Schwierige Zeiten bedeuten generell eine Gefahr für die psychische Gesundheit der Bevölkerung. Im Moment sind - angesichts der Wirtschaftskrise - die Angst vor der Zukunft und das Gefühl der Ungewissheit bei vielen Menschen allgegenwärtig. Laut einer Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstitutes IMAS gingen 30 Prozent der insgesamt 1.235 befragten Österreicherinnen und Österreicher „mit Skepsis“, 29 Prozent gar „mit Sorge“ in das Jahr 2009. Zum Vergleich: Im Jahr davor waren noch über die Hälfte der Befragten, nämlich 53 Prozent, optimistisch eingestellt, nur 23 Prozent zeigten sich skeptisch bzw. 18 Prozent besorgt.
Gründe für Suizide
Bereits im Oktober 2008 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewarnt, dass die globale Finanzkrise auch zu vermehrten psychischen Krisen und letztlich zu einem Anstieg von Suizidfällen führen könnte. Zum prominentesten Opfer der Finanzkrise im deutschsprachigen Raum wurde dann im Jänner 2009 der deutsche Milliardär Adolf Merckle. Er hat mit Ratiopharm das erste Unternehmen, das Billigpillen (Generika) herstellt, aufgebaut. Angeblich wollte er nicht zusehen, wie sein Lebenswerk zerstört wird.
Während bei Unternehmern und Top-Managern vor allem der Verlust der Ehre, der Zusammenbruch der eigenen Ideale und die narzistische Kränkung als Ursachen für Suizide mitspielen, sind es bei Arbeitnehmern abseits der Chefetagen insbesondere Finanznöte, Arbeitslosigkeit und Perspektivenlosigkeit. Zu bedenken ist: In Zeiten wirtschaftlicher Not sind die armutsgefährdeten und manifest armen Menschen – immerhin 1 Million bzw. 459.000 Menschen in Österreich – noch stärker von materieller Not und sozialer Benachteiligung betroffen…
Lebensprobleme wirken in Summe
Ob tatsächlich ein direkter Zusammenhang zwischen Wirtschaftslage und Suizidrate gegeben ist, darüber sind sich Experten allerdings nach wie vor uneins. Die Finanzkrise alleine sei meist nicht der Grund für Depressionen und Suizidgedanken, selten scheide jemand nur aus einem einzigen Grund aus dem Leben – erklärt Dr. Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie, ihren Standpunkt dazu. „In der Psychotherapie gehen wir davon aus, dass Lebensprobleme kumulieren und in Summe wirksam werden. Die aktuelle Wirtschaftskrise könnte in einigen Fällen jener Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.“
Verlust der psychischen Stabilität aufgrund der Wirtschaftskrise
Gerade Menschen, die schon vorher pschotherapeutische Hilfe gebraucht hätten, seien deshalb in Zeiten der Finanzkrise in Gefahr - unter zum Beispiel finanziellem und materiellem Druck - die psychische Stabilität zu verlieren und psychisch krank zu werden – betont die Expertin.
Die Entscheidungsträger in der Politik und in der sozialen Krankenversicherung seien deshalb nun besonders aufgefordert, den Betroffenen unkomplizierte Hilfe durch eine verantwortungsbewusste Sozial- und Gesundheitspolitik anzubieten. "Niemand, der eine Psychotherapie braucht, darf von dieser ausgeschlossen sein, weil er sie sich nicht leisten kann", resümiert Dr. Mückstein.
