
- Biolog. Aloeanbau - Santaverde
1988 gründete die Hamburgerin Sabine Beer mit ihrem Mann auf ihrer Jahre vorher gekauften Finca am Ortsrand von Estepona, Costa del Sol, die Firma Santaverde („heiliges Grün“). Sie bauen biologisch Aloe-vera-Pflanzen an, rührten Cremes anfangs von Hand an, lagerten sie im eigenen Kühlschrank, brachten sie nach Deutschland und klapperten die Drogerien und ersten Bioläden ab. 18 Jahre lang hielten sie durch, bis sie schwarze Zahlen schrieben. Dann kamen in Deutschland die Grünen mit an die Regierung, Folge auch eines neuen Umweltbewusstsein und Geburtsstunde des Bio-Booms. Aloe-vera-Produkte wurden bekannt, Santaverde hatte ab da einen leichteren Stand, zunächst aber nur in Deutschland. Santaverde stellte Leute ein, organisierte professionell die Produktionskette.
Suite101: Wie kann man 18 Jahre lang durchhalten bis zum Breakeven?
Sabine Beer: Das ging nur, weil mein Mann Immobilienkaufmann war und ich selbst in der familiären Kunststofftechnikfirma in Hamburg mitarbeitete.
Suite101: Der Durchbruch kam also 2006, das war wohl ein besonderes Jahr für Sie?
Sabine Beer: Das kann man wohl sagen. Mit José Maria Pérez Torrecilla trat ein spanischer Partner aus Estepona mit in die Firma ein. Er ist nun verantwortlich für den Pflanzenanbau und deren aufwändige Pflege. Wir zogen mit unserer Produktion von einer Halle im Industriegebiet von Estepona in einen lichten Neubau auf der eigenen Finca. Neben der Produktionsstätte entstand auch ein eigenes Qualitätslabor dort. Vertrieb und Marketing organisieren wir weiterhin von Hamburg aus.
Suite101: Im selben Jahr engagierten Sie sich auch in Brasilien? Was machen Sie dort?
Sabine Beer: Wir kauften eine Facenda im Nordosten Brasiliens mit Cashewbäumen, die unsere Santaverde-Produktion ergänzt. Die Früchte ergeben einen ebenfalls wertvollen Saft und das wurde zu unserer hochpeisigen Edel-Linie. In diesem armen Nordosten Brasiliens schaffen wir Arbeitsplätze und unterstützen zudem mit 10 Prozent unseres Gewinnes ein soziales Projekt mit Kleinkrediten für Frauen. Das alles findet statt im Gebiet des Amazonaszuflusses Xingu, weshalb wir unsere neue Antiaging-Marke „Xingu“ nach diesem Fluss benannten. Mit dieser Initiative wollen wir ein Gegengewicht zum Raubbau des Regenwaldes schaffen, der vor allem im Xingu-Gebiet jetzt betrieben wird.
Suite101: Wenn Sie dies selbst vor Ort im Regenwald beobachten können, was ist Ihr Eindruck?
Sabine Beer: Es ist grauenvoll, was wir dabei beobachten. Gerade auf dem Xingu werden die gefällten Holzstämme zur Amazonasmündung transportiert, auf dem zurück gelassenen gerodeten Boden werden Zuckerrohrplantagen angebaut, die nur zwei bis drei Jahre Erträge ergeben, ähnlich ist es mit Weideland für Vieh. Danach ist der Boden ausgelaugt und wertlos. Mit unserem Projekt „Caatinga“ aber wollen wir die Rechte besonders von Mädchen und Frauen unterstützen und zeigen, dass kleine Unternehmungen mit biologischem Anbau im Regenwald überlebensfähig sind.
Suite101: Was unterscheidet Sie von Ihren Mitbewerbern?
Sabine Beer: Wir werben mit unserer Rezeptur: 100 Prozent Aloe-Wirkstoffe und kein Wasser, wie sonst bei vielen Mitbewerbern üblich. Aloe vera wächst eigentlich nur in einem Gürtel in der Nähe des Äquators, aber die Costa del Sol mit ihrem subtropischen Klima bringt eine besonders widerstandsfähige Pflanze hervor. Sie hat nachgewiesenermaßen circa dreimal so viel gehaltvolle Wirkstoffe, weil sie Temperatur- und Klimaschwankungen aushalten muss, die ja im Winter hier schon einmal auf nur fünf Grad herunter gehen können. Wir schälen die Blätter von Hand, damit keine Inhaltsstoffe der Blattschale, das nicht zulässige Aloin, in den weiter zu verarbeitenden Rohstoff gelangen. Industrialisiert man diesen Prozess wie große amerikanische Firmen etwa, die das ganze Blatt zunächst maschinell ernten und verarbeiten, so müssen die in einem extra Filterungsprozess mit Aktivkohle diesen Stoff herausfiltern. Dabei geht viel wichtige Aloeverose, der „gute“ Wirkstoff, und wertvolle Mineralien verloren. Und ganz wichtig: wir geben keinen Schritt der Produktion aus der Hand, um die Kontrolle vom biologisch kontrollierten Anbau, über die ebensolche Ernte, den Verarbeitungsprozess bis zu Vertreib und Marketing auszuüben und somit den Namen „echte Naturkosmetik“, versehen mit allen wichtigen Bio-Stempeln, zu verdienen.
Suite101: Sie steigerten die Zahl innerhalb der letzten fünf Jahre von 20 auf 30 Mitarbeiter, Sie weisen zweistellige Zuwachsraten beim Umsatz allein im letzten Jahr aus – also eine rosige Zukunft?
Sabine Beer: Santaverde wird heute in Deutschland nicht mehr nur in Bioläden geführt, sondern von der edlen Parfümeriekette Douglas angeboten, wird mit großem Erfolg in Italien und Frankreich, Österreich und der Schweiz verkauft, schafften den Sprung nach Asien, zum Beispiel nach Hongkong und stehen vor der Eroberung des Osteuropa-Marktes. Doch wir werden nun mit den Problemen eines jeden Pioniers konfrontiert: Jetzt steigen auch die große Kosmetikfirmen wie L´Oreal oder Beiersdorf in den Markt der Naturkosmetik ein, den Weleda, Dr. Hauschka und wir bereitet haben.“
Suite101: Wie steht es mit dem spanischen Markt, ihrer Produktionsstätte?
Sabine Beer: Spanien ist ein schwieriger Markt, hier wird nur auf billige Preise gesehen, besonders jetzt in der Krise. Doch beobachten wir hier auch mit Freuden das wachsende Ökologiebewusstsein und glauben, im kommenden Jahr den Durchbruch hier zu schaffen. Schon jetzt ist unsere Marke in den Marinnaud Parfümerien in Madrid, Barcelona und Bilbao erhältlich. Im nächsten Jahr kommen Bio-Drogerien und Kräuterläden hinzu. Stolz sind wir auch darauf, dass die Europäische Union zwei Projekte förderte, um biologischen Anbau und die entsprechende Ernte und Verarbeitung von Aloe vera bei Santaverde in Estepona zu studieren, um die Wirksamkeit unserer besonderen Rezeptur ohne Wasser nachzuweisen.
