
- Lachender Neandertaler - Jonny Michel
Seit dem 11. November 2011 gibt es im am rechten Elbufer gelegenen Japanischen Palais Urmenschliches zu sehen. Gestaltet wurde diese Ausstellung von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, deren Forscher neueste Erkenntnisse über unsere Ahnen präsentieren. "Safari zum Urmenschen - entdecken, erforschen, erleben", so der Titel der Exposition, lädt Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu einer Reise in die Vergangenheit und Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein. Rund 250 Exponate, dazu zählen auch zahlreiche Filme und Dioramen, überzeugen die Besucher von der Forschung, aber auch von den bisher noch vorhandenen Rätseln der Millionen von Jahren zurückliegenden Zeit. Für die "Senckenberger" steht fest: Egal, wo Menschen heute leben. Ihre Urheimat liegt in Afrika.
Muskelkraft und Hightech-Methoden
Gleich in der Eingangszone ist eine Ausgrabungsstätte in Afrika nachgebildet. Mittels interaktiven Videos verfolgen die Besucher, wie mühselig die Forscher aus dem Sand der afrikanischen Wüste jeden kleinen Knochen, jeden Zahn oder Schädel bergen. Da ist Muskelkraft gefragt, bevor es zu den mit Hightech-Methoden durchgeführten Auswertungen gehen kann. Es ist ein Puzzle der besonderen Art. Die Wissenschaft ist ausschließlich auf diese versteinerten Funde angewiesen, existieren doch aus jener fernen Zeit keine menschlichen Überlieferungen oder gar Schriften.
Ab wann gingen Menschenaffen aufrecht?
Die Ausstellung verrät: Menschenaffen entwickelten den aufrechten Gang vor rund sechs bis sieben Millionen Jahren. Anschaulich wird dieser Werdegang auf der Station 1 der Ausstellung dokumentiert. Es war ein erster Schritt vorwärts zur Entwicklung zum modernen Menschen. Durch diesen aufrechten Gang, folgt man den Forschern, ließ die Hände frei werden. So konnten diese Menschenaffen beginnen, Steinwerkzeuge herzustellen und ihre Nahrungsaufnahme entscheidend verbessern. Das Gehirn war jedoch noch nicht sehr ausgeprägt.
Klimaveränderungen vor zweieinhalb Millionen Jahren?
Menschenaffen und später die so genannten Vormenschen mussten sich immer wieder an die Veränderungen des Klimas anpassen. Das beeinflusste ihre Entwicklung über viele Millionen Jahre. Über lange Zeiträume entwickelte sich auch das Gehirn. Allerdings betrug das Gehirnvolumen des Vormenschen, den die Wissenschaft Australopithecus africanus nennen, lediglich 485 Kubikzentimeter. Der moderne Mensch, der Homo sapiens hat daggegen ein Gehirnvolumen von 1.100 bis 1.350 Kubikzentimetern. Durch die wechselnden Lebensbedingungen unserer Ahnen nahm so das Gehirn an Größe, aber auch an Leistungskraft zu. In den Stationen 2 und 3 wird diese Entwicklung durch Schädelrekonstruktionen und auf zahlreichen Informationstafeln verdeutlicht. Auch die Entwicklung der Sprache, nicht zu verwechseln mit der ausgeprägteren Ur-Sprache, die sich erst vor rund 500.000 Jahren entwickelte, datieren die Forscher in die Zeit vor zweieinhalb Millionen Jahren. Für die Urmenschen wurde es notwendig zu kommunizieren. Erfahrungen über den Werkzeugbau mussten weiter gegeben werden.
Der Schimpanse - einer unserer nächsten Verwandten
Wer hätte das gedacht? Der Schimpanse, den wir heute noch im Zoo bewundern können, der uns natürlich durch seine Kunststücke im Zirkus verblüfft, ist tatsächlich derjenige, der mit uns sehr nahe verwandt ist. Wie die Ausstellung dokumentiert, gibt es gerade mal zwei Prozent Unterschied, die sich teils auf den Körperbau, aber auch auf die Ausbildung des Gehirns beziehen. Immerhin zeichnet sich der Schimpanse durch geschickten Gebrauch von Werkzeugen, wie ein Film in der Ausstellung belegt, eine hohe Lernfähigkeit, verbunden mit der Weitergabe von Erfahrungen an Artgenossen mittels simpler Zeichensprache sowie durch ein komplexes Jagd- und Verteidigungsverhalten in Gruppen aus.
