Nachdem sich lange wenig getan hatte, sieht Nordhorn inzwischen tatsächlich wie eine Stadt im Wahlkampf aus. Die Laternenmasten und Bäume haben Gesichter bekommen. Zumindest in der optischen Präsenz hat sich Thomas Berling einen Vorteil verschafft. Seinem freundlich lächelnden Gesicht begegnet man fast überall. Die Wahlhelfer waren mehr als fleißig, zum Teil zum Ärger der Konkurrenz, die Mühe hatte, noch freie Bäume oder Laternenmasten für Plakate zu finden. Frans Willeme zog wenig später nach, nicht so massiv, aber auch das Konterfei des nicht minder freundlich lächelnden Niederländers ist nun wahrnehmbar. Während Berling vorgibt, handeln statt reden zu wollen, wird über Willeme reimend behauptet "Frans kann's". Auch ein Prüfsiegel haben seine Wahlkämpfer in Plakatform verbreitet. Da werden ihm Kompetenz, Erfahrung und ähnlich positive Eigenschaften attestiert.
Immer unterwegs
Fleißig sind beide Kandidaten. In vielen Vereinen, Verbänden und gesellschaftlichen Gruppierungen haben sie sich bereits sehen lassen. Entweder eher informell und im kleineren Kreis oder aber unter Beteiligung der Presse im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung. Sei es der Seniorenbeirat, der Sportverband, die Schülerunion, der Frauenkreis der Kreuzkirche oder der Rat für Behinderte der Stadt Nordhorn, immer wieder setzten sie sich auf das Podium und tauschten ihre Argumente und Ansichten aus. Das nächste Mal übrigens auf Initiative der Lokalzeitung "Grafschafter Nachrichten" am 2. September in der alten Weberei. Auch Einladungen sprechen Berling wie Willeme gerne aus, immer an Begegnungen mit Wählern und Wählerinnen interessiert. Der eine, Berling, lädt schon mal zum Triathlon mit Ball, der andere, Willeme, zu einer Grenzwanderung oder zum Open-Air-Konzert. Gemeinsam ist beiden Kandidaten, dass sie sich nicht eindeutig festlegen wollen. Weder Berling noch Willeme lassen sich Versprechungen entlocken, an die sie später erinnert werden könnten. Unterschiedlich sind sie jedoch im Auftreten. Während Willeme selbstbewusst und redegewandt auf Menschen zuzugehen scheint, wirkt Berling hier und da noch zurückhaltend. Zumindest dann, wenn es um größere Veranstaltungen geht. Allerdings wird ihm hier durchaus Lernfähigkeit attestiert.
Inhaltlicher Wahlkampf?
Bisher ist davon noch nicht viel zu spüren. Zwar betonen beide Kandidaten, wie wichtig ihnen die Errichtung einer Gesprächskultur ist, Berling spricht gerne davon, die Menschen an einen Tisch holen zu wollen, Willeme sieht sich als Bürgermeister für alle, doch sind inhaltliche Unterschiede bislang kaum zu erkennen. Lediglich in Sachen Nordumgehung legt sich Berling in von der „Bürgerinitiative gegen die Nordumgehung“ formulierten Fragen als SPD-Kandidat deutlich fest. Er will die Straße und ist auch bereit, die damit verbundenen Eingriffe in die Natur in Kauf zu nehmen. Die mit dem Verkehrsprojekt verbundenen Ziele, unter anderem die Anbindung von Teilen der Niedergrafschaft, hält er weiterhin für richtig. Willeme äußert sich hier wesentlich zurückhaltender und konstatiert immerhin eine völlig unterschiedliche Bewertung der Fakten, die seiner Ansicht nach zunächst noch einmal geprüft werden müssten. Erstaunlicherweise vom CDU-Kandidaten Willeme selbst stammt die Information, so die BI-Vertreter, dass die Straße wohl wesentlich teurer werde als ursprünglich angenommen. Statt 22,7 Millionen ist plötzlich, vermutlich zum Ärger der Christdemokraten, von fast 37 Millionen Euro die Rede.
Grafschafter oder Niederländer?
Die CDU, aber auch die Initiative Pro Grafschaft, die gemeinsam den Niederländer unterstützen, setzen mit ihrem Kandidaten auf einen zumindest für Nordhorn anderen Bürgermeistertypus. Während der bisherige Bürgermeister, ein gebürtiger Nordhorner, als gelernter Verwaltungsmann und früherer Kämmerer glanzlos und nüchtern, aber durchaus erfolgreich seinen Aufgaben nachging, repräsentiert Willeme schon durch seine niederländische Herkunft und seine langjährige Tätigkeit als Euregiopräsident einen weltoffenen, kulturinteressierten Bürgermeisterkandidaten. Thomas Berling, ebenfalls Nordhorner, legt selbst Wert auf seine Herkunft aus der Vechtestadt und ist zumindest seiner Mentalität nach wohl dem scheidenden Amtsinhaber Hüsemann näher. Einen ausgemachten Favoriten gibt es nicht, es wird spannend am 11. September.
