Hatte sich Montgomery Clift in seinen vorigen beiden Filmen „Red River“ und „The Search“ in die Herzen vor allem junger weiblicher Kinogänger gespielt, manifestierte er mit seiner dritten Filmarbeit dieses Image als sensibler Held. Sein Morris Townsend ist ein leidenschaftlicher Blender, dem man (frau) nur zu gerne glauben möchte.
William Wylers "Die Erbin" zeigt, wie ein Mauerblümchen erblüht
E r umgarnt die reiche und schüchterne Halbwaise Catherine Sloper. Ihr Vater, der angesehene Arzt Austin Sloper (Ralph Richardson), vergleicht diese fortwährend mit der toten Mutter, über deren Verlust er nie hinweg gekommen ist. Catherine hat weder die Grazie der Mutter, noch ihre Schlagwertigkeit oder ihre Schönheit geerbt. So drängt der Vater seine Tochter durch seine Vergleiche mehr und mehr in die Ecke. Auf einem Ball lernt Catherine dann den eleganten Morris Townsend kennen, der sich sehr um sie bemüht. Catherines Vater ist sofort klar, dass es Morris nur auf das Erbe seiner Tochter abgesehen hat, das sie von ihrer Mutter erhalten hat und welches, nach seinem Ableben, um ein gutes Sümmchen erweitert wird.
Morris will mit Catherine durchbrennen, nachdem alle Versuche des Vaters, die Beziehung zu beenden, nicht gefruchtet haben. De Vater sieht sich, um seiner Tochter eine Enttäuschung zu ersparen, genötigt ihr die Wahrheit zu sagen: Morris liebe nicht sie, wie könnte er auch, sie sei ein unscheinbares durchschnittliches Geschöpf. Er sei nur auf ihr Geld aus. Catherine ist geschockt, doch der Vater soll Recht behalten. Nachdem sie die Lieblosigkeit ihres Vaters erkannt hat und sie Morris darüber aufklärt, dass sie von ihm nicht zu erwarten haben, wendet sich Morris von ihr ab. Jahre später, nach dem Tod des Vaters versucht er erneut Catherine für sich zu gewinnen, doch nun hat sie gelernt so kühl zu sein, wie es die Menschen ihrer nächsten Umgebung zu ihr waren.
Ausgezeichnet mit dem Academy Award
Olivia deHavillands Darbietung und Wandlung von der verschüchterten und linkischen Arzttochter zur starken berechnenden Erbin brachte ihr verdientermaßen den Academy Award im Jahr 1950. Weitere Auszeichnungen erhielten die Filmmusik (wer genau hinhört, erkennt im Lied „Plaisier d’amour“, das Morris am Klavier spielt das durch Elvis Presley berühmte „Can’t help falling in love“), das Szenenbild und die Kostüme.
Perfektes Ensemble mit Olivia deHavilland und Montgomery Clift
Die Schauspieler in diesem cineastischen Juwel sind durchweg superb. Ralph Richardson vermittelt die angebrachte arrogante Noblesse des Arztes mit einwandfreier Reputation. Seine aufrechte Haltung beugt sich nur am Ende, als seine Tochter sich ihm entgegenstemmt und ihm sein Verhalten ihr gegenüber vorwirft.
Als lebendiger Gegenpart verleiht Miriam Hopkins ihrer Rolle als Dr. Slopers Schwester dem Film eine heitere Note. Als lebenslustige, wohl verwitwete, Tante versucht sie ihre Nichte aus ihrem Schneckenhaus zu locken. Doch auch sie weiß Catherines Vorzüge richtig einzuschätzen: „Sie wird doch einmal viel Geld haben…“
Montgomery Clift schafft es, den Zuschauer in Zweifel zu bringen, ob er nun wirklich wahre Liebe für Catherine empfindet oder nicht. Die Liebesszenen sind überaus leidenschaftlich und er bedrängt Catherine sehr und vermittelt sehr glaubhaft seine Liebe. Allerdings gibt er kleiner Hinweise auf das wahre Wesen Morris‘. Wenn er sich im prächtigen Anwesen der Slopers umschaut, sieht man die Gier in seinen Augen und den Wunsch nach dieser Art Leben.
Klasse Klassiker
Dieser Kostümfilm aus den talentierten Händen William Wylers (unter anderem Ben Hur, Ein Herz und eine Krone) ist großes Schauspielkino und die gelungene Variante einer Buchverfilmung (basierend auf Henry James‘ „Washington Square“). Leider sind die beteiligten Darsteller heute nahezu vergessen und auch der Film selbst ist etwas in Vergessenheit geraten, obwohl er nach 60 Jahren nichts von seiner Intensität und Klasse verloren hat.
