Wie steht es um die Liebe in der heutigen Gesellschaft?

Ein ambivalentes Bild der Liebe. - Moni Sertel/pixelio.de
Ein ambivalentes Bild der Liebe. - Moni Sertel/pixelio.de
Es sind schwere Zeiten für Julias und Romeos. Die Liebe ist zwar längst von den sozialen Zwängen befreit. Eine Orientierung fehlt aber den Jugendlichen.

In einer von Marktgesetzen beherrschten Leistungsgesellschaft hat Liebe schlechte Karten. Was zwischen zwei Liebenden passiert, ist mitnichten eine ausschließlich private Angelegenheit. Die Art der Beziehungen hängt von den sozialen, ökonomischen und politischen Konditionen ab. Und die sind für die zarten Gefühle nicht günstig. Es grenzt inzwischen an ein Wunder, wenn sich die Liebe trotz aller Widerstände durchsetzt.

Liebe deinen Nächsten!

Eigentlich müsste man auf das Gegenteil stoßen, in einem Land, das sich auf die christlichen Werte beruft. Von einem Christen dürfen wir doch nicht nur die Liebe zum Gott erwarten. Er sollte mit gleicher Hingabe seinen Nächsten lieb haben. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst - lautet das Gebot der Gläubigen. Mit der Wirklichkeit hat die fromme Forderung nicht viel zu tun. Ein Christ, der das christliche Gebot wahrhaft verinnerlicht hätte, müsste gleichzeitig im Namen der Nächstenliebe eine Umgestaltung der sozialen und politischen Verhältnisse anstreben, in denen die Armut und Ungerechtigkeit gedeihen. Welcher Liebende hätte denn zugelassen, dass dem Geliebten schlecht geht?

Die persönliche Liebe – eine ziemlich neue Erfindung

Früher wurde geheiratet und nicht geliebt. Erst in der Moderne löste die individuelle, persönliche Liebe eine Zweckehe ab. Sie befreite sich von den sozialen und ökonomischen Zwängen, sodass sich Paare auf einer freiwilligen Basis zusammenfinden können. Dennoch kommen die größten Vorbilder der leidenschaftlichen Gefühle aus der Vergangenheit: Odysseus und Penelope, Tristan und Isolde, Romeo und Julia. Sie begehrten einander, ohne die geltenden Umstände zu beachten. Sie wählten ihre Partner frei, obwohl sie dies eigentlich nicht tun durften.

1968 und die freie Liebe

Der Begriff „freie Liebe“ verbindet man meist mit den 68ern. Er wurde aber damals nicht erfunden. Es war die russisch-amerikanische Anarchistin Emma Goldman (1869-1940), die nach freier Liebe im Sinne der Emanzipation verlangte. Die von ihr erhoffte Befreiung verkam im Zuge der sogenannten Sex-Revolution zum „bigotten Durcheinanderschlafen“. Tatsächlich diente diese Praxis der Verschleierung wirklichen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Männern und Frauen. Die verschiedenen Beziehungsexperimente aus diesen Zeiten sollten die Doppelmoral und Engstirnigkeit der Elterngenerationen überwinden. Bei manchen Teilnehmern verursachten sie mehr Schaden als Gutes und zerstörten ihr Leben.

Die beiden Geschlechter wurden außerdem keineswegs auf gleiche Weise frei. Renate Lorenz beschreibt dieses Phänomen unter wirtschaftlichen Aspekten: Die sexuelle Revolution ginge mit einem enormen Kurssturz der Bedingungen für die Frauen. „Sie haben den Tauschwert des Geschlechtsverkehrs verringert, ohne das Vorankommen von Frauen in besser bezahlte Berufe zu fördern.“ [S. 15]

Wissen über Techniken, weniger über eigene Bedürfnisse

Sex-Revolution hin oder her: Die Jugendlichen wissen vielleicht mehr über die Techniken, aber sie scheitern, wenn es um einen selbstbestimmten Umgang mit ihren Bedürfnissen und Wünschen geht. In den 1960ern erlebten fünf Prozent Mädchen und zwölf Prozent Jungen bis zu ihrem 17. Lebensjahr einen Geschlechtsverkehr; 1995 – waren das schon 46 beziehungsweise 39 Prozent. Dennoch scheinen die Jugendlichen von heute weniger aufgeklärt zu sein als die Generation, die zu den Zeiten der Sex-Revolution aufwuchs. Die Sexualität findet in der Wahrnehmung der Kinder nicht statt. Anstelle der Aufklärung werden ihnen zu immer früheren Zeitpunkten die Stereotypen der Sex- und Pornoindustrie vermittelt.

Zu diesen falschen Leitbildern gesellen sich andere destruktive Umstände: Weder Schule noch Familie sind in der Lage, eine Orientierung oder einen Schutz zu bieten. In den letzten Jahrzehnten hat sich unterdessen die Zahl der Vergewaltiger zwischen 14 und 18 verdoppelt, genauso wie die Zahl der Jugendlichen, die sich an Kindern vergehen.

Das ambivalente Bild der Liebe im Alltag

Die gegenwärtige Gesellschaft bietet ein ambivalentes Bild in Sachen Liebe. Immer noch existieren die alten Tabus und negativen Bewertungen, die die sexuellen Aktivitäten als „unanständig“ oder „schmutzig“ sehen. Daneben hat sich eine „orgiastische“ Inszenierung des Wochenendes entwickelt: Trinken, Tanzen und Lieben bis zum Umfallen. Als Grund wird der alles beherrschender Markt angezeigt. Weil die Leistung und der Konsum zwar den Arbeitsalltag noch zusammenhalten, für die Gestaltung der Freizeit reichen sie aber nicht aus. Im Hintergrund boomt das Geschäft mit der Erotik. Die Mehrheit der Bevölkerung bewegt sich jedoch nach wie vor in traditionellen Bahnen.

Bildnachweis: Moni Sertel/pixelio.de

Zitate und Quelle: Heike Friauf (Hg.), Eros und Politik. Paul-Rugenstein Verlag. Bonn 2008. 166 Seiten.

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Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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