jemanden zu kränken, ist eigentlich nicht schwer: Man nenne ihn durchschnittlich, weise ihn auf seine Verwechselbarkeit hin und vertraue getrost darauf, dass damit jedermanns Eitelkeit verletzt ist: denn kaum etwas ist in unserem dynamischen, erfolgsorientierten zeitgenössischen Gesellschaftssystem weniger erwünscht, als grauer Durchschnitt zu sein, in der Masse unterzugehen, kurzum: austauschbar zu sein.
Die verlorene Illusion von Individualität
Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Behauptet zumindest Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre. In ihrer Brutalität könnte diese Aussage wohl aus dem Mund des Protagonisten des jüngsten Romans von Wilhelm Genazino stammen: Seiner wohlvertrauten Mischung aus Resignation, Ziellosigkeit und exzessiver Nabelschau treu bleiben, manövriert Genazino seinen aktuellen Protagonisten, einen Mann mittleren Alters, durch die Flachwasser des Alltags, in denen sich dieser mehr schlecht als recht dagegen wehrt, unterzugehen: "Ausgerechnet ich, der sich auf seine Individualität so viel zugute hielt, ging wie ein x-beliebiger Massenmensch mit einem Fertigsalat nach Hause.[...] Jetzt trug ich mein Fertigschicksal in meine Fertigwohnung, wo ich einen Fertigabend vor dem Fernsehapparrat verbringen würde."
Der Überdruss vom Überdruss
Das aus "Die Liebsblödigkeit" hinlängliche bekannte Szenario des Mannes mittleren Alters zwischen zwei Frauen findet in "Wenn wir Tiere wären" seine Fortsetzung.
Der namenlose Ich-Erzähler schwankt diesmal allerdings nicht nur zwischen zwei Frauentypen. In seiner Manier, planlos durchs Leben zu flanieren, ist der freiberufliche Architekt trotz schlechter Auftragslage einer lockenden Festanstellung wenig gewogen, sieht sich außerstande, sich für ein neues Bettmodell oder neue Kleidung zu entscheiden und hält in der Regel das momentan nicht erreichbare für am Erstrebenswertesten. Indem er sich treiben lässt, driftet er mal hierhin, mal dorthin, ohne wirkliche Befriedigung zu erlagen. Nach dem Tod seines Freundes erliegt er kurzfristig der Versuchung, in dessen Rolle und somit ein neues Leben zu schlüpfen und übernimmt gleich dessen kleinkriminelle Randaktivitäten wie Zechprellerei oder Versandhausbetrug mit.
Ohne großartige Handlungselemente und das eine oder andere verschroben anmutende Bild bemühend, schafft Genazino wohl keine Identifikationsfigur für den Leser, wohl aber einen (überforderten) Antihelden, der Fluchtphantasien in einer prestigeorientierten, emotional aber abgeflachten Zeit heraufbeschwört. Alles in allem nichts neues also, die Beschreibung hoffnungsloser Verstrickung in zwischenmenschliche und berufliche Beziehungen und die daraus resultierenden Ausbruchsversuche, die Träume, wie ein Vogel einfach wegzufliegen. Doch die scharfsinnige Beobachtungsgabe und die oft ins Boshafte umschlagenden Alltagsanalysen Genazinos sind auf großartige Dramen ohnehin nicht angewiesen.
Und abgesehen davon: vielleicht hätten wir es wirklich einfacher - wenn wir Tiere wären.
Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären, Carl Hanser Verlag München, 2011, 159 Seiten
