Wikileaks enthüllt Details zu Spaniens Radioaktivität

Wikileaks klärt zu spanischer Radioaktivität auf - Wikileaks
Wikileaks klärt zu spanischer Radioaktivität auf - Wikileaks
Ein Unfall mit amerikanischen Atomwaffen verseuchte 1966 ein Dorf in Andalusien bis heute radioaktiv. Die Effekte wurden im Auftrag der USA untersucht.

Die Veröffentlichung von vertraulichen Diplomatenberichten zwischen der amerikanischen Botschaft in Madrid und der US-Regierung aus dem Wikileaks-Fundus hat im Fall des Nuklearunfalls im südspanischen Palomares zu neuen Erkenntnissen geführt.

Zum Hintergrund: Am 17. Januar 1966 war ein amerikanischer B-52-Bomber mit vier Wasserstoffbomben an Bord mit einem Tankflugzeug kollidiert und mitsamt der explosiven Fracht abgestürzt. Das Dorf Palomares und nahe liegende Gemeinden in der andalusischen Provinz Almeria sind seitdem radioaktiv verseucht. Spanische Umweltschützer von Ecologistas en Acción (EEA), die seit Jahren eine gründliche Dekontamination und die Endlagerung der verseuchten Erde in den USA fordern, beklagen, dass ihre Schreiben an die US-Botschaft in Madrid unbeantwortet blieben.

Doch offenbar waren die amerikanischen Staatsdiener im Ausland durchaus im Bilde, was die Situation vor Ort und die Ängste der Spanier anging. Wie die von der spanischen Tageszeitung El País veröffentlichten Wikileaks-Depeschen zeigen, gaben die US-Diplomaten in Madrid die seit Jahren von der spanischen Energiebehörde CIEMAT (Centro de Investigaciones Energéticas y Medioambientales) geforderte endgültige Dekontaminierung stets als durchaus dringliches Anliegen an die US-Regierung weiter. Dort wurden diese Forderungen jedoch überhört.

Spanische Wissenschaftler untersuchten im Auftrag der USA radioaktiv verseuchte Zone

Die US-Regierung war also stets informiert über die Entwicklung der Folgen und die Kosten des tragischen Unfalls, der Westeuropa hätte auslöschen können. Damals waren die vier Atombomben zum Glück für Europa nicht detoniert, sondern nur zerplatzt. Allerdings wurde weiträumig Plutonium und Americium verteilt.

Bis heute ist ein öffentliches Eingeständnis der Verantwortung für den Militärunfall durch die Amerikaner ausgeblieben. Stattdessen floss Geld in die Erforschung der Auswirkungen der radioaktiven Belastung der Bevölkerung. Seit 1966 beteiligte sich das US-Energieministerium DOE (Department of Energy) mit jährlich 300.000 Dollar an den Kosten des ABC-Überwachungsprogramms Proyecto Indalo. Durchgeführt wurden die medizinischen und umweltrelevanten Untersuchungen in der landwirtschaftlich intensiv genutzten Region durch die spanische Energiebehörde CIEMAT.

Die Einwohner der Dörfer Palomares und Villaricos wurden so seit 45 Jahren regelmäßig auf Plutoniumspuren im Urin in einer Spezialklinik in Madrid untersucht. Ein Sammeltaxi fuhr im andalusischen Dorf vor und nahm alle freiwilligen Probanden mit. Die Bauern und Fischer gönnten sich ein schönes Wochenende in der Hauptstadt: für Kost und Logis wurde gesorgt. Doch das hat die Betroffenen nicht auf Dauer beruhigt. Heute beklagen die Einwohner, dass sie die genauen Ergebnisse dieser Untersuchungen nie erfahren hätten. Isabel Sanchez aus Palomares fühlt sich betrogen und ausgenutzt: "Uns wurde immer nur gesagt, wir seien gesund und alles sei in bester Ordnung. Ich fühle mich aber wie ein Versuchskaninchen." Die zweifache Mutter fordert Einsicht in die Gesundheitsdaten, die von ihr und ihrer Familie über Jahre gesammelt wurden.

El País veröffentlicht im Januar 2011 Zahlen und Details zu den medizinischen Untersuchungen

Details zu den Medizinchecks erfuhren die 1.029 getesten Personen erst jetzt aus der Presse. Nur dank der erzwungenen „Perestroika“ durch Wikileaks ist das Verfahren um die sonst streng gehüteten genealogogischen Langzeitstudien in Spanien bekannt geworden. Einige der Einzelheiten hat die Zeitung El País nun veröffentlicht. Danach seien die Bewohner einer 20 Mal über dem Normalwert liegenden Strahlendosis ausgesetzt gewesen. Von den 4.717 Analysen wurden bei 118 Personen Spuren radioaktiver Strahlung nachgewiesen. Insgesamt seien 153 positiv getestet worden, was 3,24% aller Tests entspricht.

