
- Krimi Schärfentiefe von Ilona Mayer-Zach - ecomedia Verlag
Ein Krimi, der in Wien spielt? Natürlich, Lokalkolorit zieht ja irgendwie immer. Stephansdom, Prater, Kaffeehäuser und Kellner mit Wiener Schmäh, der Rathausplatz. All das taucht in „Schärfentiefe“ auch auf, doch in einer dezenten, angenehmen Art und Weise. Als Kulisse im besten, im eigentlichen Sinne – als Hintergrundbild, sich niemals nach vorn drängend. Denn vorn, im Mittelpunkt dieses Krimis, stehen glücklicherweise seine Figuren. Paula Ender vor allem.
Paula Ender! Autorin und Dozentin. Glücklich-unglücklich-glücklich verliebt. Hartnäckig und doch entspannt. Nicht gerade Ordnungsfanatikerin und sehr sympathisch. Wie gerät eine solch patente Frau, jeglicher Halbweltumtriebe fast völlig unverdächtig, in einen Kriminalfall? In einen Mordfall? Schuld daran trägt der berühmte Fotograf Stefan Urban. Der schwimmt eines Nachts kurz vor Weihnachten in einem Wasserkraftwerk herum. So etwas tut man nicht, auch nicht in Wien. Erst recht nicht, wenn man tot ist.
Ein Fotograf mit dunklem Geheimnis
Eine Biografie des teuren Verstorbenen muss her, schließlich war zu seinen Ehren eine große Fotoausstellung geplant. Paula erhält den Auftrag, sie zu schreiben, und was als eine beschönigend-seichte Festschrift gedacht war, entwickelt sich – wie sollte es anders sein – recht bald zu einer spannenden Geschichte. Abgründe inklusive: Urban, der hochangesehene Fotograf und Professor, hatte offensichtlich ausgefallene Hobbies, mindestens ein Geheimnis und Feinde, echte Feinde. Todfeinde?
Das alles will natürlich eigentlich niemand wissen, schon gar nicht Paula Enders Auftraggeber und dessen finstere Geschäftspartner, doch die Autorin hat längst Blut geleckt. Gemeinsam mit ihren Freunden und Bekannten setzt sie das Puzzle zusammen. Da ist die offenbar unerschütterliche Clea („Liebe ist ohnehin nur ein rein chemischer Prozess“), der scheinbar treulose Tunichtgut Markus, Paulas Mitbewohner Kurt und die leicht kleptoman veranlagte Adalgunde Klamm.
Die große Frage: Wer war's?
Stück für Stück offenbart sich der kleinen lebhaften Gruppe: der plötzlich so leblos schwimmende Prominente hatte einstmals einiges zu verbergen. Möglichst jung und möglichst willenlos mussten die Mädchen sein, die er in sein kleines, verstecktes Atelier brachte. Dort fotografierte er sie, unter anderem, und setzte dafür spezielle Techniken ein, welche dem Krimi seinen Titel gaben – Schärfentiefe. Von dieser Erkenntnis ist es nicht mehr weit zum Schluss, Urban, ein passionierter Nichtschwimmer, habe womöglich nicht ganz freiwillig ein winterliches Bad in einem Wasserkraftwerk genommen.
Bleibt die Frage: Wer war’s? Doktor Emilia Znan, die herrisch-abgründige Institutsdirektorin, die wohl mal irgendwas mit Urban hatte? Gerlinde Wagner, eines seiner Opfer? Doch nicht sein alter Kumpel Blesch? Und was verband Urban eigentlich mit dieser mysteriösen Elsa Tin?
„Schärfentiefe“ von Ilona Mayer-Zach – ein rundum gelungener Krimi
Ilona Mayer-Zachs „Schärfentiefe“ ist, trotz der dunklen Seiten, die Krimis nunmal bergen müssen, ein überaus leichtes, sympathisches, helles Buch. Die eine oder andere Wendung mag manchmal zu überraschend sein, eine Spur zu zufällig. Doch das stört wenig: „Schärfentiefe“ wird von seinen Charakteren geprägt, von Personen wie Paula, Clea oder Adalgunde, die einfach nett sind, clever und fehlbar zugleich – ohne jemals flach zu wirken. Ilona Mayer-Zach gelingt es vorzüglich, ihren Krimi in Wien spielen, ohne ihn von der Stadt und ihrem Charme dominieren zu lassen. Die Riege der Nebenfiguren, etwa Paula Enders Eltern und sogar „die alte Nazi“ Irma, sind glaubwürdig, auch sie fühlen sich echt an. Und lustige österreichische Begriffe gibt’s auch.
Nicht düster, aber auch keineswegs ein Heile-Welt-Buch – „Schärfentiefe“ von Ilona Mayer-Zach ist ein rundum gelungener Krimi, dessen Figuren man gern einmal kennen lernen würde. Außer die Bösen, natürlich.
Ilona Mayer-Zach: Schärfentiefe. ecomedia Verlag 2008. Taschenbuch, 256 Seiten. Euro 9,90.
