Will man wissen, was Bizarro-Literatur ist?

Cover: Kannibalen von Candyland - Festa Verlag
Cover: Kannibalen von Candyland - Festa Verlag
Bizarro ist groteske, absurde und radikale, teilweise Tabus brechende Literatur von Autoren, die scheinbar eine Schraube locker haben...

Bizarro ist ein literarisches Sub-Genre, in dem Satire und Groteske in einer übergeschnappten Geschichte zusammengeführt werden. Dabei bedient sich Bizarro unterschiedlicher Genres. Der Begriff hat seit 2005 zumindest in der englischsprachigen Welt Popularität erlangt, als unabhängige Kleinverlage wie Eraserhead Press, Raw Dog Screaming Press und Afterbirth Press den Begriff übernommen haben. Der deutsche Raum hinkt leider – noch – weit hinterher.

Bizarro war schon immer da

An sich ist diese Form der Literatur nichts Neues. William S. Burroughs oder Franz Kafka wären zwei Schriftsteller, die zumindest in Teilen ihrer Werke Bizarro verfasst haben, noch bevor der Begriff dafür gefunden war. Auch Chuck Palahniuk, der Autor des Fight Club lässt sich zum Teil mit dem Begriff Bizarro beschreiben. Der amerikanische Autor und Essayist Tom Bradley geht in seinem Artikel The Nab Gets Posthumously Bizarroized bis zu den Metamorphosen von Ovid zurück. Auf den ersten Blick etwas merkwürdig, aber wenn man den jeweiligen Geist der Zeit berücksichtigt, nicht zwangsweise verkehrt.

Nach der Lektüre eines Bizarro-Romans drängt sich unweigerlich eine Frage auf: Wie kommt man auf solche Ideen? Bizarro ist ein merkwürdiges Biest mit zwei Gesichtern. Zum einen geht es in den Werken darum, wirklich alles auf die Spitze zu treiben. Gewalt, Obszönität, Absurdität, Humor oder Ekel. Bizarro-Literatur sucht geradezu nach heftigen Reaktionen. Autoren und Verlage geben sich den Anschein, als wären sie einzig an der Kunst der Provokation interessiert. Und sicher ist auch der eine oder andere ahnungslose Leser gewillt, sich provozieren zu lassen. Allerdings erscheint es nur schwer vorstellbar, nicht wenigstens den Verdacht zu haben, was einem blühen könnte, wenn man Bücher mit Titeln wie Ass Goblins of Auschwitz in Händen hält und das Cover sieht.

Bizarro kann mehr

Aber da ist auch die andere Seite der Bizarro-Literatur, die man beim Anblick der Cover und Titel gar nicht vermuten würde. Wie in allen anderen Arten der Literatur kann es auch hier Subtexte, kritische Kommentare zur Gegenwart und Anmerkungen zur Gesellschaft geben. Einmal mehr, einmal weniger dezent dem Leser unter die Nase gerieben. Das kommt genauso häufig vor wie wie in jedem anderen Genre. Allerdings dient es niemals dem Selbstzweck. Es wird immer dem Leser überlassen, ob er diese Dinge zur Kenntnis nehmen oder ignorieren möchte. Wer sich ungeniert an den haarsträubenden Geschichten erfreuen will, wird in keiner Weise mit zusätzlichem Ballast behängt.

Auf Deutsch beginnt man erst sehr zögerlich, Bizarro zur Kenntnis zu nehmen. Wie schon bei anderen wegweisenden Entdeckungen (Richard Laymon, Brian Keene, David Moody) sind auch hier die Kleinverlage an vorderster Front. So hat sich der Festa Verlag Carlton Mellick III gesichert, den derzeit bekanntesten Bizarro-Autor, während Voodoo Press dicht dahinter Cameron Pierce, Jordan Krall und weitere Autoren ankündigt. Um nicht den großen Verlagen zum Opfer zu fallen, wie das Festa mit Richard Laymon passiert ist, haben beide Kleinverlage begonnen, sich auch die deutschen Agenturrechte zu sichern. Immerhin verlor der Otherworld Verlag in den ersten Jahren seines Bestehens mit David Moody, Brian Keene und Scott Sigler gleich drei Bestseller-Autoren, die er als erster auf Deutsch veröffentlicht hatte.

Und was schreiben die Autoren eigentlich?

Die kurze Antwort lautet: Alles. Carlton Mellick III, der populärste und fleißigste Autor schreibt über von eine von Geistern bewohnte Vagina (The Haunted Vagina), hat Titel wie The Baby Jesus Butt Plug, Warrior Wolf Women of the Wasteland oder Zombies and Shit verfasst, mit Apeshit die ultimative Satire auf Slasher Filme fabriziert und lässt im ersten auf Deutsch erschienen Buch, Die Kannibalen von Candyland unterirdisch lebende Kannibalen aus Zucker auf die Jagd nach Kindern gehen. Mellick ist das beste Beispiel für dezent vorhandene Subtexte. Seine Bücher haben zum Teil eine überraschende Ernsthaftigkeit, wie man sie bei einem Roman über lebende Sexpuppen und Schamhaar aus Rasiermesserklingen nicht erwarten würde (Razor Wire Pubic Hair).

Cameron Pierce hat mit Shark Hunting in Paradise Garden die Bruchlandung von Fanatikern im Garten Eden beschrieben und mit Ass Goblins of Auschwitz eine bösartige Satire entworfen, die für empfindliche Gemüter nicht empfehlenswert ist. Autor Jeff Burk hat Shatnerquake erdacht – einen verrückten Roman, in dem sich von William Shatner (Captain Kirk, Denny Crane) gespielte Charaktere auf den Weg machen, um ihren Darsteller zu ermorden. Jordan Krall ist ein Autor mit merkwürdigen Fetischen und dem makabren Spahettiwestern-Tribut A Fistful of Feet. Rülpsende Pistolen, Fische an Wänden, Charaktere, die nach Figuren aus Sergio Leone Western benannt sind, ein Django Verschnitt, alles ist da. Und in Mykle Hansens Roman Help! A Bear is eating me! schildert ein Mann genau diesen Vorgang, während er ihm passiert. Hansen hat wohl auch den längsten verrückten Bizarro-Buchtitel zu verantworten: Rampaging Fuckers of Everything on the Crazy Shitting Planet of the Vomit Atmosphere.

Ob Bizarro auf Deutsch außerhalb der Kleinverlagsszene zu einem Begriff wird, lässt sich schwer abschätzen. Noch gibt es relativ wenige Rezensionen derartiger Titel, kaum deutsche Ausgaben und die Kenntnisnahme beschränkt sich auf wenige Online-Medien. Aber die kleinen Genre-Verlage haben einen guten Riecher für Stoffe mit Potential und wenn sie erfolgreich sind, werden unweigerlich die großen Verlage folgen. Wenn ein Bestseller-Autor wie Brian Keene seine Backlist einem Bizarro-Verlag anvertraut, dann stehen die Chancen gut, dass sich auch bei uns die Regale mit bescheuert klingenden Buchtiteln wie Night of the Assholes füllen. Bizarro ist ein wenig wie ein üppiges Stück Torte mit Schlag: Man kann es unmöglich jeden Tag essen, aber gelegentlich ist es absolut köstlich.

Alexander D., Alexander Dolezal

Alexander Dolezal - Viele Jahre im Buchhandel und e-commerce, nebenbei immer wieder Sachartikel und Arbeiten an eigenen Texten. Schließlich ...

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