Auf nach Europa und Asien
Es ist etwa 1,8 Millionen Jahre her, als sich die erste Menschenart der Homo erectus auf den Weg nach Europa und Asien machte wie ein Ausstellungstext informiert: "Kulturelle Errungenschaften, wie Werkzeuge, Kleidung und die Beherrschung des Feuers, halfen dem Homo erectus, sich schließlich über große Teile der Alten Welt zu verbreiten". Gerade mit der Beherrschung des Feuers sei es dieser Menschenart möglich geworden, auch eiszeitliche und damit unwirtliche Gebiete zu besiedeln. Diese Gebiete erstreckten sich von Europa bis nach China und Indonesien. "Der Homo erectus entwickelte sich vielerorts weiter, zum Beispiel zu Homo heidelberensis oder Homo antecessor", so die Senckenberg-Forscher. Die Neandertaler erschienen auf der Bildfläche erst vor rund 130.000 Jahren. Einige Forscher sollen jedoch die Existenz des Neandertalers schon 70.000 Jahre früher festgestellt haben. In der Ausstellung ist ein sehr gut rekonstruiertes Skelett eines Neandertalers, deren Teile in La Chapelle aux Saints gefunden wurden. Die Forscher schließen aus dieser Rekonstruktion, dass dieser Mann zwischen 40 und 50 Jahre alt war, diverse Krankheiten hatte, wie Zahnbettschwund, Arthritis sowie zahlreiche Knochenbrüche aufweist. Für das Aussterben des Neandertalers vor rund 30.000 Jahren machen Forscher teilweise die Ausbreitung des Homo sapiens aber auch die einsetzende Eiszeit verantwortlich.
Ahnengalerie unserer Vorfahren
Im Mittelpunkt und als Blickfang gedacht, kann der Besucher durch eine anschauliche Ahnengalerie wandeln. Auf der Basis von Fossilienfunden wurden die Köpfe mit Hilfe kriminaltechnischen Methoden so rekonstruiert, dass man fast mit ihnen kommunizieren möchte. Nachdenkliche Gesichtsausdrücke sind genau so zu betrachten, wie der lachende Urmensch. Wie die Veranstalter in ihren Publikationen vermerken, ist das Anfassen ausdrücklich erwünscht. Lobenswert und nicht in jedem Museum verfügbar, ist die Erklärung an den Säulen der Ahnen in Blindenschrift.
Von den Anfängen der Kunst
Im letzten Teil der Exposition wird die Entwicklung früher Kunst dargestellt. Vor 40.000 bis 35.000 Jahren begannen die Menschen, sich auch künstlerisch auszudrücken. Die Forscher führen dies auf die technischen und sozialen Erneuerungen, die ein Überangebot an Nahrung und ein hohes Maß an Sicherheit boten. Das Leben war demnach nicht mehr auf die reine Selbsterhaltung ausgerichtet. Diese Freiheiten boten zu jener Zeit Raum für andere Betätigungen - unter anderem die Kunst. Venusfiguren, Tierdarstellungen von Raubkatzen und Wildpferden, von Mammuts und Vögeln, die in Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurden, zeugen davon. So veranschaulicht die Ausstellung in Dresden mögliche Interpretationen über die Vorgeschichte der Menschheit und zeigt auf, wie viele Lücken die Wissenschaftler noch zu schließen haben. Übrigens: Jeden Freitag ab 18 Uhr können Besucher mit Taschenlampen auf „Safari zum Urmenschen“ gehen und die Ausstellung in einer ganz besonderen Atmosphäre erkunden. Eine Fahrt nach Dresden ist also lohnenswert vielleicht auch deshalb, weil man ganz in Familie auch den Dresdner Weihnachtsmarkt besuchen kann.
Öffnungszeiten: 11. November 2011 bis 30. April 2012 / Dienstag bis Sonntag: 10 - 18.00 Uhr / geschlossen: Karfreitag und 24. und 25. Dezember sowie am 1. Januar
Quelle: Ausstellung "Safari zum Urmenschen"
