Wird das Milchwerk Tübingen zur Genossenschaft?

Die Zukunft der Bio-Milch in der Region Tübingen

Tübinger Milchproduzenten - Archivbild Franke
Tübinger Milchproduzenten - Archivbild Franke
Christian Eichert und Matthias Strobl, erläutern wie es zur jetzigen Situation kam und stellen das „Aktionsbündnis regionale Bio-Milch Tübingen" vor.

Tübinger Bio-Bauern verstehen die Welt nicht mehr. Wenn der Bio-Landwirt Thomas Schäfer aus Bodelshausen Werbung für „seine“ Milch mit dem Slogan „Wir sind das Allgäu“, hört und liest treibt ihm das die Zornesröte ins Gesicht. Reklame für Milch aus dem Allgäu taugt, so seine und die Überzeugung vieler Landwirte, kaum als Identifikations-Objekt für die Verbraucher aus der Region Tübingen, die der Marke „Unsere kleine Molkerei“ die Treue halten wollen.

Hintergrundinformation: Alle Landwirte aus der Region, die nach den strengen Richtlinien des Bioland-Ökoverbands produzieren, gehören, ebenso wie die konventionell anbauenden Landwirte, zum Riedlinger Milchwerk, das im Jahr 1996 das Tübinger Milchwerk übernahm. 1998 fusionierten die in Riedlingen organisierten Milchbauern mit den Ällgäuland-Käsereien. Seit dieser Zeit wurde, auch die Tübinger Milch, als Milch aus dem Allgäu, vermarktet.

Warum schloss das Milchwerk in Tübingen?

Wie Schäfer berichtet, wurde Anfang des Jahres 2010 das kleine Milchwerk in Tübingen geschlossen. Er und andere, auch konventionell arbeitende Milcherzeuger aus der Region Tübingen, hofften zunächst die Stadtmolkerei, mit der Unterstützung der Stadt Tübingen, in Eigenregie, erhalten zu können. Doch diese Erwartung erfüllte sich nicht. „Eigentlich ist das Ding, das da 20 Jahre auf dem Buckel hat, topmodern“, schwärmt der Landes-Geschäftsführer von Bioland, Matthias Strobl, von der Marke „Unsere kleine Molkerei“: Die regionale Produktion, Verarbeitung und Vermarktung sei „verbrauchernah und transparent“. Die kleine Stadtmolkerei beschere überdies „Nostalgie“ – ein Marketing-Argument, das im Bereich teurer Bio-Lebensmittel offenbar gut ankommt. Der Geschäftsführer von Allgäuland, Marcel Mohsmann, äußert sich zur Schließung: "Die Produktion in den Werken in Augsburg, Dettingen und Tübingen war wirtschaftlich aufgrund zu geringer Mengen und Deckungsbeiträge nicht mehr zu verantworten. So leid es uns auch getan hat - wir mussten uns von den Werken trennen. Wir haben uns aber, soweit es ging, um Anschlusslösungen bemüht."

Bisher keine Unterstützung aus dem Allgäu

„Tübinger Frischmilchprodukte sind beliebt und darum soll es sie weiter geben“, darin sind sich Strobl, Schäfer und einige Bioland-Vertrags-Landwirte einig. „Die Marke „Unsere kleine Molkerei“ bleibe dann glaubwürdig, wenn die Molkerei auf einem der regionalen Höfe steht, wo die Milch herkommt“, so Strobls Einschätzung. Dabei liege es „nahe, dort anzubauen, wo schon produziert werde, eben auf dem Birkenhof, in Bodelshausen.“ Die Schäfers pasteurisieren und füllen in ihrer Anlage auf dem Birkenhof seit acht Jahren, zur Zufriedenheit ihrer Kunden, jährlich knapp 94 000 Liter Bio-Milch in Mehrweg-Plastikflaschen ab und liefern sie direkt zum Kunden.

Vertreter der Ällgäuland-Käsereien betonen, dass alle regionalen Milchwerke eine Genossenschaft bilden und keinesfalls die Feinde der Bio-Bauern in Tübingen seien. Das zeige sich schon am Sortiment, dass auch Bio-Käse führe.

