerade 125 Jahre alt gewordenen St. Adolf-Stifte im südholsteinischen Reinbek und engagierter Katholik, seine Gedanken gemacht. Das Ergebnis seiner Studien hat er uns zur Verfügung gestellt.

Ein sehr altes Dorf

Zur Zeit der Geburt Christi hieß das Dorf Beth Lahm. Es liegt rund zehn Kilometer südlich von Jersualem und ist heute mit 30.000 Einwohnern ein Vorort der Heiligen Stadt. Vor zweitausend Jahren war es ein unbedeutendes Dorf mit vielleicht fünfzig Häusern. Die waren zweistöckig. Im Erdgeschoss lebte das Vieh, während im Obergeschoss die Großfamilie in einer Einraumwohnung hauste. Bestenfalls um die fünfhundert Menschen lebten in dem „Haus des Brotes“. Der Beiname „Ephratha“ sagt, dass die Landwirtschaft ertragreich war. Hier herrschten Feldbau, Viehwirtschaft und Weinbau.

Zur Zeitenwende war diese Siedlung schon sehr alt. Tausend Jahre zuvor wurde hier der legendäre König David geboren. Der zum Anführer Israels erwachsene Stammesführer eroberte von hier das „Urususalaim“, das spätere Jerusalem. Dort baute sein Sohn Salomo den ersten Tempel. Auf dem Berg Zion entstand die Königsburg. Das Evangelium des Lukas knüpft daran an, wenn es als Ursache für die Reise des Ehepares Josef und Maria angibt, „der aus dem Haus und Geschlecht Davids war“.

Die Volkszählung ist geschichtlich belegt

Nach diesem biblischen Bericht reisen Josef und Maria wegen einer angeordneten Volkszählung nach Bethlehem. Solche Zählungen zur Zeit des Kaisers August sind historisch belegt. Aus Nazareth führten zur damaligen Zeit drei Routen gegen Norden.

Die Westroute über Aula und die uralte Festung Meggido zum fast ebenen Landstrich an der Mittelmeerküste. Gerade diese Teilstrecke von Hadera im Norden vorbei an Netanya und östlich des heutigen Tel Avivs war eine bewährte Heerstraße der ägyptischen und mesopotamsichen Armeen. Im flachen Land konnten die Truppen in entsprechender Stärke breit aufmarschieren und so lange Tagesmärsche absolvieren. Verlässt man diesen Landstrich jedoch, um nach Jerusalem hinauf zu ziehen, wird es ab Emmaus sehr bergig und stufenweise äußerst steil. Diese Route ist mit rund 250 Kilometern Länge auch die weiteste Strecke für unsere biblischen Reisenden. Sie war bei Ausländern sehr beleibt. Problematisch war dieser Weg, weil die hier von den Israeliten verachteten Samariter wohnten. Die stammten ursprünglich aus dem Osten Vorderasiens und waren rund achthundert Jahre früher von den Assyrern hier angesiedelt worden. Obwohl sie den Pentateuch – die fünf Bücher Mose – zur Grundlage ihres Glaubens hatten, wurden sie nicht als Juden anerkannt.

Ostroute für Schwangere ungeeignet

Die Ostroute zieht von Nazareth in das Jordantal. Bei Jericho beginnt die Wüste. Von dort zieht sich ein Serpentinenpfad nach Jerusalem hinauf. Er wurde schon zur Zeitenwende viel genutzt. Es fehlten hier aber Wasser und auch Möglichkeiten zur Zwischenunterkunft. Bei eine Schwangeren wie Maria wohl ausgeschlossen.

So kommt wohl am ehesten der der Weg der Urväter Israels über Jenia, Sebastee, Nablus, Bethel und Ramallah in Betracht. Er führt über fruchtbare Hochtäler, muss aber auch steile Pässe überqueren. Es ist das Kernland des alten Judäa. Das heilige Paar wird für diesen Weg bis zu zehn Tage gebraucht haben. Wandern konnte es eh nur am Morgen oder in den späten Nachmittagsstunden.

Karawanserei historisch bezeugt

In Betelehm trifft das heilige Paar auf eine ausgebuchte Herberge, wie die biblische Überlieferung berichtet. Schon normal trafen sich hier die alten Wege von Nord nach Süd und die Karawanenstraße von Gaza am Mittelmeer durch die Wüste Juda nach Südosten zur Oase En Gedi, zur Festung Massada am Toten Meer, zur Felsenstadt Petra und zur Weihrauchstraße im Osten Arabiens. Historisch belegt ist, dass es hier eine Karawanserei gab. Und dort werden Maria und Josef wohl um Unterkunft nachgefragt haben. Weil sie nicht vorgebucht hatten, musste der Wirt sie abweisen. Umso mehr, als Maria ja hochschwanger war, und der Wirt nun nicht auch noch eine Geburt in all dem Trubel gebrauchen konnte. So verweist er die Beiden in den zur Herberge gehörenden Stall, der sonst für die hier vorbeiziehenden Kamelherden benötigt wurde. Und hier vollendet sich dann die Heilsgeschichte, an die die Christen seit 2000 Jahren glauben.

Übrigens: So klein der Flecken Betlehem war: Eine Gemeindeverwaltung – ein Bürgermeisteramt, wie man im Südosten Europas sagt – muss es doch gegeben haben. Denn sonst hätte diese Reise ja keinen Sinn gehabt.

Horst Schinzel, Valentina Jermakova

Horst Schinzel - Ich bin seit mehr als fünfzig Jahren journalistisch und publizistisch tätig. In den Siebziger Jahren habe ich einen Kleinverlag ...

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