William Ritchey Newton – Hinter den Fassaden von Versailles

William Ritchey Newton - Hinter den Fassaden von V - Propyläen Verlag
William Ritchey Newton - Hinter den Fassaden von V - Propyläen Verlag
Das Sachbuch des Historikers William Ritchey Newton schaut hinter die prunkvollen Fassaden von Versailles. Wie sah der Alltag aus?

Versailles – damit assoziiert man prunkvoll ausgestattete Schlösser, imposante Gartenanlagen, den Sonnenkönig Ludwig XIV, Marie Antoinette. Das ist die Seite, die die Öffentlichkeit sehen sollte. Historiker William Ritchey Newton schaut hinter die schönen Fassaden und entwirft ein Bild des Versailler Alltags, über das in Filmen und Büchern selten berichtet wird.

Hinter den Fassaden von Versailles: Der ungemütliche Alltag

Der Untertitel des Verlags: "Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hofe des Sonnenkönigs" ist etwas irreführend. Es geht nicht um unappetitliche Klatschgeschichten zur Zeit Ludwig des XIV., sondern um die Kulturgeschichte des Alltags der "normalen" Leute am Hof. Zur Rekonstruktion des „verschwundenen Universums“ wertete er die Korrespondenz der königlichen Verwalter während der Zeit Ludwigs des XIV. bis XVI. aus.

Sein Buch widmet sich sieben Lebensbereichen: Wohnen, Essen, Wasser, Heizung, Beleuchtung, Großreinemachen und Wäsche. Nach der Lektüre von Newtons Buch verliert die Fassade von Versailles etwas an Glanz. Ein Alltag ohne Heizung, Strom, künstlicher Beleuchtung, Klospülung, Waschmaschine, eigener Küche und Badewanne ist, wie das Buch belegt, verdammt ungemütlich.

Hinter den Fassaden von Versailles: Umzüge und die Gunst des Königs

Zur Zeit des französischen Sonnenkönigs lebten fast 1000 Menschen am Hof in Versailles, Leibstuhlträger, Parkettbohner, Ausfeger, Ventilateure, Ankleider, Wäscherinnen, Köche, Beamte etc. Je näher man dem König war, desto mehr stieg die Chance, von ihm wahrgenommen und gefördert zu werden. Dafür nahm man auch eine baufällige Kammer im Schloss hin, statt sich komfortabler außerhalb einzumieten. Mit schwankender Gunst wurde auch ein Wohnungswechsel fällig. Ein Umzug konnte eine Kettenreaktion von bis zu zehn Umzügen auslösen.

Hinter den Fassaden von Versailles: Wohnungen mit Mietmängeln

Für heutige Verhältnisse wären selbst die Wohnungen der Höhergestellten in Versailles unzumutbar. Qualmende Kaminheizungen, Kloakengestank, Zugluft, dunkle oder feuchte Zimmer, die im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt waren – das war Alltag. Am schlimmsten traf es die niedrigsten Diener: sie mussten sich licht- und luftlose Zwischengeschosse oder Kammern teilen.

Hinter den Fassaden von Versailles: Spiegel, Kerzen, Kamine und Essenstafeln

Statussymbole sind heutzutage das Sportauto oder die Designermöbel, zu damaligen Zeiten waren es Spiegel und Kamine. Ein Kamin mit Marmorverkleidung und möglichst viele große Spiegel, die das Tageslicht reflektieren sollten, zeugten von Rang. Große Fenster aus Böhmischem Glas konnten sich nur die Reichsten leisten. Abends sorgten Kerzen für Licht, selbst die Stummel ließen sich noch gewinnbringend verkaufen. Ebenso gründlich war die Verwertungskette der Nahrungsmittel. Eine eigene Küche gab es selten, man futterte sich an den offiziellen Tafeln durch. Bei sechs opulenten Gängen blieb genug übrig für die niedrigeren Tische. Eventuelle Reste wurden verkauft, quasi eine Frühform des modernen Imbiss.

Hinter den Fassaden von Versailles: Wasserverschwendung und Körpergeruch

Ludwig der XIV. liebte Fontänen. Fast die Hälfte seines Baubudgets wurde für Wasseranlagen und Gartenbewässerung ausgegeben. Ebenso enorm war der Wasserverbrauch: 514 000 Liter flossen in drei Stunden durch die Rohre, wenn alle Springbrunnen gleichzeitig in Betrieb waren! Dafür wurde an anderer Stelle an Wasser gespart. Getrunken wurde auch schon tagsüber Bier und Wein. Wasser war nicht zum Waschen da - Baden galt bis zum 18. Jahrhundert als der Gesundheit abträglich. Körpergeruch wurde mit Düften überdeckt. Lieselotte von der Pfalz soll so stark parfümiert gewesen sein, dass die Dauphine in ihrer Nähe in Ohnmacht fielen.

Hinter den Fassaden von Versailles: Eckenpinkler, Nachttöpfe und Kloaken

Außen Hui, innen Pfui tritt auch auf die Entsorgung der Fäkalien zu. Nachttöpfe, auch elegant im Toilettenstuhl versteckt, wurden in Kloaken entsorgt oder einfach aus dem Fenster gekippt. Selbst das Pinkeln in Zimmerecken, Höfe und hinter Treppen war üblich! Ohne Abwassersystem wurden die zahlreichen Kloaken (29 gab es 1780 im näheren Umkreis des Schlosses) bis zum Überlaufen gefüllt und stanken zum Himmel. Wenn sie geleert wurden, verreiste der Hofstaat vorsorglich.

Hinter den Fassaden von Versailles: Alltag wissenschaftlich und unterhaltsam

„Hinter den Fassaden von Versailles“ ist ein interessanter und unterhaltsamer Einblick in die Geschichte hinter der offiziellen Geschichte. Der Autor verliert sich nicht in einem populärwissenschaftlichen Plauderton, sondern berichtet weitgehend nüchtern, liefert Zahlen, ein paar Anekdoten und jede Menge Zitate. Letztere sorgen unfreiwillig für die Unterhaltung. Es wird gebettelt, geschmeichelt, gemeckert und intrigiert. Die Briefe offenbaren, dass sich, abgesehen vom technischen Fortschritt, nicht viel geändert hat: es dreht sich alles um Geld und Einfluss, Prestige und Image.

William Ritchey Newton: Hinter den Fassaden von Versailles. Hardcover. Oktober 2010. Propyläen Verlag. 240 Seiten.22,99 €.

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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