Die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens beschäftigte bereits die Denker der Antike. Dichter und Philosophen thematisierten den Menschen in seinen fatalistischen Verstrickungen und Abhängigkeiten vom Göttlichen. Seit der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert griffen zunehmend die Naturwissenschaften in die Diskussion um die Autonomie des menschlichen Willens, die jeder aus eigener Erfahrung zu kennen meint, ein.
Willensfreiheit und Determinismus
Um Scheindiskussionen und Kategoriefehler zu vermeiden, ist es notwendig, den Begriff der Willensfreiheit möglichst genau festzulegen. Der geschichtliche Rückblick offenbart dazu ein ganzes Spektrum an Definitionen, deren Abgrenzungen oft fließend sind und Anlass zu Verwechslungen geben. Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen absoluter (oder auch unbedingter) und bedingter Willensfreiheit. Die absolute Willensfreiheit geht von einem Willen aus, der von nichts abhängig ist. Weder äußere Umstände noch persönliche Charaktereigenschaften beeinflussen ihn. Er ist gewissermaßen die Ursache seiner selbst. Die bedingte Willensfreiheit dagegen gesteht dem Menschen lediglich zu, dass er tut, wofür er sich entschieden hat, aber auch anders hätte handeln können, falls er es so gewollt hätte.
Oft werden die verschiedenen Konzepte der Willensfreiheit mit dem Begriff des Determinismus (oder seines Gegenteils dem Indeterminismus) in Verbindung gebracht. Er steht für die Ansicht, dass in einer Welt, in der das Kausalgesetz von Ursache und Wirkung gilt, jeder zukünftige Zustand im Voraus feststeht und somit bei genügend genauer Kenntnis des gegenwärtigen Zustandes prinzipiell vorhersagbar ist. Dem Mechanismus von Ursache und Wirkung unterliegt in einer deterministischen Welt daher auch der menschliche Wille. Die Frage nach der Willensfreiheit wird auf diese Weise also mit der Frage nach der Vorherbestimmtheit allen menschlichen Handelns verknüpft.
Das Libet-Experiment
In den letzten Jahrzehnten hat die moderne neurologische Forschung einige Versuche durchgeführt, die eine bis heute andauernde Debatte zwischen Hirnforschern und Geisteswissenschaftlern in Gang gesetzt haben. Das bekannteste und eines der ersten Experimente zu diesem Thema ist das von Benjamin Libet. Anfang der achtziger Jahre ließ Libet Versuchspersonen zu einem von diesen frei wählbaren Zeitpunkt eine kleine Bewegung des Handgelenks oder der Finger vollführen. Die Versuchspersonen konnten mittels einer speziellen Uhr den Zeitpunkt registrieren, zu dem sie den Wunsch zur Ausführung dieser Bewegung bewusst verspürten. Dieser Zeitpunkt lag 0.2 Sekunden vor der tatsächlichen motorischen Handlung der Probanden.
Da Willenshandlungen mit spezifischen elektrischen Veränderungen im Gehirn einhergehen, wurde während des Experiments die elektrische Spannung an der Kopfhaut der Probanden aufgezeichnet. Diese so genannten Bereitschaftspotentiale erschienen 0.5 Sekunden vor der motorischen Handlung der Versuchspersonen, also noch etwa 0.3 Sekunden bevor diese den Entschluss zur Handlung bewusst gefasst hatten. Der Prozess der Willensbildung wird demnach tatsächlich unbewusst eingeleitet!
Interpretation und Kritik der Forschungsergebnisse
Weitere Experimente anderer Forschungsgruppen folgten. Die Entscheidungen der Versuchspersonen wurden künstlich beeinflusst, die beteiligten Gehirnregionen konnten mit modernen bildgebenden Verfahren beobachtet werden und die Debatte um die Willensfreiheit nahm an Intensität zu. Während Libet selbst keinen Anlass sah, an der prinzipiellen Freiheit des menschlichen Willens zu zweifeln, da es seiner Meinung nach eine Veto-Funktion des menschlichen Geistes gibt, die auch eine unbewusst eingeleitete Handlung noch abbrechen kann, bezeichneten andere Forscher die Willensfreiheit schlichtweg als experimentell widerlegte Illusion.
In die Diskussion um die Willensfreiheit haben mittlerweile selbst Theologen und Juristen eingegriffen, welche die freie Willensbildung als Grundlage des Strafrechts in Gefahr sehen. Es ist daher nicht erstaunlich, dass es eine Vielzahl von Interpretationen und Kritiken der neurologischen Experimente gibt. Kann ein derartig einfacher Versuchsaufbau auf komplexe, reale Entscheidungsfindungen angewendet werden? Beeinflusst das Bewusstsein der Versuchspersonen, sich in einer experimentellen Situation zu befinden, das Ergebnis?
Das Problem lässt sich im Augenblick nicht abschliessend lösen. Die Ergebnisse der Hirnforschung sind nicht eindeutig genug, um einen sicheren Schluss zuzulassen und selbst vom rein physikalischen Standpunkt aus ist die Frage des Determinismus nicht zu beantworten. Die Ergebnisse der Chaosforschung und der Quantentheorie wecken beispielsweise Zweifel an einer streng kausalen Sichtweise der Welt. Der interdisziplinäre Diskurs über unser Gehirn als alleinigen Sitz des Geistes und unbeschränkten Herrn über die Willensbildung wird wohl noch eine ganze Weile anhalten.
Verwendete Literatur:
Christian Geyer (Hrsg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. Suhrkamp Verlag 2004.
Weiterführender Link:
Die Vorstellung von Freiheit bei David Hume
