Die derzeit herrschende Wirtschaftskrise wird von Freiwirtschaftlern als Folge der Hortung von Geld, dem unkontrollierten Entstehen von Buchgeld durch Zins und dem schließlichen Platzen dieser Geldblase angesehen. In der Folge fehlt den Banken das Geld, welches sie sonst für Investitionen verleihen, so dass keine Liquidität mehr bei Unternehmen vorhanden ist und daher Waren und Dienstleistungen nicht mehr fließen können.Tatsächlich scheint diese Sichtweise etwas für sich haben, denn der Tiroler Stadt Wörgl gelangt es bekanntlich 1932/33 mit der Einführung eines regionalen, umlaufgesicherten Notgeldes, einem so genannten Schwundgeld oder Freigeld, lokal die Auswirkungen der damaligen Weltwirtschaftskrise erheblich zu mildern.
Dünnes Blech für dicken Wohlstand?
Noch wesentlich eindrucksvoller hat sich nach Ansicht von Anhängern der Freiwirtschaft die Wirksamkeit von umlaufgesichertem Geld im Mittelalter manifestiert: Münzherren wie der Erzbischof Wichmann von Magdeburg führten im 12. Jahrhundert Münzen ein, die so genannten Brakteaten, deren Gültigkeit turnusmäßig verfiel, so dass sie mit einem Abschlag umgetauscht werden mussten. Der Gedanke dahinter hatte allerdings nichts mit Wirtschaftsförderung zu tun, sondern das System war als bequeme und unbürokratische Art der Steuereinhebung gedacht.
Brakteaten haben ihren Namen vom lateinischen Wort „bractea“ für dünnes Blech. Der Ausdruck entstand allerdings erst viel später, zu ihrer Zeit wurden diese Münzen zum Beispiel als Dünnpfennige oder Hohlpfennige bezeichnet, im Gegensatz zu den Ewigen Pfennigen oder Dickpfennigen des werthaltenden Geldes. Der Grund für die Herstellung der Münzen aus dünnem Blech und mit nur einseitiger Prägung liegt auf der Hand: Da sie nur jeweils kurz in Gebrauch waren, lohnte sich die aufwendigere Herstellungsweise der Dickpfennige aus beidseitig geprägtem, dickeren Metall nicht.
Ein steuerlicher Aspekt
Übrigens ist der Ansatz zur Steuererhebung mit Hilfe von Schwundgeld interessant: Üblich ist heute ja vor allem die Besteuerung des Geldverdienens (Einkommensteuer) und des Geldausgebens (Umsatzsteuer). Götz Werner, ein mit seiner Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen auch als Wirtschaftsreformer bekannt gewordener Unternehmer, sieht übrigens das erste als unsinnig an: Seiner Meinung nach dürfe nicht die Schaffung von Werten, sondern nur deren Verbrauch besteuert werden. Neben diesen beiden Ansätzen steht nur der Gedanke des Schwundgeldes, dessen Schwund ja nichts anderes als eine Steuer ist: Wenn die Münzherren des Mittelalters ihre Währung verriefen, wie es damals hieß, und die alten Münzen mit Abschlag gegen neue austauschten, prägten sie natürlich die gleiche Anzahl neue und behielten den Abschlag in der eigenen Schatulle.
Damit wurde weder die Schaffung von Werten besteuert noch ihr Verbrauch und auch nicht das Eigentum an Sachwerten, sondern lediglich der Besitz von Bargeld. Gleichzeitig wurde Steuerhinterziehung unmöglich gemacht, denn wer am Stichtag Bargeld besaß, musste wohl oder übel hingehen und es umtauschen, denn sonst wäre es ja vollständig wertlos geworden. Ein verblüffend einfaches und wirksames Steuersystem – interessant vor allem auch in der heutigen Zeit, in der soviel über eine Vereinfachung des Steuersystems nachgedacht, geschrieben und diskutiert wird.
Geld, das jeder schnell wieder loswerden will
Tatsächlich aber führte, so argumentieren Freiwirtschaftler, dieser eingebaute Wertverlust des Geldes nicht nur zu gut gefüllten öffentlichen Kassen, sondern vor allem zu einer hohen Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, da jeder, der Geld in die Hände bekam, es schnellstmöglich wieder ausgab. Dadurch entstand eine ständig hohe Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen sowie eine entsprechend gute Beschäftigungslage.
In der Tat deckt sich die Blütezeit des Mittelalters in etwa mit der Zeit der Brakteaten. Das Aufblühen der Städte, die große Zeit der Hanse und die Dombauten, alles das sind den Anhängern der Freiwirtschaft zufolge Auswirkungen dieses Geldsystems. Die Rückkehr zum herkömmlichen Geld führen sie auf das Betreiben von Großkaufleuten wie den Fuggern zurück und lasten ihm die in der Folge einsetzenden Katastrophen wie die Bauernaufstände und den 30jährigen Krieg an. Auch die Aufgabe der Arbeiten an großen Kirchen wie dem Ulmer Münster und dem Kölner Dom können auf die verschlechterte wirtschaftliche Lage der Städte und ihrer Bevölkerung zurückgeführt werden.
Was ist tatsächlich dran?
Kritiker der Freiwirtschaftslehre wiederum sehen die Auswirkungen des damaligen Schwundgeldes nüchterner: Sie geben zu bedenken, dass es neben dem Schwundgeld, das vor allem die kleineren Werteinheiten repräsentierte, auch werthaltende Münzen gab und zwar für die größeren Stückelungen. Sie wurden vor allem im Fernhandel, also von größeren Kaufmannshäusern und reichen Leuten benutzt.
Vor diesem Hintergrund und dem, dass es ja eine Vielzahl kleiner Münzherren gab, deren Zahlungsmittel nur im engeren Umkreis benutzt wurden, zeichnen sich interessante Parallelen zum Regionalgeld neuerer Zeiten ab: Wie dieses hielt das Brakteatengeld des Mittelalters offenbar ganz speziell lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe in Schwung, nicht zuletzt auch, indem es sie ein Stück weit unabhängig vom „großen Geld“ machte. Und da ja im Grunde alles, was global gehandelt wird, irgendwo lokal erzeugt und anderswo lokal konsumiert wird, wirken sich funktionierende kleinräumige Wirtschaftsstrukturen und -kreisläufe auch auf die übergeordneten Einheiten der Volkswirtschaft positiv aus.
