
- Kaiser Wilhelm II. (Foto von 1888) - n.bek.
Im Gegensatz zu seinem Großvater wollte Wilhelm II. (1859- 1941) ein „persönliches Regiment“ führen und aktiv in die Politik eingreifen. In welchem Ausmaß er tatsächlich die Geschicke des Reiches lenkte, ist unter Historikern umstritten.
„Persönliches Regiment“ und „Königsmechanismus“
Die Revolution 1918/19 und die erstmalige Zugänglichkeit zu einschlägigen Archivalien führten dazu, dass die Zeitgeschichte in der Weimarer Republik den Einfluss Wilhelms II. auf den Fortgang der deutschen Geschichte intensiv diskutierte. Die etablierten konservativen Historiker tendierten dazu, den Kaiser aus der Schusslinie zu nehmen, indem sie seine Vertrauten und Berater belasteten. Schließlich lebte Wilhelm zu diesem Zeitpunkt ja noch im holländischen Exil. Die Biographen Emil Ludwig und Erich Eyck führten dagegen die liberale Kritik an der Herrschaft Wilhelms II. fort und verbanden sie mit einer Abrechnung mit dem politischen System des Kaiserreichs. Die Schwäche demokratischer Institutionen habe Wilhelms „persönliches Regiment“ ermöglicht. So konnten die offenkundigen Charakterdefizite des Monarchen sich vor allem in der Außenpolitik schädlich auswirken.
Diese Position ist in der neueren Geschichtsschreibung von John Röhl übernommen und ausgebaut worden. In seiner monumentalen Kaiserbiographie rückt Röhl Wilhelms „persönliches Regiment“ gar in die Nähe des Absolutismus. Mit Norbert Elias Theorie des „Königsmechanismus“ verweist er darauf, dass Wilhelm nach Bismarcks Entlassung eine machtpolitische Landschaft vorfand, in der sich rivalisierende soziale Gruppen gegenseitig neutralisierten. So habe er sich selbst als Integrationsfigur präsentieren und mit Hilfe seiner Hofkamarilla die Politik bestimmen können. Röhl unterscheidet fünf Phasen vom Aufstieg bis zum Scheitern des „persönlichen Regiments“: 1888-90 Konflikt mit Bismarck, 1890-97 improvisiertes, 1897-1908 institutionalisiertes „persönliches Regiment“, 1909-14 Krise des „persönlichen Regiments“, 1914-18 Machtverlust.
Strukturalismus statt Personalisierung
Während Röhls Wilhelm- Biographie in ihrem Quellenreichtum und ihrer minutiösen Detailrecherche überzeugt, ist ihre zugespitzte Personalisierung auf den Widerstand der strukturalistisch ausgerichteten Sozialgeschichte getroffen. Elias’ „Königsmechanismus“ sei weniger nachgewiesen, als nur ein Vorwand, um die Autonomie des Kaisers gegenüber allen determinierenden Strukturen behaupten zu können. Nach Wolfgang J. Mommsen habe das Agieren rivalisierender Institutionen, Interessenlagen und Eliten nicht Handlungsspielräume geschaffen, sondern sie eingeschränkt. Die neoabsolutistische Selbstdarstellung Wilhelms dürfe nicht mit den machtpolitischen Realitäten verwechselt werden. Röhl gehe insbesondere in der Außenpolitik von einem hohen Maß an persönlicher Verantwortung Wilhelms aus, müsse aber selbst zugestehen, dass der Einfluss des Kaisers auf Ausbruch und Führung des Ersten Weltkriegs gering gewesen sei. Hans- Ulrich Wehler erkennt im Wilhelminischen Reich eine Polykratie rivalisierender Machtzentren. Wilhelm II. kann in dieser Interpretation allenfalls noch als ein Akteur unter anderen gelten, wenn nicht gar als eine Marionette der historischen Umstände.
Wilhelminismus
Neuere Biographien folgen eher kulturgeschichtlichen Fragestellungen und haben auf dieser Grundlage eine Mittelposition zwischen personalistischen und strukturalistischen Interpretationen eingenommen. Nicolaus Sombart, Wolfgang König und Eberhard Straub haben die Repräsentationskultur Wilhelms II. und seines Hofes untersucht. Wenn der letzte Kaiser auch kein unumschränktes „persönliches Regiment“ führen konnte, so machte ihn seine erfolgreiche Selbstdarstellung doch zu mehr als einem „Marionettenkaiser“. Nicht umsonst hat sich „Wilhelminismus“ als Epochenbezeichnung bis heute behauptet. Im Unterschied zu Röhl charakterisieren Sombart, König und Straub Wilhelms Herrschaftsstil nicht als neoabsolutistisch, sondern als modern. Gegen diese Deutungen muss man allerdings einwenden, dass gerade die zum Teil pompöse und bizarre Herrschaftsrepräsentation Wilhelms auf ein geteiltes Echo stieß. Selbst auf der rechten Seite des politischen Spektrums beklagte man den sprichwörtlichen „Byzantinismus“ des Hofes und fand nicht im amtierenden Kaiser, sondern in einem posthum charismatisierten Bismarck eine nationalistische Identifikationsfigur.
Fazit
Die Forschung zu Kaiser Wilhelm II. sollte sich von biographischen Ansätzen verabschieden, zumal Röhls Monumentalwerk ohnehin nicht mehr übertroffen werden kann. Das „persönliche Regiment“ Wilhelms war mehr Bestandteil der Herrscherpropaganda als der politischen Praxis. Eben diese Erkenntnis verweist jedoch auf die kulturhistorische Frage, inwiefern es dem letzten Kaiser gelang, zum Symbol einer auch tatsächlich nach ihm benannten Epoche zu werden.
Literatur
König, Alexander (Hg.), Wie mächtig war der Kaiser? Kaiser Wilhelm II. zwischen Königsmechanismus und Polykratie von 1908 bis 1914, Stuttgart 2009.
König, Wolfgang, Wilhelm II. und die Moderne. Der Kaiser und die technisch- industrielle Welt, Paderborn 2007.
Ludwig, Emil, Wilhelm II., Berlin 1926.
Eyck, Erich, Die Monarchie Wilhelms II., Berlin 1924.
Eyck, Erich, Das persönliche Regiment Wilhelms II., Zürich 1948.
Mommsen, Wolfgang J., War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch- deutschen Machteliten, Berlin 2002.
Röhl, John, Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik, München 2002.
Röhl, John, Wilhelm II., 3 Bde., München 1993- 2008.
Sombart, Nicolaus, Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte, Berlin 1996.
Straub, Eberhard, Kaiser Wilhelm II. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne, Berlin 2008.