Ob und in welchem Maße die Bewohner Krebs oder Erkrankungen durch Strahlenschäden entwickelten, wird weiterhin in Geheimakten verwaltet. Die Region Almeria weist im spanischen Landesschnitt ohnehin eine erhöhte Krebsrate auf, was Umweltschützer Igor Parra vor allem mit den exzessiv eingesetzten Pestiziden in der Landwirtschaft erklärt. Typische Tumore aufgrund von Strahlung durch Plutonium konnten nicht gefunden werden. Der Arzt Pedro Pinilla hatte in den 80ern eine unabhängige Studie angefertigt, wollte aber später keine Aussagen mehr über die Ergebnisse tätigen.

Einwanderungswelle und Bauboom wirbeln in der Region radioaktiven Staub auf

Spaniens Regierung ließ das bislang dünn besiedelte Gebiet 2001 über die Ciemat erneut auf Radioaktivität vermessen als eine Einwanderungswelle britischer Pensionäre und anderer Nordeuropäer einen fieberhaften Bauboom von Ferienwohnungen an der verstrahlten Küste auslöste. Die Ergebnisse der neuen Messungen ergaben weit höhere Belastungen als bislang angenommen. Schon zu diesem Zeitpunkt warnten Umweltschützer, es könnte vermehrt radioaktiver Staub aufwirbeln. Die Wikileaks-Depeschen bestätigenden den Eindruck der Umweltschützer, dass die US-Regierung das Thema Palomares lieber vergessen möchte.

Dekontaminierung der radioaktiven Erde wird immer wieder aufgeschoben

Bislang sind die Forderungen des spanischen Außenministers Miguel Ángel Moratinos über eine Übernahme der Kosten für die gründliche Dekontaminierung des auf 50.000 Kubikmetern mit Plutonium verseuchten Gebietes an der harten Haltung von US-Außenministerin Hillary Clintons gescheitert. Offenbar besteht die Befürchtung, Palomares könne eine Art Präzedenzfall mit kostspieligen Nachwirkungen für die US-Regierung werden. Andere Länder könnten mit vergleichbaren Forderungen an die USA herantreten, denn die nuklearen Hinterlassenschaften des kalten Krieges haben in vielen Teilen der Welt verheerende Spuren hinterlassen. EEA-Umweltaktivist Igor Parra hat den Eindruck, die US-Regierung wolle sich aus ihrer Verantwortung stehlen. Parra erinnert die Kommunikationsfehler beim Umgang mit der Radioaktivität in Fukushima an die Informationsverschleppung von Palomares. "Immer, wenn es strahlt, werden Informationen manipuliert", sagt Igor Parra in einem Interview mit Suite101 am 12. April 2011.

Wikileaks: US-Diplomaten warnten Regierung in Washington vor Ablehnung der Verantwortung

Die US-Diplomaten warnten ihre Regierung in den geheimen Depeschen wiederholt davor, dass die bilateralen Beziehungen zwischen Spanien und den USA erheblich leiden würden, bliebe die Regierung bei ihrer ablehnenden Haltung. Die Diplomaten hatten noch 2006 auf eine baldige Lösung gesetzt:

When Palomares is "done," it has the potential to illustrate how close friends and Allies came together to finally rid Spain of the legacy of an unfortunate nuclear accident 40 years ago.” (CABLE-ID 84732)

"Wenn Palomares "erledigt" ist, haben wir die Chance, zu zeigen, wie Freunde und Alliierte eng zusammenrücken, um gemeinsam das Erbe des unglücklichen Nuklearunfalls vor 40 Jahren endlich zu beseitigen."

Ende Februar 2011 kam wieder Bewegung in die Sache Palomares. Die USA entsandte erneut einen Stab von Nuklearwissenschaftlern, die sich mit dem spanischen Wissenschaftsminister und Ciemat-Mitarbeitern drei Tage lang ein Bild vor Ort machten. Ob angesichts der Katastrophe in Fukushima in Japan allerdings für die spanischen Probleme noch Kapazitäten für eine großangelegte Dekontaminierung frei sind, bleibt fraglich. Es könnte erneut zum Stillstand in der Frage Palomares kommen.

Quellen:

Wikileaks Diplomatenkorrespondenz veröffentlicht in El País:

Louis M. Blank, Blank

Louis Max Blank - Journalist auf Reisen

rss

Ähnliche Themen