William Gay ist spät zu literarischem Ruhm gelangt. Trotz jahrelanger Bemühungen fand er erst mit 55 Jahren einen Verleger. 1999 debütierte Gay mit „Ruhe nirgends“ und erhielt dafür den James A. Michener Memorial Prize. Seitdem gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des Southern Gothic. Mit „Nächtliche Vorkommnisse“ hat er ein blutrünstiges und poetisches Märchen geschrieben.
Southern Gothic: Perverse, Psychopathen, Verrückte und Waisen
William Gay schreibt, wie Faulkner, McCarthy oder Thomas Wolfe, Werke, die der Southern Gothic zugerechnet werden. Die Schauerromane sind in den Südstaaten, in den 40ern oder 50ern, angesiedelt. Amoralische, verrückte Charaktere bevölkern die meist ländliche Kulisse. Unschuldige Helden geraten in Geschehnisse voller Gewalt und Perversionen. „Nächtliche Vorkommnisse“ wimmelt vor grotesken Situationen und Figuren und erzählt in bildgewaltiger Sprache ein schauriges Märchen vom Erwachsenwerden.
Die Handlung von „Nächtliche Vorkommnisse“: Die Erpresser werden zu Verfolgten
In einem kleinen Ort in Tennessee1951 geht der nekrophile Leichenbestatter Breece seinen perversen Neigungen nach. Die verwaisten Geschwister Tyler entdecken sein Geheimnis und erpressen ihn mit eindeutigen Fotos. Breece engagiert den gefürchteten Psychopathen Sutter, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Sutter tötet Corrie, Ken Tyler kann entkommen. Sutter macht gnadenlos Jagd auf ihn. Tylers einzige Hoffnung besteht darin, zum unbestechlichen Sheriff im benachbarten County zu gelangen. Aber dazu muss er durch den Harrikin, einen berüchtigten Wald, in dem schon viele spurlos verschwunden sind.
Der Harrikin: Symbol für das Archaische
Der Harrakin ist eine apokalyptische Wildnis. Relikte des einstigen Erzabbaus sind Geisterstädte, labyrinthische Tunnel, ungesicherte Schächte und verschrobene Einsiedler. Sie sind so feindselig wie die Natur, die sie umgibt. Dunkelheit, Dauerregen und Kälte rufen eine Atmosphäre hervor, in der sich Träume, Halluzinationen und Wirklichkeit immer mehr vermischen. Vor der archaischen Kulisse kommt es zum Kampf Gut gegen Böse, Tyler gegen Sutter.
„Nächtliche Vorkommnisse“: Atmospärisch, brutal, paranoid und poetisch
„Nächtliche Vorkommnisse“ ist ein Wort gewordener Albtraum. William Gays Prosa ist voller Metaphern, mal drastisch, mal poetisch, aber immer prägnant. Atemlose Verfolgungsjagden, in denen dem Leser die Worte wie Splitter um die Ohren fliegen werden abgelöst von ruhigen Passagen voller dunkler Poesie. In den lakonischen Dialogen blitzt ein trockener, böser Humor auf: „Auf bald, Witwe Conkle, rief er ihr hinterher…Ich bin keine Witwe, sagte sie. Noch nicht, antwortete Sutter.“
„Nächtliche Vorkommnisse“: Coming-of-Age auf die harte Tour
Tyler scheint anfangs völlig chancenlos gegen Sutter zu sein. Sutter sieht in ihm leichte Beute, mit der er zum sadistischen Vergnügen spielt. Aber Tyler erweist sich aber als unerwartet zäher Gegner. Tyler flieht, kann Sutter aber nie abschütteln. Jeden seiner Schritte scheint der fast übernatürlich vorauszuahnen: „der Protagonist eines Albtraums, der den Fesseln entkommt, die das Reich der Träume von der Wirklichkeit trennen.“ Tyler muss sich dem Bösen stellen und herausfinden, zu was er fähig ist. Als Junge flüchtet er in den Wald, als Erwachsener kommt er heraus. Jetzt, als „eine unheilvolle, zehn Jahre ältere Version seiner selbst“ passt er in die Welt, die ihn umgibt.
„Nächtliche Vorkommnisse“: Ein dunkles Märchen vom Kampf Gut gegen Böse
Gays Personen sind klar in Gut und Böse aufgeteilt. Allerdings gibt es fast nur Böse und die leben gut damit. Tyler steht mit seiner Unschuld allein dem personifizierten Bösen in Gestalt von Sutter gegenüber. Wie in einer Hardcore Variante auf die Grimmschen Märchen hetzt der verlorene Held durch den finsteren Wald, begegnet einer Hexe und einer verkleideten Großmutter. Das Thema vom Kind, das erwachsen wird und dabei seine Unschuld verliert, erzählt William Gay in „Nächtliche Vorkommnisse“ auf ungewöhnliche Weise. „Nächtliche Vorkommnisse“ ist ein fesselnder Thriller, dessen Figuren gleichzeitig abstoßen und faszinieren, brutal und doch poetisch erzählt.
William Gay. Nächtliche Vorkommnisse. Rororo. Februar 2011. Taschenbuch. 288 Seiten. 8.99 €