Ist eine neue Genossenschaft die Lösung?

Bisher wurden im Tübingen bisher 600 000 Liter Biomilch in Glasflaschen abgefüllt. Damit diese Menge auch zukünftig verarbeitet werden könnte, müssten die Milcherzeuger aus Waldhausen, Weilheim, Kusterdingen, Talheim und Bodelshausen, über eine Million Euro investieren. Geld, das sie alleine nicht aufbringen können. Als Alternative wird erwogen, die Verbraucher, mittels einer Genossenschaft, am Milchwerk zu beteiligen. „Vorstellbar wären“, so Thomas Schäfer, „Anteilsscheine und als Zins Naturalien“. Wenn es mit der Milch funktioniert, könnte die Produktpalette des Labels „Unsere Kleine Molkerei“, von der Sahne bis zum Quark, erweitert werden. Milch sei genug vorhanden, denn die Kühe der fünf Landwirte lieferten bisher rund 1,5 Millionen Liter Milch im Jahr. Bis in einem halben Jahr, so wird kalkuliert, könnte die Produktion auf dem Birkenhof anlaufen. Doch die Zeit von der Schließung der Stadtmolkerei bis zur Eröffnung der Landmolkerei müsse überbrückt werden.

Bürgerbeteiligung als Chance für das Tübinger Milchwerk?

Christian Eichert ist Agrarwissenschaftler und zusammen mit dem Bioland-Landesgeschäftsführer Matthias Strobl Organisator des „Aktionsbündnis regionale Bio-Milch Tübingen“. Dieses setzt sich für ein neues Milchwerk in Tübingen ein. Die Reaktion der Landwirte auf ihre Initiative war überwältigend gut. Darum sind sie optimistisch, dass Ende des Jahres 2010 die Produktion aufgenommen werden kann.

Wird die Tübinger Milch wie bisher in der Flasche geliefert?

Christian Eichert informiert, dass es nun, gemeinsam mit dem Molkerei-Fachmann der Uni Hohenheim gilt herauszufinden, was zukünftig die beste Verpackung der Milch sein könnte. Christian Eichert sieht die Vorteile bei einem regionalen Milchwerk auch darin, bei den Verbrauchern ein Verständnis für die landwirtschaftliche Realität zu schaffen. Im Gegengewicht zur Entwicklungen auf dem Lebensmittelmarkt, könne Schülern die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf unser tägliches Essen plausibel gemacht werden. Er sieht die Entwicklung eines zukünftigen Tübinger Milchwerkes positiv. „Statt wie zuletzt 600 000 Liter Milch werden in fünf Jahren 1,8 Millionen Liter pro Jahr verarbeitet. Unsere regionalen Milcherzeugnisse sind nicht mehr nur auf Tübingen beschränkt, und es gibt Bio-Eis aus Tübinger Milch, mit Tübinger Bio-Erdbeeren und der Lebensmittel-Einzelhandel wird unsere Produkte zu verkaufen.“

Wie stehen die Chancen für „Unsere kleine Molkerei“?

Die Allgäuland-Käsereien haben, wie in einer Presseinformation mitgeteilt wird, die Marke "Die kleine Molkerei" an die Firma Hirschburger Milch und Frischeprodukte, in Kirchentellinsfurt-Reutlingen verkauft.

Infoquelle: Tübinger Tagblatt, Uni Hohenheim, Allgäuland-Käsereien

Auch interessant:

Besser einschlafen mit Milch-plus Melatonin

Die Ökologische Landwirtschaft in Ostbayern.

Greenpeace warnt vor Gen-Milch in Babynahrung

Weniger Milchproduktion hilft dem Klimaschutz

Online-Redakteurin, Gerlinde Ahrend, Gerlinde Ahrend

Gerlinde Ahrend - Ich bin Journalistin, Online-Redakteurin und Autorin, mit eigenem Journalistenbüro In der Vorbereitung meiner Ausbildung zur ...

rss