William Forsythes "Now This When Not That" uraufgeführt

Forsythes neuer Tanzabend, für die Ruhrtriennale geschaffen, ist pessimistisch eingedunkelt. Ohne uns kann die Natur gut weiterleben!

BOCHUM. William Forsythe hat eine neue, pessimistisch tief eingedunkelte Kreation vorgestellt. Der amerikanische Choreograph nennt sie „Now This When Not That“ – das Publikum konnte bei der Uraufführung am Donnerstagabend in der Bochumer Jahrhunderthalle (im Rahmen der Ruhrtriennale) rätseln, was wohl gemeint sein könnte.

Riesenbühne

Forysthe hat nicht nur choreographiert, sondern auch das Bühnenbild entworfen. Die Szene ist riesig, wohl dreißig Meter tief, das Portal in Cinesmacopeweite und nicht besonders hoch. Der Bühnencharakter wird durch die karge Ausstattung unterstrichen: Schwarzer Tanzteppich, in der Mitte links ein einziger Stuhl. Dort nimmt zu Beginn der ersten Szene eine junge Frau Platz, die, mikrophonverstärkt, auf Amerikanisch zu erzählen beginnt. Das Wort „Emergency“ kehrt immer wieder – ist ein Unfall geschehen?

Nach und nach kommen mehrere Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne; sie tragen Freizeitkleidung, ihre Haltung lässt zu wünschen übrig. Sie wirken in sich gekehrt, fast solipsistisch, nehmen kaum Kontakt mit anderen auf. Augenscheinlich möchte sich die Erzählerin auf die Tänzer beziehen, doch sie trennen Abgründe. Tänzer (und nicht nur sie) misstrauen dem Wort!

Viele Fragen

Das 17köpfige Ensemble ballt sich mitunter zu unübersichtlichen Haufen zusammen, dann folgen wenig spektakuläre Soli. Ein Pas de deux scheint sich anzubahnen, doch die Spannung zwischen Mann und Frau hält nicht. Nur vier Ensemblemitglieder gewinnen Kontur, die Erzählerin ist darunter und eine Tänzerin in einer grünen Hose. Wen soll sie darstellen? Antworten auf Zuschauerfragen werden systematisch verweigert. Die ästhetischen Strategien erinnern an das absurde Theater, in ihrer Strenge und Radikalität an Samuel Beckett.

Jahrtausende vergehen in der Erzählung der Protagonistin. Ist sie eine Volkskundlerin, die beim Versuch, die Entwicklung eines Amazonasstammes nachzuzeichnen, scheitert? Oder ist ein Unfall passiert wie in Fukushima und die Erzählerin versucht zu ermessen, was in den Jahrtausenden geschieht, in denen die Strahlung abklingt? FragenüberFragen.

Keine Antworten

„Now This…“ ist dunkel im übertragenen wie im Wortsinn. Das Lichtdesign, von Forsythe mit Ulf Naumann und Tanja Rühl ausgeklügelt, dimmt die vom Schnürboden hängenden langen Lampen, die an Beleuchtungskörper von amerikanischen Billardsaloons erinnern, meistens herab – zusammen mit Gazezwischenvorhängen, die oft zu zweit und gar zu dritt herunterfahren, ergeben sich Bilder von subtiler Schönheit; die verschwommene Kontur unterstützt den Eindruck von Orientierungslosigkeit.

Thom Willems hat für seine akustische Kulisse neben Geräuschen und wenigen harmonischen Klängen vor allem Quietschen, Pfeifen und das Zwitschern von Vögeln eingesetzt. Die eindrucksvollste Szene platziert Forsythe gegen Ende des etwa 70 Minuten kurzen Tanzabends: Tiefe Dämmerung ruht auf der völlig unbelebten Bühne, Vogelgesang, kaum vernehmbar, schärft das Gehör. Die Szene wird fast überspannt: Ist das Ballett schon zu Ende? Die spektakulärste Szene eines Tanzabends ohne Tänzer, das öffnet Raum für Interpretationen! - Aber dann kommt noch ein Bild, in dem die Erzählerin meint, die Menschen hätten jetzt die Kunst zu Wünschen aufgegeben. Das Stück verschließt sich der Analyse, die Intuition deutet darauf hin, dass es um das Ende der Menschheit geht. Nicht ein einzelner, unsere ganze Gattung stirbt. Die Natur wird das überleben, ohne Bedauern: „Now This When Not That“.

Ist diese Produktion nun Ausdruck tiefer Depression oder ein geschickter Schachzug, ein vermeintlich träges Publikum zum Nachdenken zu provozieren? Forsythe lenkt jedenfalls mit seiner spröden, konzentrierten Arbeit niemals durch Opulenz ab und gönnt seinen Zuschauern keine großen Auftritte seiner weltberühmten Tanzvirtuosen. Forsythe provoziert sein Publikum, der amerikanische Meister kann und darf sich das leisten.

Aufführungen am 6., 7., 8. und 9. Okt.

Kartentelefon: 0700 2002 3456

Ulrich Fischer, Ulrich Fischer

Dr. Ulrich Fischer - Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaft in Hannover, München, Glasgow und der Promotion in Berlin Engagements als ...

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