
- Hamburg digital via Google Street View - Tom Köhler, Hamburg
Vor nicht all zu langer Zeit tauchte ein Bild auf. Der Hamburger Rathausmarkt war zu sehen, Personen darauf gut zu erkennen. Nichts Besonderes eigentlich. Als bekannt wurde, dass es sich um eine Aufnahme von Google Street View handelt, kochten die Emotionen hoch. Wenig später entpuppte sich das Bild als Fälschung, ein Witzbold hatte es online gestellt und die Viralität des Netzes sorgte für rasante Verbreitung.
Eine gespaltene Nation
Heute fahren die Wagen von Google durch die 20 größten deutschen Städte und fotografieren, was die Festplatten hergeben. Es bleiben vier Wochen Zeit, als Betroffener dagegen Widerspruch einzulegen. Grundeigentümer, Politiker und Verbände machen mobil gegen den Datensammler aus den USA. Sogar der deutsche Außenminister Westerwelle ließ verkünden, er gehe dagegen vor. Was ist im digitalen und analogen Deutschland 2010 möglich? Der Stadtplan der Zukunft, so wird es angepriesen. Gestresste Autofahrer könnten entspannt reisen, geführt mit echten Bildern auf dem Navigationsgerät. Tue nichts Böses (Don´t be evil.), so lautet eine interne Richtlinie von Google, die zu Marketingzwecken auch nach außen gebracht wurde. Alle gut bei Google?
Mein Haus gehört mir
Eine Gruppe von Betroffenen macht derzeit besonders Front gegen Googles Foto-Autos: Die Grundeigentümer. Deren Bundesverband rät über Pressemitteilungen seine Mitgliedern, umgehend Widerspruch einzulegen. Der Geschäftsführer des Hamburger Grundeigentümer-Verbandes, Torsten Flomm, zur Sammelwut von Google: „Wenn mit meinem Eigentum etwas geschehen soll, möchte ich gefragt werden. So ist das in Deutschland. Google ist nicht der Staat!“ Es empört die Grundeigentümer, dass Google sie vor vollendete Tatsachen stellt. „Sie fahren einfach los, fotografieren alles und geben dann vier kurze Wochen Zeit, um Widerspruch einzulegen!“ so Flomm, und weiter „Sie müssen auf die Betroffenen und die Verbände zugehen.“ Die Vorgehensweise sorgt für Missstimmung.
Pro und Contra
Ob den ein Grundstückskäufer, der möglicherweise auf einem anderen Kontinent sitzt, nicht davon profitieren würde, sein Objekt im Kontext des Wohngebietes zu sehen? Flomm: „Ein Käufer muss die Bausubstanz beurteilen. Der äußere Schein ist da wenig hilfreich. Der Käufer oder seine Prüfer müssen vor Ort sein, in das Gebäude gehen.“ Ganz andere Sorgen plagen die älteren Mitglieder des Verbandes. „Vor kurzem kam ein älteres Ehepaar zu Beratung. Die hatten nicht mal einen Computer, wussten nicht, wie sie den Widerspruch einlegen sollten“, so Flomm.
Online-Fluch und Online-Segen
Nach neuester Studie von ARD und ZDF zum Online-Verhalten der Deutschen sind fast 50 Millionen Bundesbürger im Netz unterwegs. Das entspricht einem Anteil von circa 70 Prozent aller Bürger. Die Digitalisierung schreitet in einem enormen Tempo voran, dennoch gibt es einen nicht zu vernachlässigenden Anteil an „Nonlinern“. Nutzer von Google, die dessen Suchmaschine täglich bemühen, stellen nun erstaunt fest, dass sie selbst Betroffene sind. Kafkaesk mutet es an, dass sich einige Gegner der Aufnahmen mit Foto (ihres Hauses und sich selbst), dem Namen und sogar dem Namen der Straße in der Zeitung ablichten lassen. Im Kurznachrichtendienst Twitter zwitscherte ein Nutzer: „Ein Knacki erzählte, dass Häuser mit Alarmanlage viel interessanter sind. Was ist mit verpixelten (unkenntlich gemachten) Häusern?“
