
- Spielplatz - Christa Richert auf stock.xchng
Es gibt durchaus gegensätzliche Ansichten darüber, ob die eher unpersönliche Fremdbetreuung in größeren Gruppen von Kindern, wie sie in Kindertagesstätten, Kinderkrippen und Kindergärten üblich ist, Kindern (insbesondere unter Dreijährigen) nutzt oder schadet. In diesem Artikel geht es um ausschließlich um die Vorzüge von Betreuungseinrichtungen, die Forscher für die Entwicklung von Kindern im Vorschulalter sehen.
Struktur und Rhythmus
In den Kinderbetreuungseinrichtungen gibt es in der Regel einen durch die Abfolge verschiedener Aktivitäten strukturierten Tagesablauf. Gute Kindergärten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass zusätzlich zum Tagesablauf auch der Jahreslauf in einen festen Rhythmus eingebettet ist, welchen die Kinder anhand spezifischer Aktivitäten, Lieder, Geschichten und der jeweiligen Raumgestaltung erleben können.
Sozialisierung und Sozialkompetenzen
Der Erwerb sozialer Kompetenzen durch den Umgang mit anderen Kindern wird oft als ein Vorteil des Besuchs von Kita und Kindergarten genannt. Insbesondere Kinder, die zuhause keine Geschwister oder Spielkameraden haben, sollen vom Kontakt mit anderen Kindern profitieren. Für Kinder über drei trifft dies wohl zweifelsohne zu, für die Kleineren nicht so eindeutig. Zum einen spielen Ein- oder Zweijährige nicht miteinander, sondern höchstens nebeneinander her, zum anderen sind sie von dem Gruppengeschehen schneller überwältigt oder ihnen fehlt der individuelle Kontakt zu einer erwachsenen Bezugsperson.
Professionelle Betreuung
Erzieher/innen und sonstige pädagogischen Fachkräfte sind durch Ausbildung und Erfahrung mit Kindern in der Regel gut auf den Umgang mit Kindern vorbereitet und können auch schwierige Situationen eher gelassen und souverän meistern. Gerade bei besonders aggressiven, wilden oder empfindsamen Kindern bedeutet das im Idealfall, dass auch die Kinder vom pädagogischen Geschick ihrer Betreuerinnen profitieren und in ihrem Selbstwert und sozialen Fähigkeiten gestärkt werden. Andererseits gilt ein der Grundsatz des Heilpädagogen Henning Köhler, dass Eltern ihre eigenen Kinder am besten kennen und für diese die Experten sind.
Stimulierende Umgebung
Gute Betreuungseinrichtungen bieten Kindern eine Umgebung, die Neugier weckt und zu kreativem Spiel und Bewegung anregt. Möbel und Spielzeug aus natürlichen Materialien sind besonders geeignet, da sie die Sinne vielfältig anregen und harmonisieren, während das oft grell bunte Einheitsplastik sich immer gleich anfühlt, klingt und riecht. Abgesehen von den zahlreichen praktischen Vorzügen (leicht, wetterfest, billig) hat Plastik pädagogisch gesehen nicht viel zu bieten.
Kognitive Entwicklung
In der unten aufgeführten englischen Studie zeigte sich, dass lange Gruppen-Betreuung insgesamt mit besseren mathematischen und Lese-Kompetenzen einherging. (Leider aber auch mit Verhaltensauffälligkeiten wie übermäßiger Aggressivität, fehlender Rücksichtnahme und Unruhe. Ein differenzierteres Bild bot sich allerdings bei gesondertem Blick auf verschiedene Altersgruppen: So zeigten sich die positiven Auswirkungen auf kognitive Leistungen nur, wenn die Betreuung erst im Alter von 18-35 Monaten begonnen hatte – lag der Beginn dagegen schon in den ersten 17 Lebensmonaten, wurden dagegen sogar niedrigere Werte erzielt. Zweitens waren diese positiven Effekte nur vorübergehend – kurz nach Schulbeginn hatten die anderen, nicht fremd betreuten Kinder aufgeholt. Die negativen Auswirkungen auf Verhalten und Arbeitsmotivation (weniger Neugier und Ausdauer) dauerten dagegen an. Drittens waren die positiven Auswirkungen von Gruppen-Betreuung nur bei Kindern mit niedrigem sozio-ökonomischen Status ausgeprägt – für das durchschnittliche Mittelschichtkind dagegen zu vernachlässigen.
Sicherheit
Die Unfall- und Todesrate ist in Betreuungseinrichtungen deutlich niedriger als bei der Betreuung zuhause. Der Hauptgrund dafür ist sicherlich, dass professionelle Betreuer mehr Zeit haben, die Kinder zu beaufsichtigen – während Mütter vieles nebenher machen (müssen). Auch die Inneneinrichtung ist wohl in besonderem Maße auf Sicherheit ausgelegt – was aber auch bedeuten kann, dass die Kinder nicht besonders viel erforschen und erleben können.
Eltern-Zufriedenheit
Zu guter Letzt sorgen Kitas, Krippen und Kindergärten für eine Entlastung der Eltern. Kinder zu erziehen ist wunderschön, aber auch sehr anstrengend und regelmäßige Pausen erlauben Eltern, die Batterien wieder aufzuladen und arbeiten zu gehen oder Sozialkontakte zu pflegen. Zufriedene, weil entspannte oder anderweitig geforderte Eltern kommen nicht zuletzt auch den Kindern zugute. Studien haben gezeigt, dass ein halber Tag Fremdbetreuung schon ausreichte, damit Kinder von depressiven Müttern von deren Erkrankung nicht so sehr beeinträchtigt waren.
Zusammenfassung
Gute Kinderbetreuungs-Einrichtungen können auch für Kinder viele Vorteile haben und zum Beispiel einen guten Rhythmus veranlagen, soziale Kontakte bieten und körperliche Unversehrtheit gewährleisten. Die oft zitierten Vorteile in der kognitiven Entwicklung sind dagegen zu vernachlässigen (außer für eher unterprivilegierte Kinder). Neben den Vorteilen bringt Fremdbetreuung aber auch einige Nachteile mit sich, vor allem wenn sie in sehr jungem Alter beginnt und zeitintensiv ist.
Quellen und verwandte Artikel
- Kids with depressed moms do better in day care. Artikel von Linda Carroll auf msnbc.com.
- Effects of early child-care on cognition, language, and task-related behaviours at 18 months: An English study. Eine Studie von Sylva, Stein, Leach und anderen. Wiley Online Library.
- Expertenrat zur Kinderbetreuung: das Beste für jedes Alter. Suite101-Artikel von Martin Bohn.
- Mama oder Kita? Vor- und Nachteile von Betreuungsreinrichtungen. Suite101-Artikel von Martin Bohn.
