Wiener Wohnbau in der Zwischenkriegszeit

Karl Marx Hof, Wiener Gemeindebau - Österreich-Werbung, Foto: Landova
Karl Marx Hof, Wiener Gemeindebau - Österreich-Werbung, Foto: Landova
In den hundert Jahren Zwischenkriegszeit herrscht in Wien Platz- und Wohnungsmangel. Die Regierung muss, gezwungen von Aufständen, handeln.

In Österreich schrieb man das Jahre 1840, als endlich, nach langer Zeit des Leidens, das Ende des Krieges erklärt wurde. Bis 1939, beinahe 100 Jahre lang, sollte die darauf folgende Zeit – die Zwischenkriegszeit – dauern.

Trotz aller Euphorie, die der Frieden hervorrief herrschten jedoch, wie immer nach Jahren des Krieges, schlechte Bedingungen. Besonders in der Hauptstadt Wien stachen diese heraus. Zu viele Menschen, zu wenig Arbeit und vor allem zu wenig Platz. Tausende sind wohnungslos, weitere tausende zusammengepfercht auf engstem Raum. In den ersten 70 Jahren verschlechtert sich dieser Zustand konstant.

Zuwanderungswellen als Auslöser für Zinskasernen

Zuwanderungswellen aus den Kronländern der Donaumonarchie nach Wien, verursachen einen Anstieg der Einwohnerzahl auf über zwei Millionen. Sich nicht darüber hinaussehend, ist die einzige Lösung, die die Wiener Regierung findet, der Bau von Mietshäusern - sogenannten Zinskasernen - mit Bassena-Wohnungen. Für die Wohnungen sind hohe Mieten zu bezahlen, viele Wohnungen sind überbelegt, die Zahl der Untermieter und "Bettgeher" ist enorm. Das Wohnungselend wird immer schlimmer.

Erst 1883 startet der erste Versuch tatsächlich etwas gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen zu unternehmen. Der "Verein für Arbeiterhäuser" wird gegründet, mit dem Ziel einer Lösung des Wohnungsproblems. Es entstehen aber nur 18 Einfamilienhäuser. Doch trotz des Scheiterns ist endlich der Entschluss in die Köpfe der Wiener Führung gekommen, tatsächlich etwas zu unternehmen. In den folgenden Jahren werden weitere Versuche gestartet und immer neue Organisationen zur Verbesserung der Situation gegründet.

Aufstand der Unterschicht führt zur Siedlungsbewegung

Ein erstmaliger Aufstand der Wiener Unterschicht verursacht 1911 weiteres Aufsehen. Dennoch dauert es noch bis 1915 bis endlich, aufgrund des steigenden Wohnungs- und Lebensmittelmangels, immer mehr "wilde Siedlungen" auf stadteigenem Gelände errichtet werden. Eine gut organisierte kooperative Siedlungsbewegung entsteht. 1919, kurz nachdem Wien erstmals eine sozialdemokratische Regierung wählte, entstand der erste Gemeindebau, am Margarethengürtel. Ihm folgen weitere innerhalb kürzester Zeit, gefördert durch soziale Unterstützungen des Gemeinderats und der 1922 eingeführten Wohnbausteuer.

Ende 1927 ist das Wohnbauprogramm vorzeitig erfüllt und wird auf 30.000 Wohnungen erhöht. Zudem wird ein zweites Wohnprogramm für 30.000 Wohnungen beschlossen. Weiterhin werden ununterbrochen neue Gemeindebauten mit tausenden von Wohnungen geschaffen. Der berühmteste davon ist der Karl-Marx Hof, der mit über einem Kilometer Länge, 1.300 Wohnungen und einer völlig eigenen Infrastruktur neue Maßstäbe setzt und heute noch den Titel des größten zusammenhängenden Wohnbaus der Welt verteidigt.

Im Herbst 1932 erlässt das Bundesministerium für soziale Verwaltung Richtlinien zur Errichtung von "Randsiedlungen" mit zusätzlicher agrarischer Produktion und kleinen Grundstücken. Die Siedler sollen auf ihrer Parzelle eine eigene Subsistenzbasis haben, aber bei Bedarf wieder als Teilzeit- oder Vollzeitarbeitskräfte in den industriellen Arbeitsprozess integrierbar sein. Bis 1936 entstehen nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich im Rahmen dieser Randsiedlungsaktion etwa 5.400 Siedlerstellen (Stadtrandsiedlung Leopoldau, Breitensee, Aspern, Hirschstetten).

Gerade als man in Wien der Meinung war, das Problem langsam in den Griff zu bekommen, begannen Unruhen, die einen neuen Krieg ankündigten, in dessen Verlauf der Wohnungsbau völlig zum erliegen kommen sollte. Bis dorthin aber lebten 200.000 WienerInnen in 53.667 Gemeindewohnungen und 5.257 WienerInnen in Siedlungshäusern, die von der Gemeinde Wien errichtet wurden, im heftigen Kampf gegen die unhumanen Wohnbedingungn in der Zwischenkriegszeit.

Quelle:

  • Sozialer Wohnbau in Wien; Eine historische Bestandsaufnahme, Peter Eigner / Herbert Matis Herbert / Andreas Resch